Düsseldorf: Düsseldorf: Staffan Holm und "Peer Gynt" umjubelt

Düsseldorf: Düsseldorf: Staffan Holm und "Peer Gynt" umjubelt

Im ausverkauften Düsseldorfer Schauspielhaus kam die Inszenierung des Ex-Intendanten an. Überragend war Olaf Johannessen.

Die Bühne ist mausgrau – in winterkaltes Nordlicht getaucht. Die Museumswächter, die die nach Art des Düsseldorfer NRW-Forums aufgebaute Galerie bevölkern, tragen graue Kleider. Die Fotoarbeiten an den Ausstellungswänden: natürlich grau, ein sanftes, grisseliges Grau, das das Rasterkorn aus Schwarz und Weiß herausdestilliert. Peer Gynt betritt die Bühne als schweigender Bildergucker, er trägt eine schwarze, taillenhohe Hose, sein Norwegerpullover ist ein feingenähtes lurex-durchwirktes Oberteil. Noch spricht niemand ein Wort, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Jetzt heben Griegs Geigen an, gurren verheißungsvoll wie Tauben auf der Balz. Der Klang wird fordernder, das Wort bahnt sich den Weg zu einem wuchtigen dreieinhalbstündigen Bilderbogen über die Ich-Suche eines Mannes.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus ist ausverkauft, im Publikum sitzen auch Gäste aus Skandinavien und sicher einige Neugierige, die sehen wollen, wie sich der ehemalige Intendant Staffan Valdemar Holm – von der Bürde seines Amtes durch Rücktritt befreit – als Regisseur entwickelt. Zumal in einem Stück, dessen psychologische Struktur eine Vorlage für seine eigene berufliche und persönliche Odyssee liefert, die er in Düsseldorf durchlebte. Holm war aus persönlichen Gründen zurückgetreten, unter anderem wegen Burn-out-Syndroms.

Hendrik Ibsen hat das fantastische Welt- und Seelendrama des 19. Jahrhunderts im Alter von 39 Jahren aufgeschrieben. Er verfasste das auch als "Faust des Nordens" bezeichnete opulente Werk in fünf Akten ursprünglich als ein Lesestück. Für die Bühne muss es radikal gekürzt werden. Diese neue Inszenierung in Düsseldorf hat auf viel Text verzichtet, eine moderne, gereimte Übersetzung (Angelika Gundlach) gewählt und ihrem Peer Gynt weder den Zwirn noch die Handlungsmaximen eines Finanzkapitalisten dieser Tage auf seiner Weltenreise übergestülpt – was nahe läge.

Staffan Holms Peer Gynt ist eine Schicksalsfigur jener Jahre und zugleich ein Mensch von heute. "Sei du selbst" stellt Ibsen der Light-Version "Sei dir selbst genug" gegenüber. Holms Gynt-Sicht trägt sicher autobiografische Züge. So wie sein Rücktritt eine Erlösung für ihn war, so ist die Erlösung des Peer Gynt ein ebenso vielschichtiger Vorgang, der sich nicht ohne Blessuren und Bitterkeit vollzieht. Gewissermaßen legt Holm seinen Anti-Helden Peer Gynt auf die Couch des Psychotherapeuten, durchleuchtet dessen Seelenleben, den Antrieb, die Moral, die Liebe und die Hoffnung. Dazu webt der feinsinnige Regisseur ein Gesamtbild der sich in dieser Ausprägung kongenial berührenden Künste wie Musik, Tanz, Licht, Bilderwelten.

