Dirigent Gustavo Dudamel bei Berlins Philharmonikern

Dirigent Gustavo Dudamel: Der Maestro aus Caracas

Gustavo Dudamel zählt zu den spannendsten Dirigenten der Gegenwart. Derzeit reist der Venezolaner mit den Berliner Philharmonikern durch Asien.

Es gibt zwar Bataillone famoser Dirigenten, echter Pultstars, selbsternannter Taktstockmagier, dynamischer Fexe, nüchterner Kapellmeister, umfassend gebildeter Generalmusikdirektoren und gehypter Vorturner – doch wenn die Berliner Philharmoniker einen Chefdirigenten für die nähere und fernere Zukunft suchen, dann gestalten sich die Maßstäbe auch schon mal irrational. Wer soll Simon Rattle nachfolgen? Diese Frage wurde vor geraumer Zeit zu einer peinigenden Odyssee der Personalakquisition. Demnächst bekommen sie Kirill Petrenko, den sie in München (wo er jetzt noch an der Staatsoper wirkt) „Penetrenko“ nennen, weil er sich an zwei unschuldigen Takten zwei Stunden lang festbeißen kann und diese zwei Takte dann unvergleichlich zum Klingen bringt. Den Rest aber auch.

Nun kommt Petrenko offiziell erst 2019, Simon Rattle ist aber bereits weg aus Berlin – und was ist mit dem Jahr dazwischen, dem gefürchteten Interim? Es ist nicht anzunehmen, dass die Philharmoniker bei einem solcherart herrschaftsfreien Raum ins Loch des Mittelmaßes rutschen, doch auch Weltklasse-Orchester brauchen Konstanten, erzieherische Supervision, auch sie bedürfen fürs Feine einer Feile und der Nagelschere. Für den Übergang haben sie einen Künstler gefunden, den sie seit genau zehn Jahren kennen und lieben; am Samstag sind sie gemeinsam auf Asientournee gegangen und werden neben Konzerten in Thailand und China auch das neue nationale Kulturzentrum in Taiwan einweihen. Dieser Künstler ist 37 Jahre alt, kommt aus Venezuela und heißt Gustavo Dudamel.

Dudamel entstammt dem berühmten „Sistema“, jener 1978 ins Leben gerufenen Bildungsoffensive von José Antonio Abreu, dem es gelang, 350.000 venezolanischen Kindern und Jugendlichen umsonst ein Instrument und einen Lehrer zu besorgen und somit eine Alternative zu Armut, Kriminalität und Drogen zu bieten. Dudamel ist sein berühmtester Zögling. Allerdings standen seine Chancen etwas besser, seine Eltern sind ebenfalls Musiker. Optimiert wurden diese Chancen durch seine Begabung. Dudamel ist ohne Zweifel einer der spannendsten Dirigenten der Gegenwart. Das heimische Simón-Bolívar-Jugendorchester führte er zu internationalem Ansehen, 2004 gewann er den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg, wurde 2007 Chef in Göteborg und befehligt seit 2009 das Los Angeles Philharmonic Orchestra. Die ganze Welt reißt sich um ihn.

Seine Jahre als Sonnyboy sind allerdings vorbei. Das merkt man, wenn man ihn am Pult der Philharmoniker in deren heimischem Tempel erlebt, dem immer noch wunderbaren Scharoun-Bau. Das Konzert ist restlos ausverkauft, in der Hauptstadt ist Dudamel eine Marke, längst nicht mehr der staunenswerte Latino-Exot. Vor allem nimmt sich Dudamel völlig zurück, wenn es keine Effekte zu kitzeln, sondern Tiefen auszuloten gilt. Das Programm ist überaus ernst und anspielungsreich: Bernsteins erste, zu Herzen gehende Symphonie „Jeremiah“ (1942) und nach der Pause Schostakowitschs schillernd-ominöse, angeblich unter Stalins Druck auf pompöse Linientreue eingeschworene und gespenglerte 5. Symphonie d-Moll (1937).

Vom ersten Takt an verschwindet Dudamel sozusagen im Körper dieses Orchesters, er macht die Arme nicht lang, er streckt sich nicht, er turnt nicht auf dem Podest, auch wenn er ja alles andere als ein Hüne ist. Er strebt die ideelle Vereinigung zwischen Dirigent und Musikern an, er widersteht der Versuchung, Einsätze mit jener überdimensionalen Gestik zu geben, mit welcher Polizisten bei Ampelausfall große Kreuzungen und den anbrandenden Verkehr regulieren und bändigen.

Solche Reduktion auf das Nötigste trägt zwei Kerne in sich.

Erstens Dudamels Bescheidenheit, die das Orchester als die wahre Hauptfigur des Abends ausweist. Das ist es in der Tat, weil beide Werke eine spezifische und zum Teil sehr frontale Form von Virtuosität erfordern. Dirigenten, die sich hier selbst überwölben und den Zampano herausstreichen, haben bei einem Spitzenorchester schlechte Karten. Vor allem in Berlin mit seinem überaus kompetenten, an diesem Abend fast verschwiegenen und vom spirituell-religiös-politischen Bann der Werke gelenkten Publikum: Die mögen den Typ Zappelphilipp am Pult gar nicht.

Zweitens aber auch Dudamels Einsicht, dass es in diesen Werken erstaunlich wenig zu dirigieren gibt. Wir befinden uns ja nicht bei Schubert, Beethoven oder Brahms, bei denen interpretatorische Bekenntnisse abzulegen sind. Relevant ist diesmal einzig die Balance im Orchesterklang und die Beantwortung der Frage, ob expressive, um ihr Leben ringende Akkorde in den beiden existenziellen Werken irgendwie aufgehübscht, poliert, verfreundlicht werden müssen – oder ob sie in ihrer wahrhaftigen Hässlichkeit stehen bleiben dürfen. Dudamel entschied sich für die Wahrheit. Also fürs Nackte. Aber er übertrieb es nicht.

Im Finale der Schostakowitsch-Symphonie löste Dudamel das Tempo-Problem glänzend. Durch alle Partituren, die der Komponist angeblich selbst autorisiert hat, geistern unterschiedliche Anweisungen – von schnell und militant bis zu langsam und lastend. Dudamel wählte eine organische Lösung und erwies sich auch dadurch als Künstler, der jenseits aller Wirkung für die Galerie die Mitte der Musik gefunden hat.

Dafür bekam er am Ende – sozusagen als tönenden Reisegruß Berlins – gigantischen Beifall eines hingerissenen Publikums. Alle Ovationen leitete er sogleich ans Orchester weiter und betrat das Pult kein einziges Mal mehr, sondern stellte sich – längst ein echter Maestro – zwischen die Philharmoniker. Seine Botschaft: Wir waren das!

Mehr von RP ONLINE