Pianist Marcus Becker „Er hat eigentlich alles übertrieben“

Interview | Düsseldorf · Der Pianist tritt am 28. September in der Tonhalle auf. Im Zentrum des Kammermusikkonzerts stehen Werke von Max Reger, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Marcus Becker spielt in der Tonhalle.

Marcus Becker spielt in der Tonhalle.

Foto: Irène Zandel/Tonhalle

Wer mit Markus Becker redet, bekommt sofort Lust, sich ausführlicher mit der Musik von Max Reger zu befassen. Der Pianist, Bruder des Tonhallen-Intendanten Michael Becker, kennt Regers Werk wie kaum ein anderer. Am 28. September würdigt er in der Tonhalle dessen 150. Geburtstag. Wir sprachen mit ihrem über sein Kammermusikprogramm, über das Jubiläumsjahr und über Regers Hang zur Maßlosigkeit.

Stört es Sie manchmal, als Reger-Spezialist zu gelten? Sie landen damit ja in einer Schublade.

Becker Ach, das ist nicht der schlechteste Stempel. Man ist damit auch wiedererkennbar. Aber natürlich ist mein Repertoire sehr viel größer. Ich habe auch immer gerne improvisiert, was sich jetzt in meinen „Freistil“-Programmen niederschlägt.

Was begeistert Sie so an Regers Musik?

Becker Hören Sie sich mal die langsamen Sätze an, das ist einfach großartige Musik. Diese herbstlich gefärbte Romantik, diesen Versuch, die Tonalität zu retten, finde ich hoch spannend. Strauss, Strawinsky und Schönberg sind zeitgleich eigene Wege gegangen. Bei Reger finde ich selbst seine Defizite noch interessant genug, um ihn zu spielen. Und seine handschriftlichen Partituren sind wunderschön.

Warum wird seine Musik dann nicht öfter aufgeführt? Hat er es beim Publikum schwer?

Becker Es gibt ja bei Reger oft dieses sinfonisch-massive Klangbild. Sein Tonsatz ist sehr dicht: Jeder spielt eigentlich die ganze Zeit. Nicht leicht, das transparent zu machen! Seine Musik braucht wirklich gute Interpreten. So ähnlich ist es auch bei Hindemith.

Reger war ein Vielschreiber, nicht wahr?

Becker Er hat alles übertrieben, was man übertreiben kann. Nicht nur das Komponieren, sondern auch das Essen und Trinken. Er war Alkoholiker, hat oft zu wenig geschlafen, dafür viel dirigiert und gelehrt. Er war robust im Austeilen, aber empfindlich im Einstecken.

Wie kam die Werkauswahl für das Tonhallen-Konzert zustande?

Becker Regers Streichtrio a-Moll, mit dem wir beginnen, ist eine eher durchlässige, tänzerische Musik. Im Kontrast dazu hat das Klavierquartett einen warmen und orchestralen Grundklang – und einen der schönsten langsamen Sätze. In die Mitte stellen wir das berühmte Klarinettentrio op. 114 von Johannes Brahms, den Reger ja sehr verehrt hat.

Wie gut kennen Sie Ihre Kammermusikpartner, mit Sharon Kam spielen Sie ja häufig?

Becker Sharon lebt in Hannover, wie ich. Wir sind vor 15 Jahren zum ersten Mal zusammen aufgetreten. Mit der Geigerin Veronika Eberle habe ich zuletzt im Trio mit Alban Gerhardt gespielt. Mit der Cellistin Quirine Viersen war ich schon beim Kammermusikfestival „Spannungen“ in Heimbach. Adrien La Marca, den jungen Bratschisten, kenne ich bisher nur vom Hören und freue mich besonders, endlich mit ihm zu spielen.

Wie beschäftigt sind Sie im Reger-Jahr 2023?

Becker Da kommt einiges zusammen: das Klavierkonzert unter Ingo Metzmacher in der Berliner Philharmonie, Mozart-Variationen an zwei Klavieren mit Igor Levit in München, unser Kammermusikprogramm nach der Tonhalle noch in der Elbphilharmonie und in Regers Heimatort Weiden in der Oberpfalz.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Das Ende vom Gral
Premiere von Oper „Parsifal“ in Düsseldorf Das Ende vom Gral