Diskussion um Asylpolitik: Auch die Grenzerfahrung spielt eine Rolle

Flüchtlingsdiskussion : Eine Grenzerfahrung

ANALYSE Die Flüchtlingskrise hat die Frage auch nach unseren Grenzen neu gestellt. Die Diskussion darum ist mehr als nur politischer Alltag: Sie definiert vor allem unsere Gesellschaft.

DÜSSELDORF Der Überlebenskampf entscheidet sich an Deutschlands Grenze. Vorerst ist es nur ein politischer: der einer Kanzlerschaft, eines Ministeramtes und einer anstehenden Landtagswahl. Also die üblichen taktischen Spielchen, wenn auch in exponierter Form und für die Beteiligten auf einem gefährlichen Niveau? So recht mag man es nicht verstehen, dass sich die Machtfrage in Deutschland im Streit um Flüchtlinge entscheiden soll. Vielleicht ist es darum auch nicht so sehr die Sorge um die flüchtenden Menschen, die die Politiker und vermutlich auch viele Menschen derart bewegt. Scheint sich doch in der Debatte auch die Frage nach Sicherheit und Zukunft, Identität und Gemeinschaft zu spiegeln. Und nirgends wird all das spürbarer und erfahrbarer als an Grenzen.

Damit sind nicht Schlagbäume gemeint und nicht einmal geplante Transitzentren. Die Grenze meint immer mehr: Erst mit ihr wird ein Territorium abgesteckt, in dem Regeln gelten und gewisse Ordnungen. Grenzen lassen möglich und durchführbar werden, was man System nennt, beispielsweise ein Rechtssystem. Was diesseits der Grenze Schutz und Vertrauen schenkt, ist jenseits der Grenze zumindest Neuland. Grenzen sind darum nicht nur lebenswichtig, sie sind in ihrem Kern Konstanten für menschliches Denken, Zusammenleben und Handeln.

Nur so lässt sich erklären, dass derart viel aufs Spiel gesetzt wird: Grenzbereiche sind sensible Zonen, und das zu Recht. Denn so negativ heutzutage zum Beispiel Aus- oder Abgrenzung klingen mag, so lebenswichtig ist das für jeden Einzelnen: Unsere Identität wird dadurch beschreibbar, dass wir uns von anderen unterscheiden können. Völlig wertfrei betrachtet, ist die Grenze eine Linie, die Dinge voneinander trennt und die hilft, einen eigenen Standpunkt zu gewinnen. So sind Grenzen auch die Voraussetzung dafür, dass wir urteilsfähig sind.

Grenzen sind nicht alles. Aber ohne Grenzen ist vieles nichts. Vor allem bei der Existenz von Gemeinschaften. Die Grenzen sind dann Markierungen, die Gesellschaften definieren. Innerhalb dieser Marken gelten verbindliche Regeln, sind Gesetze festgeschrieben, wird Freiheit definiert und eine Sprache vorgegeben. Grenzen bestimmen einen sozialen Raum, verknüpft mit bestimmten Konventionen. In diesem ursprünglichen Sinn sind Grenzen kulturelle Errungenschaften, die jedem Mitglied der jeweiligen Gemeinschaft Orientierung bieten.

Das hört sich nach einem sanften Band an, was dauerhaft keine Grenze wirklich sein kann. Denn jede Grenzziehung – insbesondere die territoriale – ist etwas Gemachtes, nie etwas Gegebenes und somit ewig während. Grenzen können verschoben werden, sie stehen zur Diskussion, werden angezweifelt, sind Grund für Kriege – oder werden manchmal fast abgeschafft. Das Schengener Abkommen ist nicht nur ein Meilenstein für die Union Europas. Es ist auch eine „Zumutung“ für alle Bewohner. Denn neben der touristisch-unbeschwerten Erleichterung von Ein- und Durchreise setzt es die Souveränität der Bewohner voraus, Gemeinschaft neu, und das heißt: weit größer, großflächiger, auch abstrakter zu denken. Das Schengener Abkommen hat Grenzen zu einer Zeit antastbar werden lassen, in der Europa als erlebbare Einheit keineswegs fraglos war.

Grenzen haben die Menschen immer auch gereizt, sie zu überwinden. Ohne solche Versuche wäre eine Leistungsgesellschaft ebenso wenig vorstellbar wie Wissenschaft und Fortschritt. Der Versuch, hinter die vermeintlichen Grenzen des Denkbaren zu gelangen, zeugt von der Dynamik und der Zuversicht einer Gesellschaft. Überhaupt ist die Bedeutung der Grenze nie die Sackgasse, nie das Ende von etwas. Wer Grenze sagt, weiß, dass es etwas anderes hinter der Grenze geben muss. Sie ist also immer auch mit dem Versprechen und der Hoffnung auf Künftiges verknüpft. In vielen Religionen wird der Tod mit einer Grenze beschrieben. Zwar endet das irdische Leben, doch wartet noch ein unbeschreibliches Jenseits auf den Verstorbenen.

Natürlich ist nicht alles gut an Grenzen. Eine Gemeinschaft, die sich definiert, muss Fragen beantworten wie diese: Wer gehört dazu? Wer nicht – und warum eigentlich nicht? Autoritäre Staaten tun sich in aller Regel mit der Beantwortung nicht schwer. Die Berliner Mauer war für die DDR-Machthaber ein Monument der unumstößlichen Selbstbehauptung. Anders ist es in Demokratien, in denen das Zusammenleben von Zeit zu Zeit bedacht, befragt und neu ausgehandelt wird. Auch diese Prozesse sind wertvolle Grenzerfahrungen, die mit der Flüchtlingskrise massiv zugenommen haben.

Zunehmend ist wieder von der „Festung Europa“ die Rede. Grenzen scheinen plötzlich die Achillesferse der westlichen Staaten zu sein und werden zu Schutzwällen deklariert. Davor warnen viele, vor allem Philosophen wie der im vergangenen Jahr gestorbene Zygmunt Bauman. „Die Politik wechselseitiger Abschottung, die Mauern statt Brücken baut und auf schalldichte Echokammern statt auf leistungsfähige Verbindungen für eine ungestörte Kommunikation setzt, führt nirgendwo anders hin als in das Brachland des gegenseitigen Misstrauens, der Entfremdung und der Verschärfung der Lage.“

Wenn jede Grenzziehung Auswirkungen diesseits und jenseits der Markierung hat, dann wird eine Abschottung die Gemeinschaft auch innerhalb nicht unberührt und unverändert lassen. Die Frage nach der Grenze ist die Frage nach der Identität unserer Gesellschaft und nach den moralischen Leitplanken unseres Zusammenlebens.

Ist die Aufregung derzeit also Panik oder Hysterie? Oder gar die erregte Phase einer neuen, gesellschaftlichen Selbstfindung? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dazu einmal beruhigende Worte gesprochen: „Solange ein Kollektiv sich über die Vorstellung, dass es sich selbst abschafft, bis zur Weißglut erregen kann, hat es seinen Vitalitätstest bestanden.“

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