Digitale Kunst erobert die Museen

Crossmedia-Kultur : Digitale Kunst erobert die Museen

Video war gestern. Die Künstler von heute nutzen das Medium kaum noch, um Erzählungen zu transportieren, sondern nur mehr als Baustein der Digitalen Kunst, als Teil der sich ausweitenden Crossmedia-Kultur. Früher ergriff der eine den Pinsel, der andere Stein und Meißel. So war von vornherein klar, ob am Ende des künstlerischen Prozesses ein Gemälde oder eine Skulptur stehen würde.

Heute dagegen bildet ein noch nicht an ein Material gebundener Gedanke meist den Ausgangspunkt. Erst im zweiten Schritt kümmert sich die Künstlerin, der Künstler darum, wie er einer Idee Ausdruck verleiht. Die Materialwahl läuft immer häufiger auf eine Kombination hinaus. Fast alles lässt sich mit allem verbinden: Malerei und Grafik mit Computerkunst und Musik, Collage mit Objekten und Videos. Das neue Zeitalter der ineinanderfließenden Künste hat längst Einzug in Ausstellungshäuser und Museen gehalten, die sich auch oder ausschließlich mit Kunst der Gegenwart befassen. Vom Centre Pompidou bis zur Kunsthalle Düsseldorf - crossmediale Kunst, die einen Stecker benötigt, zählt zum Standard.

Auf der Suche nach Ideen schöpfen die Künstler meist unmittelbar aus dem Alltag oder aus dessen Verarbeitung in Comic-Szenen. Was man in solchen Ausstellungen zu sehen bekommt, verdient in der Regel das Prädikat virtuos: Mit Hilfe von Computerprogrammen lösen sich Gegenstände aus der Pop-Kultur in tausend Einzelteile auf und setzen sich womöglich nach wenigen Sekunden schon wieder zusammen. Menschen und Räume fliegen durch den Kosmos. Alles geschieht in einer Geschwindigkeit, dass einem schwindlig werden kann. Tunnelfahrten führen aus einem Ambiente ins nächste - alles fließt.

Wer vor einem ungegenständlichen Gemälde steht, muss Ansatzpunkte in seinem eigenen Erlebnisfeld entdecken, sonst bleibt das Bild stumm. Ähnlich verhält es sich mit der Digitalkunst. Als Erfahrungswelt setzt sie zumindest den täglichen Umgang mit Smartphone und Tablet, mit Internet, Laptop und Animationen voraus und mit den zahllosen grafischen Möglichkeiten, welche diverse Geräte ihren Benutzern bieten. Dann wird man den meist in Endlosschleife offerierten Programmen vielleicht auch einen Sinn entlocken.

Wer heute Ausstellungen arrangiert, muss sich auf diesem Feld auskennen. Die Düsseldorfer Kuratorin Pia Witzmann zählt dazu. "Multimedia ist die Zukunft der Kunst", sagt sie. Wenn sie allerdings auf einer Videoleinwand eine Endlosschleife verfolgt, gerät sie auch ins Grübeln: "Es passiert nichts." Und damit meint sie: "Es geht um pure Oberfläche, nicht mehr zum Beispiel um Introspektion", also nicht um den Blick des Künstlers oder Betrachters in sein Inneres.

In der Tat fragt man sich, was junge Leute eigentlich erleben, wenn sie unentwegt auf ihr Smartphone starren. An die Stelle der Wirklichkeit ist ein zweites, künstliches Leben getreten - ein Leben, das weitgehend ohne den Umgang mit Materialien auskommt, ohne Fühlen, Tasten und Riechen. Selbst die zwischenmenschlichen Kontakte sind meist auf elektronische Vermittlung angewiesen. Dabei wird das Lebensgefühl vom Loop bestimmt, von der Schleife, die immer wieder die gleichen Bilder, die gleichen Klänge vorspielt. Man mag die Begeisterung für diese Art von Ereignislosigkeit kritisieren - sie scheint aber einen Nerv zu treffen.

Die nächste Welle wird folgen. Eine Hinwendung zum guten alten Standbild? Oder gar Auseinandersetzung mit Politik? Dem digitalen Zeitalter ist noch manches zuzutrauen.

(RP)
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