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Düsseldorf: Diese Utopien sind doch nur Gestammel

Düsseldorf : Diese Utopien sind doch nur Gestammel

Sebastian Baumgarten inszeniert Lew Tolstois "Die Macht der Finsternis" im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Darsteller spielen mit Inbrunst gegen die Verzerrung ihrer Figuren an.

Manchmal erzählen Dichter nicht nur von einem anderen Leben, manchmal probieren sie es aus. Doch nur wenige so radikal wie Lew Tolstoi. Denn der war nicht nur Dichter, sondern Christ. Ein Radikaler, der erkannte, wie revolutionär die Nachfolge Jesu in Wahrheit ist, wie schwer sie sich versöhnen lässt mit dem privilegierten Leben eines russischen Aristokraten. Das macht Tolstoi so interessant für die Zeitgenossen von Occupy-Bewegung und Finanzmarktkrise. Heute schlagen Sozialutopisten ihre Zelte vor der Wall Street auf, Tolstoi hat die Äcker seines gewaltigen Gutes Jasnaja Poljana zum Versuchsfeld gemacht. Dort wollte er Schulen bauen, in denen Kinder zu freien Menschen erzogen würden. Dort zog er das Wams des Bauern über, um einfach zu leben und sich die zermürbenden Grübeleien über das richtige Leben im Falschen auszutreiben. So hat er auch unserer gierigen Zeit noch viel zu sagen.

Der Ort, an dem das geschehen kann, ist das Theater. "Also, was sollen wir tun?", hat Sebastian Baumgarten in kyrillischen Lettern auf der großen Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus an die Wände geschrieben. Es ist der Titel einer Sozialstudie von Tolstoi, doch zugleich der Seufzer eines Postmodernen, der nach all den enttäuschten Utopien der vergangenen Jahrhunderte den Glauben an eine nächste Idee aufgegeben hat. Die Sehnsucht danach freilich nicht.

Baumgarten inszeniert Tolstois "Die Macht der Finsternis", die Tragödie des jungen Bauern Nikita, der Frauen betrügt, einen Mord toleriert, um zu einem Landgut zu kommen, und selbst Hand anlegt an einen wehrlosen Säugling. Eine verkommene Gesellschaft zeigt Tolstoi da: Die Sitten verfallen, die Menschen sind triebhafte Tiere, jeder dem anderen ein Wolf. So lässt Baumgarten die Darsteller anfangs mit Ganzkörper-Behaarung auftreten. Lauter Zombies.

Nur Nikitas Vater hat noch einen Sinn für Gut und Böse. Er drängt den Sohn, Reue zu zeigen, als letzte gute Regung, die dem schlechten Menschen bleibt. Doch Baumgarten lässt diesen Vater hilflos stammeln. Die einzige Lichtgestalt des Stücks ist kaum zu verstehen. Der Regisseur hat sein Urteil gefällt über Tolstois urchristliche Utopie: ein ohnmächtiger Versuch. Baumgarten hat seine eigenen Ideen und inszeniert die in großen Bildern: Kritik am neuen Nationalismus in Russland, an der Dekadenz der neuen Reichen, an der neuen Allianz zwischen Staat und orthodoxer Kirche. Ein Pope aus Pappe breitet bühnenfüllend die Arme aus, manchmal öffnet er die Augen, um auf die Schäfchen im Dreck hinabzusehen.

Dort spielen die Darsteller mit Inbrunst gegen die Verzerrung ihrer Figuren an, vor allem Betty Freudenberg als zurückgebliebene Tochter Akulina und Till Wonka als lumpiger Nikita. Am Ende gab's viele Buhrufe für eine Inszenierung, die der Sprache nicht traut und ihre eigenen Botschaften mit dem brutalen Bombast-Heavy-Metal der slowenischen Gruppe Laibach in die Köpfe der Zuschauer dröhnen will. Zum Schluss zeigt Baumgarten einen Film, in dem sich die im revolutionären Furor niedergerissenen Kirchen Russlands beim Rückwärtsspulen wieder aufbauen. Geschichte ist Tragödie in Endlosschleife und der Mensch ein gottverlassenes Nichts. Diesem Fatalismus wollte sich Tolstoi nicht preisgeben. Er war kein Zyniker, darum musste er scheitern und hat Achtung verdient.

(RP)