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München: Dirigenten-Legende Sawallisch tot

München : Dirigenten-Legende Sawallisch tot

Aachen, Köln, Bayreuth, Hamburg, München, Philadelphia – Wolfgang Sawallisch (1923–2013) war ein begehrter Maestro.

Vor zwanzig Jahren sagte dieser Mann, er fange noch einmal neu an. Er war da bereits 70 Jahre alt, und wie immer, wenn ältere Dirigenten noch einmal ganz neu anfangen, fragt sich jedermann, woher sie die Energie nehmen – und natürlich auch die Selbstgewissheit, dass der Tank und die Akkus irgendwie noch voll sind.

So kam der große Günter Wand zu seinen späten Bruckner-Erleuchtungen, und so kam Wolfgang Sawallisch 1993 zu einem neuen Leben – in Philadelphia, jener Stadt im Osten der USA, die eins der Big Five unterhielt, der bedeutendsten Orchester Amerikas. Alle Welt fragte sich, wer die Fusion arrangiert hatte: hier ein mythisches Orchester, das kein Geringerer als Leopold Stokowski zu einer ultimativen Soundmaschine erzogen hatte, dort ein deutscher Kapellmeister, der gleichsam gipsern auf dem Sockel der Tradition stand, ein Mann mit tadellos-kantigen Manieren, ältlichen Krawatten und einem als akademisch etikettierten Musizierstil. Es wurde indes eine Zeit des Umsturzes.

Hätten hierzulande viele nicht gedacht. Mit Sawallisch assoziierten sie oft Bürokratismus, eine überkorrekte Form von Werktreue, etwas Holzgetäfelt-Verbindliches. In Wirklichkeit war Sawallisch einer der großen Dirigenten des Jahrhunderts, einer, der sich aufopferte und aus Demut vor den Komponisten ungnädig gegenüber allen Formen der Schlamperei war. Er hat uns Aufnahmen und Konzerte von bannender Schönheit und Gewissheit geschenkt; Wagner konnte er famos, Strauss hat er verehrt, sein Mozart besaß Brio und Geist.

Jene zehn Jahre in Philadelphia waren keine Zeit des Ausruhens am Brunnen des perfekten Klangs. Kurt Masur hat in seinen New Yorker Jahren wenig am Orchesterklang auszusetzen gehabt, ebenso Christoph von Dohnányi in Cleveland. Sawallisch war anders – und deshalb wohl auch geholt worden. Das Philadelphia Orchestra sollte international konkurrenzfähig bleiben und sein Repertoire erweitern, das Riccardo Muti verschlankt und verschlampt hatte. Sawallisch kam, hörte und befahl: Das Orchester wurde extrem verjüngt, verdiente Konzertmeister, Stimmführer, Solobläser wurden ausgemustert, Probenabläufe optimiert. Die Lizenz zum Jäten hatte er sich ausbedungen, und nur wenige zweifelten an seiner Autorität und seinen Begründungen. Er konnte ein sturer Knochen sein, aber weder war er Diva noch Klapperschlange. Um Sawallisch wehte eine höhere Form von Gerechtigkeit.

Seine Karriere war beispielhaft. Mit knapp 30 Jahren wurde der gebürtige Münchner schon Generalmusikdirektor in Aachen, von dort ging es nach Wiesbaden, Köln, Hamburg. Genf. Mit 33 Jahren stand er erstmals in Bayreuth am Pult – und 1971 warb ihn die Bayerische Staatsoper als Chef an. Da war Wolfgang Sawallisch keine 50 Jahre alt, doch wussten alle: Der wird den Laden hier reformieren, verjüngen, schleifen, polieren. München war Sawallischs erstes Philadelphia-Erlebnis, und er blieb 22 Jahre.

Man kann so eine Staatsoper mit einem Landwirtschaftsbetrieb vergleichen: Man muss gucken, dass die Produktionsbedingungen und die Nachfrage gut koordiniert sind, und man muss schauen, dass alle Beschäftigten glücklich sind, dann geben sie mehr Kunst. Letzteres gelang Sawallisch leise im Hintergrund – und nach außen vor allem, wenn er Wagner und Strauss dirigierte: Da sammelte er alle Kräfte hinter sich und beflügelte sie. Von solch großartigen Abenden schwärmen Münchens Opernenthusiasten noch heute. "Arabella", "Frau ohne Schatten" oder "Tannhäuser" – da kam und kommt an Sawallisch noch heute, auch auf CD, keiner vorbei.

Sawallischs zweite Herzheimat neben München war Japan. Dort wurden ihm Blütenblätter gestreut, wenn er zum NHK Orchester Tokio kam. Sawallisch liebte die Herz- und Verbindlichkeit der Japaner, weil er das Giftschrank-Klima Münchens oft beseufzte: Kaum kehrte man jemandem den Rücken, braute der schon ein Süppchen. Aber Sawallisch witterte Intrigen früh, außerdem hatte er die Sänger auf seiner Seite; als erlauchter Liedbegleiter am Klavier war er weithin begehrt.

Mit Düsseldorf verband Wolfgang Sawallisch übrigens die Vorliebe für besten deutschen Chorklang; mit dem Städtischen Musikverein hat der Maestro immer wieder gearbeitet und aufgenommen, Schumann und Mendelssohn, aber auch Beethovens Neunte mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam. In Düsseldorf erlebte der Autor dieser Zeilen mit Sawallisch ein unauslöschliches Konzert – Schumanns 4. Symphonie d-moll in der Originalfassung und mit den Wiener Symphonikern, mit einer explosiven Helligkeit, einem erregenden Schwung, der gar nichts gemein hatte mit Töpferarbeiten.

Dieser bedeutende Dirigent ist jetzt – zurückgezogen, aber von den Kennern unvergessen – 89-jährig in seinem Alterssitz im oberbayerischen Grassau gestorben. Die Tränen in München werden echt sein.

(RP)