Documenta: Die Tragödie der Kunstschau

Defizitäre Kunstschau: Die Documenta-Tragödie

In einem Prüfbericht von PWC wird die Geschäftsführung für das Defizit der Documenta verantwortlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt.

Im Zusammenhang mit dem Finanzdefizit der Kunstschau Documenta in Höhe von mehr als fünf Millionen Euro hat die Staatsanwaltschaft Kassel ihre strafrechtlichen Ermittlungen unter anderem wegen des Verdachts der Untreue ausgeweitet. Grund dafür ist ein Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, der Aufsichtsratsmitgliedern der Documenta gGmbH im November vergangenen Jahres präsentiert wurde. Die Präsentation liegt unserer Redaktion in Auszügen vor.

Bereits im September vergangenen Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Kassel nach einem Bericht der "HNA" über eine Budgetüberschreitung bei der Documenta ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Mitte Oktober 2017 hat zudem die Kasseler AfD-Fraktion unter Bezugnahme auf die Berichterstattung der "HNA" Strafanzeige wegen Untreue gegen den ehemaligen Oberbürgermeister von Kassel und ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Documenta sowie gegen die Geschäftsführerin und den künstlerischen Leiter erstattet.

Die Ausweitung der Ermittlungen bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage: "Nach der Prüfung beigezogener Berichte einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wurden nunmehr weitere Ermittlungen aufgenommen, das heißt, ein so genannter Anfangsverdacht bejaht." Allerdings sei damit noch kein Schuldvorwurf verbunden.

Viele Hinweise auf schwere Versäumnisse

Der Abschlussbericht - von dem lediglich vier Exemplare existieren sollen - ist gespickt mit Belegen für teilweise eklatante Versäumnisse der Geschäftsführung, vertreten durch die Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, im Umgang mit öffentlichen Geldern. Danach haben, so der Bericht, "unzureichende Controlling-Maßnahmen und -Systeme" zu einer "zu späten Feststellung der Höhe der defizitären Entwicklung geführt. Bedeutsame Gegenmaßnahmen konnten ab Mai/Juni 2017 dann nicht mehr eingeleitet werden", wie es heißt.

Viele Entscheidungen der Geschäftsführung sind danach am Aufsichtsrat vorbei getroffen worden. Eine Finanzplanung, die alle zwei Monate dem Aufsichtsrat vorgelegt wurde, enthielt keine sonst übliche wie auch notwendige Prognose für das gesamte Wirtschaftsjahr.

Der Aufsichtsrat blieb somit offenbar lange Zeit im Unklaren über die tatsächliche wirtschaftliche Situation und wachsende Defizite. "Aufgrund fehlender Liquiditätsplanung wurde die Liquiditätslücke an sich viel zu spät festgestellt. Im Ergebnis ist dies durch die GF (Geschäftsführung) zu vertreten", so PWC.

Das Problem Athen

Dreh- und Angelpunkt des finanziellen Verlustes ist Athen gewesen. Mit der Stadt wurde erstmals eine zweite Spielstätte der Documenta neben Kassel aufgemacht. Das war die Idee des polnischen Kurators Adam Szymczyk. Ausgerechnet am Geburtsort der Tragödie sollte sich Kunst ereignen zu einer Zeit, da sich die Menschheit in einer bedrohlichen Situation befände, so die Idee. Athen und Kassel zur gleichen Zeit - das war neu, außergewöhnlich und für den Kurator ein Rätsel: "Ich verstehe noch nicht, was das genau bedeuten wird. Vielleicht verstehe ich es dann im September und kann mich hoffentlich darüber freuen."

Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Trotz des Erfolgs in Kassel - der PWC-Bericht weist ein Plus von etwa 2,1 Millionen Euro aus -, wurde für das Athener Gastspiel eine "Ausgleichsfinanzierung" von 7,5 Millionen Euro nötig. Der PWC-Bericht deutet an, wie naiv und - anscheinend auch ohne Konzept - unkontrolliert man in dieses Finanzdesaster hineinschlitterte.

Denn obgleich Athen viel Bedeutung beigemessen wurde, blieb die Umsetzung eine Sache weniger Entscheidungsträger, wie es die Wirtschaftsprüfer feststellen. Die Unterzeichnung des Vertrags mit dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen erfolgte im Februar durch die Geschäftsführung mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden - das war zu diesem Zeitpunkt der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD).

Grundlage des Vertrags war eine Gegenfinanzierung "unmittelbarer Betriebskosten", die, wie es im PWC-Papier steht, durch zusätzliche Einnahmen beim Ticket-Verkauf in Athen (den es nicht gab) wie auch durch Einsparungen im Kunstbudget erzielt werden sollten. Weitere und nicht unerhebliche Kosten, etwa für das Personal, den Transport sowie weitere Kunstwerke, wurden "nicht weiter berücksichtigt". Zudem sind weitere Mitglieder des Aufsichtsrates "nicht in die Entscheidung eingebunden oder informiert" worden.

Größere Summen Bargeld im Safe

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Dies ist der rote Faden der Mängelliste. So hätten einzelne Maßnahmen zur Gegenfinanzierung der "Zustimmung des Aufsichtsrates bedurft", heißt es im PWC-Papier. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatte Geschäftsführerin Kulenkampff im Oktober 2017 erklärt, dass es in dem Prüfungsbericht nichts geben werde, "wo irgendjemand irgendwas nicht korrekt gemacht hätte".

