Rheinoper, übernehmen Sie! Tanz und Tatort – ein Ballett über „True Crime“

Düsseldorf · Opfer, Täter, Mord, Zeugen, Indizien – am 7. März ermittelt das Ballett am Rhein. Es bringt ein außergewöhnliches Thema auf die Tanzfläche: das beliebte Literatur- und Podcast-Format „True Crime“. Hier sind erste Bühnenfotos.

Lotte James und Pedro Maricato bei der Probe.

Lotte James und Pedro Maricato bei der Probe.

Foto: Daniel Senzek

Als Eduard Zimmermann 1967 mit „Aktenzeichen XY – ungelöst“ seriös auf Sendung ging, war das Format, reale Verbrechen medial aufzubereiten, gerade geboren und noch namenlos. Heute nennt man das Genre „True Crime“, und die Dokumentation wahrer Verbrechen hat inzwischen unzählige Ableger. Mal mehr, mal weniger mordrünstig und makaber, aber faszinierend für viele – ob als Film, Buch oder Podcast. Mit „True Crime“ hat Demis Volpi, Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, den kommenden Ballettabend überschrieben. Am 7. März hat das Stück in Düsseldorf und am 22. März in Duisburg Premiere.

Was erwartet die Zuschauerinnen und Zuschauer bei „True Crime“?

Das Publikum sieht einen dreiteiligen Ballettabend, der mit zwei Pausen zweieinviertel Stunden dauert. Es gibt kein Orchester, sondern musikalische und akustische Begleitung vom Band. Es gibt keine Spitzenschuhe, sondern Neoklassik und zeitgenössischer Tanz bilden die Basis.

Welche Choreografen wirken mit?

Der Abend wird von Andrey Kaydanovskiy, Hege Haagenrud und Demis Volpi gestaltet. Kaydanovskiy ist ein russischer Ballett-Tänzer und Choreograf, der in Wien lebt und arbeitet. Haagenrud ist eine norwegische Choreografin. Sie lebt in Oslo. Für die Deutsche Oper am Rhein hat sie „Die Geschichte vom blinden Vertrauen“ im Ufo – Junge Oper Urban entworfen. Für Demis Volpi ist es die vorletzte Arbeit in Düsseldorf, bevor er zum Ballett Hamburg als Nachfolger von John Neumeier wechselt.

Was ist das Thema des Abends?

Bei „True Crime“ geht es nicht darum, eine Kriminalgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven – etwa Opfer, Täter, Ermittler – zu erzählen, wie Kriminalromane das machen. Dreh- und Angelpunkt des Abends ist vielmehr die Suche nach der Wahrheit, nach der einen Geschichte, die hinter diesem Verbrechen steckt.

Evan L'Hirondelle, Lotte James, Imogen Walters, Pedro Maricato und Camilla Agraso bei der Probe von Hege Haagenruds Choreografie.

Evan L'Hirondelle, Lotte James, Imogen Walters, Pedro Maricato und Camilla Agraso bei der Probe von Hege Haagenruds Choreografie.

Foto: Daniel Senzek/DOR

Gibt es eine literarische Grundlage?

Inspiriert ist der Abend in Teilen durch den Roman „Kaltblütig“ (1965) des US-amerikanischen Autors Truman Capote. Das Buch war seinerzeit eine literarische Sensation und gilt als Wegbereiter des Genres „True Crime“. Der Journalist und Schriftsteller Capote wollte damit einen Tatsachenbericht schreiben, der genauso spannend ist wie ein Thriller. In „Kaltblütig“ geht es um den Mord an der vierköpfigen Familie Clutter auf ihrer Farm in Holcomb in Kansas im November 1959. Die Polizei und der FBI-Agent Dewey suchen und finden die beiden Mörder. Sie werden überführt, verurteilt und 1965 hingerichtet. Capote beschreibt die Opfer, befragt Zeugen und Bekannte; er schildert die Ermittlungen und vor allem das Leben, die Flucht und die Hinrichtung der Täter. Sechs Jahre arbeitete Capote an dem Erfolgsbuch, danach verfiel er in Depressionen, nahm Drogen. An den Erfolg von „Kaltblütig“ konnte er bis zu seinem Tod nicht mehr anknüpfen.

Was passiert im ersten Teil des Ballettabends?

Andrey Kaydanovskiy beschäftigt sich mit der Faszination für das Genre „True Crime“. Er beleuchtet die Suche auf allen Ebenen von der Spurensicherung am Tatort bis zur Gerichtsverhandlung. Dabei wird deutlich, dass es in einem solchen kriminellen Geschehen mehrere Wahrheiten gibt.

Was ist das Thema bei Haagenrud?

Der zweite Teil basiert auf einer Art Text-Collage. Hege Haagenrud entwickelt anhand von O-Tönen aus Dokumentationen eine Art Bewegungsglossar. Jedes Wort wird in eine Bewegung übersetzt. „Es ist der Versuch, ein Narrativ im Chaos zu finden“, erklärt Dramaturgin Julia Schinke.

Welchen Ansatz verfolgt Demis Volpi?

Im dritten Teil beschäftigt sich der Chefchoreograf der Rheinoper mit der schillernden Figur Truman Capote (1924-1984). „Mir ging es nicht darum, eine Biografie nachzuerzählen. Ich wollte den Schriftsteller in Bezug auf die Entstehung des Genres betrachten“, erklärt Demis Volpi. „Capote ist eine zwielichtige Person, die sich selbst inszenierte. Er tanzte der damaligen Elite der USA auf der Nase herum“, sagt Volpi. Capote habe sich bei den Recherchen zu dem (vermeintlichen) Tatsachenroman in den Fall verstrickt. Er sei aber kein neutraler Beobachter und Chronist gewesen, sondern involviert: Er habe sich offenbar zu einem der Täter hingezogen gefühlt, habe Kontakt mit den Anwälten der Mörder gehabt, die Täter selbst mehrfach in ihren Zellen besucht, zwischenzeitlich für eine Aufschiebung der Vollstreckung des Todesurteils gesorgt und schließlich ihrer Hinrichtung beigewohnt.

Wie wird das Bühnenbild?

Es gibt ein besonderes, von der Farbe Blau dominiertes Bühnenbild, das Sebastian Hannak entworfen hat. Die Bühne gewinnt im Laufe der Vorstellung an Tiefe. Kostümbildnerin Bregje van Balen und Lichtdesigner Christian Kass haben alle drei Stücke mitgestaltet.

Welche Tänzerinnen und Tänzer sind voraussichtlich zu sehen?

Bei Andrey Kaydanovskiy: Clara Nougué-Cazenave, Elisabeth Vincenti, Emilia Peredo Aguirre, Orazio Di Bella, Miquel Martínez Pedro, Jack Bruce. Bei Hege Haagenrud: Camilla Agraso, Marta Andreitsiv, Lotte James, Imogen Walters, Joaquin Angelucci, Evan L’Hirondelle, Pedro Maricato. Bei Demis Volpi: Paula Alves, Maria Luisa Castillo Yoshida, Lara Delfino, Futaba Ishizaki, Norma Magalhães, Ako Sago, Courney Skalnik, Daniele Bonelli, Philipp Handschin, Samuel López Legaspi, Nelson López Garlo, Damián Torío, Long Zou.

Info Düsseldorf: Premiere am Donnerstag, 7. März, 19.30 Uhr; Duisburg: Premiere im Theater am Freitag, 22. März, 19.30 Uhr. Karten und Infos unter www.operamrhein.de

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