"Zerbricht der Westen?": Die Zerbrechlichkeit des Westens

"Zerbricht der Westen?" : Die Zerbrechlichkeit des Westens

Der Historiker Winkler sieht eine Urdifferenz zwischen West- und Osteuropa.

Der Westen ist das große Thema Winklers. Die von ihm gesehene "gegenwärtige Krise in Europa und Amerika" lässt ihn fragen, ob "der Westen zerbricht". In Deutschlands "langem Weg nach Westen", dann in der "Geschichte des Westens" hat er ihn erfasst als normatives Projekt "der Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie". "Die Wühlarbeit" dieses Projekts aber "ist noch lange nicht zu Ende".

Den Westen konstituieren die Gewaltenteilungen zwischen göttlichen und irdischen Gesetzen im Wormser Konkordat von 1122 sowie zwischen königlicher und ständischer Gewalt in der englischen Magna Charta Libertatum von 1215. Dass die erste Gewaltenteilung im Einflussbereich der oströmischen Kirche nicht stattfand, begründet die nicht-westliche Entwicklung Ost- und Südosteuropas, für Winkler die europäische "Urdifferenz".

Die mittelalterlichen Gewaltenteilungen führten 1776 zur "Declaration of Rights" (Erklärung der Rechte) in den USA und 1789 zur "Declaration des Droits de l'homme" (Erklärung der Menschenrechte) in Frankreich. England hatte 1688 eine "glorreiche Revolution", die zu den Anfängen eines repräsentativen politischen Systems führte, und damit konnte es zusammen mit den USA und Frankreich den "Ur-Westen" bilden. Deutschlands Ankunft im Westen erfolgte erst mit der Wiedervereinigung 1989/90. Diese Ankunft war gleichzeitig die Neubildung der deutschen Nation - allerdings in der Europäischen Union. Mit dieser Gleichzeitigkeit verbindet Winkler eine klare Positionierung für ein Europa der Nationalstaaten gegen ein supranationales. Mit dieser Prämisse ist die Währungsunion ohne politische Union eine Ursache der "gegenwärtigen Krise in Europa", eine andere die schon 1963 erklärte Möglichkeit der Mitgliedschaft der Türkei. Dafür war eines der Motive die Zugehörigkeit des Landes im Nato-Bündnis, offenkundig ohne dass es die normativen Ideen des Westens akzeptiert hatte. Die Nato aber bedeutete die Bindung Westeuropas an die USA, militärische Abhängigkeit eingeschlossen. Diese westliche Verbundenheit führt zur "gegenwärtigen Krise in Amerika", personifiziert in Präsident Trump, der die Nato infrage stellt, die US-Nation auch über westliche Werte stellt.

Fast streng chronologisch stellt Winkler die Krisenereignisse 2016/17 dar. Die Krise der USA sollen die Checks and Balances der Verfassung überwinden, bei der europäischen Krise folgt er seinen Prämissen. Die aber sind fraglich. Ist es wirklich die europäische "Urdifferenz", die die Politik in postkommunistischen Mitgliedstaaten der EU bestimmt, oder ist es das Nachwirken kommunistischer und zuvor faschistischer Herrschaft? Vielleicht wäre es globalpolitisch zielführender, die Ausbreitung normativer Ideen des Westens nicht als Ergebnisse seiner "Wühlarbeit" auszugeben, sondern als universale Werte, normiert durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN. In Europa wäre nicht einer Urdifferenz zu folgen, sondern zu fragen, wie viel generationenübergreifendes Lernen erforderlich ist für Menschen, die in totalitärer Herrschaft aufgewachsen sind, zu zivilem Widerstand bereit waren, nun aber Unterschiede im persönlichen Wohlstand zwischen Nordwest- und Südosteuropa erfahren.

Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen? 2017, C.H. Beck, 493 S., 24,95 Euro

(RP)
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