Zu den Skurrilitäten mit der Athener Spielstätte zählt auch, dass zur Finanzierung größere Summen Bargeld in die griechische Hauptstadt mitgenommen und dort in einem Safe deponiert wurden. Das sei nötig gewesen, da man in Athen lediglich 430 Euro in der Woche von einem Konto abheben konnte. Die Bargeldkasse ist laut der früheren Geschäftsführerin "nachweisbar abgerechnet worden".

Insgesamt ist die Zahl der im Bericht aufgelisteten Fehler beträchtlich: Die Finanzplanung sei nicht professionell gewesen, erforderliche Finanzstatus-Berichte blieben aus, es gab Vertragsabschlüsse ohne Information an den Aufsichtsrat. Für den hohen Anspruch der alle fünf Jahre stattfindenden Kunstausstellung ist das ein Armutszeugnis. Provinz statt Weltgeltung. Dementsprechend mehren sich die Verrisse jener, denen das Auftreten der Documenta immer eine Nummer zu groß war. "Die Documenta braucht keiner", titelte die "Neue Zürcher Zeitung", während in der "Welt" zu lesen war: "Schluss mit der Documenta, und zwar für immer!"

Das aber wird sich die kreisfreie Stadt mit ihren etwas mehr als 200.000 Einwohnern - trotz des Defizits der Documenta - auch finanziell gar nicht leisten können. So wird geschätzt, dass die knapp 900.000 Besucher - die Einheimischen sind darin eingerechnet - über 120 Millionen Euro in der Stadt ausgeben. Die Documenta ist das, was man eine geldwerte Marke nennt. Ein Segen für die Gastronomie und mit den Steuereinnahmen auch für die Stadt, die mit sieben Millionen Euro am Documenta-Gesamtbudget in Höhe von 35 Millionen Euro beteiligt ist.

Veröffentlichungsdatum ungewiss

Bis zur nächsten Documenta, deren Beginn für den 18. Juni 2022 angekündigt wurde, wird man nicht nur über die Finanzierung und die Verantwortlichen sprechen müssen, sondern auch über das, was die Ausstellung künftig überhaupt will und kann.

Der Künstler und Kunstakademie-Professor Gregor Schneider spart nicht mit Kritik an Kurator Adam Szymczyk: "Adam hat es mit schierer Größe und Geld versucht, mit purem Wachstum. Wenn es mit der Kunst nicht klappt, muss es krachen. Endlich wieder mal was los!", heißt es in Schneiders Gastbeitrag zum Ende der Schau für die "Hessische Niedersächsische Allgemeine". Und weiter: "Die Documenta 14 hat eine große Chance vertan, neuen Werkbegriffen eine große Öffentlichkeit zu geben. Die beteiligten Künstler zahlen den höchsten Preis. Den der Unsichtbarkeit."

Wann der PWC-Bericht nun veröffentlicht wird, ist ungewiss. Die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer haben die Staatsanwaltschaft zumindest ermuntert, weitere Ermittlungen aufzunehmen. Der Vertrag mit Geschäftsführerin Annette Kulenkampff wurde zum 1. Juni 2018 vorzeitig aufgelöst - wie es heißt "in beiderseitigem Einvernehmen".

Kulenkampff weist Vorwürfe zurück

Am Dienstag nahm Annette Kulenkampff über ihre Anwälte Stellung und ließ alle Vorwürfe zurückweisen. In dem siebenseitigen Schreiben heißt es unter anderem, dass die "Feststellung einer defizitären Entwicklung" aus Sicht der Geschäftsführerin "nicht ,zu spät' erfolgte, sondern die Documenta war mit nicht vorhersehbaren Entwicklungen konfrontiert, die zu erhöhten Kosten führen". Das Controlling-System sei ausreichend gewesen. Auch seien die absehbaren Kostensteigerungen in Athen "durch frühzeitige Einsparungen aufgefangen" worden.

"Absehbare Mehrkosten der Ausstellung in Athen gingen mit einer ,Streichliste' einher, durch die im Gegenzug 800.000 Euro durch Minderausgaben und Mehreinnahmen kompensiert wurden". Aus Sicht von Annette Kulenkampff hat sie keine Maßnahmen der Gegenfinanzierung "ohne Zustimmung des Aufsichtsrats vorgenommen, obwohl diese zustimmungsbedürftig gewesen wären".

Als "falsch" bezeichnen die Anwälte, "dass der Aufsichtsrat ,lange Zeit' im Unklaren über die tatsächliche wirtschaftliche Situation und das wachsende Defizit blieb. Sobald wirtschaftliche Defizite absehbar waren, wurde der Aufsichtsrat informiert". Erstmals habe sich ein Fehlbetrag im Juni 2017 herausgestellt. "Sodann erfolgte umgehend eine Information: Am 12. Juni wurde der ehemalige Aufsichtsratvorsitzende Hilgen über einen möglichen Fehlbetrag informiert."

Und am 19. Juli laut Stellungnahme sein Nachfolger, Christian Geselle. Nach Aussage der Geschäftsführerin habe sie "negative Liquiditätsentwicklungen jeweils zu dem Zeitpunkt festgestellt, zu dem diese feststellbar waren". Von der Unterzeichnung des Vertrages mit dem Nationalmuseum seien, so heißt es, zudem Aufsichtsrat Staatsminister Rhein und Alexander Fahrenholtz von der Kulturstiftung des Bundes informiert worden.

(los)