Dies alles würde am Ende vielleicht nicht so berauschend und schlüssig aufgehen ohne Olaf Johannessen, den Schauspieler, der über die weite Strecke von 60 gelebten Jahren vom ersten bis zum allerletzten Moment den Bühnenraum mitreißend belebt. Schon als Dichter in "Karte und Gebiet" erlebte man ihn in Düsseldorf, jetzt wieder außerordentlich mit Präsenz, Sprachgewalt, Vitalität, Charme und Humor. Johannessen meißelt wie ein Bildhauer die Figur des Gynt körperlich zurecht. Fast so federnd wie ein Tänzer, dem Flügel erwachsen, schwingt er sich noch durch das gröbste Elend. Als Liebhaber entfesselt er die Weiblichkeit, als entwurzelter Sohn bleibt er bis zum Schluss den Schoß der Mutter suchendes Geschöpf. Staffan Holm wollte als Intendant das Schauspiel international durchmischen, er hat Johannessen für Düsseldorf entdeckt. Und Johannessen ist jetzt der große Wurf gelungen – mit Holm zusammen, der der Personenregie eine unvergleichliche Präzision verleiht. So streckt Anitra (Claudia Hübbecker) verführerisch ihr nacktes Bein aus der Burka, um mit einer kleinen Fuß-Choreografie den nach Liebe geifernden Peer schier verrückt zu machen. Solche Szenen gibt es mehrere, das ist besonders und berührend. Holm lässt einerseits das Stück im Team entwickeln, andererseits ist er extrem genau bei der Personenregie. Der Dank entlädt sich am Ende in Jubel.

Der Norweger Peer paart sich gern und vielfach, seine Lustschreie, die vor der Pause im Theater kaum verstummen, sind überwiegend hinter die Kulisse verbannt. Gynt und Solveig sind das wahre Paar des Stückes, daher nicht zum Vollzug der körperlichen Liebe gedacht. Sie ist die unerreichbare, ferne Geliebte, die als Einzige an den Menschen Peer glaubt und ihm dadurch Vergewisserung im Leben schenkt. Sie ist zugleich eine Art Projektion zu Peers Mutter – in ihr fließen Mutter- und Geliebtenrolle ineinander. Bis zum Schluss durchschreitet Anna Kubin als Solveig wie eine Figurine Peers Lebensfelder, immer wieder ist ihr Spiel von ätherischer Leichtigkeit, Klarheit und Zartheit. Das Knistern zwischen ihnen vernimmt man bis zur letzten Reihe, nur berühren dürfen sie sich nicht. Das Kunststück erlebte man schon einmal in Holms Düsseldorfer "Hamlet"-Inszenierung, dass er es schafft, Liebende auf brennender Distanz zu halten, indem er ihre Hände tasten und ihre Füße im gleichen Taktmaß wippen lässt.

Freude und Fantasie geleiten den Regisseur bei der Arbeit, minimalistische Tänze mit Folklore-Vorlagen baut er ein, das drollige Spiel der völlig abgedrehten Trolle, allen voran Obertroll Moritz Führmann, der derzeit so gut wie nie zuvor spielt. Das Ensemble ist bestens besetzt; Peers strenge Mutter, die ihren Sohn als Lügner beschimpft und ihn tritt, ist radikal von Karin Pfammatter gezeichnet. Die weitere Besetzungsliste sieht Klasse in der zweiten Reihe vor wie Janina Sachau, Claudia Hübbecker, Aleksandar Radenkovic, Gregor Löbel, Slobodan Bestic, Stefanie Rösner, Taner Sahintürk, Antonia Annoussi, Kingsley Odiaka.

Holm liebt Musik. Was liegt näher als Edvard Grieg? Die Peer-Gynt-Suite wurde dem Stationendrama wohldosiert beigegeben. Nur am Schluss darf Neneh Cherry "Dream Baby, dream" singen – das ist es, was bleibt: Träumbereitschaft. Dann berühren sich Peer und Solveig, in einer geheimnisvoll choreografierten Szene auf der Holzbank winden sich die Körper umeinander – Solveig lässt Peer allein zurück.

Auf dem Foto, das die Szene kommentiert, liest man: "Go back. Your're going wrong way!"

(RP)
Mehr von RP ONLINE