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Düsseldorf: Die Ausstellung "Die Wirklichkeit ist sowieso" ist bis 9. September im Weltkunstzimmer zu sehen.

Zehn Jahre Weltkunstzimmer : Nichts ist diesen Kreativen heilig

Kiefernzweige in der Wand, Arbeiten mit Schuhwichse und Elfenbein. „Die Wirklichkeit ist sowieso da" heißt es bis Anfang September an der Ronsdorfer Straße. Zu sehen sind die Arbeiten von 31 Künstlern wie Vajiko Chackhiani, die sentimental und ironisch experimentieren.

Das Weltkunstzimmer wird zehn Jahre alt und feiert das Jubiläum mit 31 Freunden, die hier studiert, ausgestellt und teilweise das Dorf an der Düssel gen Brüssel, Amsterdam, Berlin verlassen haben. Die große Schau in den unperfekten, teilweise gar ruinösen Räumen entwickelt einen Charme, der zum aktuellen Thema passt. Thomas Rieger, Direktor der Konrad Fischer Galerie, kuratiert mit Janine Blöß, die seit elf Jahren am Haus ist; die Organisatoren nehmen das Datum des Jubiläums nicht ganz ernst. Wichtig ist ihnen die Frage nach einer Wirklichkeit, die angesichts wissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnisse immer mehr ins Wanken gerät.

„Die Wirklichkeit ist sowieso da" lautet ihr lakonischer Titel, der sowohl sentimental als auch ironisch und kritisch gedacht ist. Künstler sind ihrer Meinung nach die besten Garanten, um den Zustand des Zweifels und der Flucht aus der Wirklichkeit durch Gegenmodelle produktiv abzufedern. Sie luden Maler und Bildhauer ein, die schon auf der Biennale von Venedig vertreten waren wie Vajiko Chackhiani aus Tiflis, der als Meisterschüler von Gregor Schneider eine georgische Holzhütte mitsamt Mobiliar absaufen ließ und nun „endlose Enden“ aus Kiefernzweigen in die Wand steckt.

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Künstler arbeiten mit Schuhwichse und Staub, mit Abfällen und Schrott oder schaben gar die Elfenbein-Tasten eines Klaviers so lange ab, bis sie wie Aron Mehzion daraus die Worte „L’Impossibilité d'Ivoire“ an die Wand zu schreiben, wobei im Französischen das Elfenbein akustisch ans Sehen erinnert.

Rui Chafes aus Porto, der als Merz-Schüler nebenbei die Novalis-Fragmente ins Portugiesische übersetzte und mehrfach auf der Biennale gastierte, lässt eine schwarze, geheimnisvolle Eisenskulptur von der Decke hängen. Unweit davon entfernt nimmt die Britin Alice Channer einen Oberschenkelknochen, den Bauarbeiter zu Tage gefördert hatten, um ihn zu scannen, digital zu verlängern, zu biegen und im Aluminiumguss zu fräsen. Das neue Ding wird mit einem versteinerten Fossil und den Hüllen von Elektrorohren kombiniert, so dass in der Installation Jahrmillionen überspannt werden.

Künstler von heute sind nicht nur auf Stein und Bronze angewiesen. Peter Ewig umhüllt zwei Stapel Stühle mit schwarzer Folie und verwandelt den Alltag in eine fremde Dingwelt. Die Belgierin Edith Dekyndt begräbt eine Markise wochenlang in der Erde, reinigt sie anschließend von Mikroben und hängt den verschlissenen Stoff in den Raum, der eine vom Verfall bedrohte Poesie angenommen hat.

Nichts ist diesen Kreativen heilig. So friert Alex Grein, die bei Andreas Gursky studiert hat, ihre Inkjetfotos ein und lässt sie anschließend in Metallbecken auftauen, so dass die aufgelösten Farbschichten als Farbmatsch aufgefangen werden. Philipp Röcker, Meisterschüler von Vermeiren, prügelt mit einem Holzstab den weichen Ton, der sich zu einem energiegeladenen, glänzenden Berg auftürmt. Aber Röcker weiß genau, dass das Werk im Laufe der Ausstellung in sich zusammenfallen wird. Ähnlich agiert Juergen Staack. Der Meisterschüler von Thomas Ruff hat eine liebliche Naturlandschaft auf Sand gedruckt, aber benutzt zugleich einen Lautsprecher, der mit seiner Vibration die Körner durcheinanderwirbeln und das Bild zerstören wird.

All diese Dinge werden kommentarlos im Weltkunstzimmer präsentiert. Wolfgang Schäfer, ein Freigeist mit Weitsicht, Künstler und Organisator des Betriebs, erklärt, wie er mit seinem Freund Carl Friedrich Schröer auf den Namen des Zimmers kam: „In Flingern geisterte der Begriff Weltkunstzentrum herum, der den Beigeschmack der Großmannssucht hat. Da dachte ich: Weltkunst, das sind wir auch. Aber wir kombinieren es mit einem Zimmer, also etwas Kleinem. Hinter dem Namen steckt aber auch Hans-Peter Zimmer, der Stifter des gesamten Areals."

Schäfer, der vor über 30 Jahren mit einer Künstlergruppe um Achim Duchow an der Ronsdorfer Straße auftauchte, pflegte den Vermieter Zimmer bis zu dessen Tod im Jahr 2009. „Zimmer legte mir eine große Verantwortung in meine Hände. Anfangs hatte ich Angst, dass ich für die neue Aufgabe meine eigene Kunst aufgeben müsse. Inzwischen habe ich ein tolles Team an Beratern, Kuratoren, Controllern, Buchhaltern und Mieterbeauftragten. Es hat sich eingespielt."

Er selbst wie das Weltkunstzimmer sind längst über sich hinausgewachsen. 60 Proberäume stehen bereit. Es gibt Ausstellungen, Konzerte, Performances, Tanz und Theater, Workshops und Gespräche. Man kooperiert dank günstiger Mieten mit der Internationalen Tanzmesse, dem Asphalt-Festival oder anderen Einrichtungen. Die denkmalgeschützte Backfabrik und ihr offenes Hofgelände sind ein Refugium für kulturelle Kleinode oder ambitionierte Großprojekte.