Ausstellung in Berlin Die Verkleidungen der Stasi

Berlin (RP). Der Berliner Künstler Simon Menner zeigt Bilder von Stasi-Mitarbeitern und will damit die Perspektive des Überwachungsapparates abbilden. Die Original-Aufnahmen sollten eine Anleitung dafür sein, wie sich Stasi-Mitarbeiter unauffällig verkleiden sollten. Das Ergebnis ist so befremdlich wie beunruhigend.

So sollten sich die Stasi-Spitzel "verkleiden"
8 Bilder

So sollten sich die Stasi-Spitzel "verkleiden"

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Auch Spionieren will gelernt sein. Bei der Staatssicherheit hat man sich besonders viel Mühe gegeben, die Mitarbeiter in Sachen unauffälliges Verhalten auszubilden. Fotos aus einem "Kurs für Verkleidung" zeigen, wie sich die Stasi anzupassen versuchte: in Pelzmantel und Fellmütze, als Tourist mit Fotoapparat oder in Strickjacke und hochgeschlossenem Hemd. Normal eben. Auf den ersten Blick wirken diese Fotos abstrus, albern, geradezu lächerlich klischeehaft — wie die Karikatur eines Agenten. Bei näherem Hinsehen aber bleibt das Lachen im Halse stecken. Genau diese Reaktion möchte der Berliner Künstler Simon Menner erzielen. "Das sind Bilder des Bösen", sagt er.

Menner hat das Material nicht inszeniert, sondern in der Stasi-Unterlagenbehörde zusammengetragen. Tausende Bilder sichtete er, darunter unzählige, die seit 1990 niemand mehr hervorgeholt hat. Sein Ziel: einen Blick durch die Augen der Beobachter zu werfen. "Denn dadurch lernt man auch etwas über die Überwacher", sagt er. Für den 33-jährigen Foto-Künstler ist das Material ein Schatz, weil sich daran eines der ausgeprägtesten Überwachungssysteme aller Zeiten sezieren lässt. Der künstlerische Ansatz ermögliche dabei anders als der wissenschaftliche, mit der Irritation des Betrachters zu arbeiten, ihn zum Nachdenken, zur Diskussion anzuregen.

Menner, der die Originale meist abfotografierte, zeigt aber nicht nur ausgefeilte Verkleidungsstrategien. Für seine Ausstellung in der Berliner Galerie "Morgen Contemporary" wählte er auch Aufnahmen von Menschen, die von der Stasi bei alltäglichen Verrichtungen wie dem Gang zum Briefkasten fotografiert wurden oder Bilder, die wie zufällige Schnappschüsse aus Wohnungen wirken — beispielsweise von einem zerwühlten Bett. "Dabei handelt es sich um Polaroids, die Stasi-Mitarbeiter machten, bevor sie eine Wohnung heimlich durchsuchten, um hinterher den Originalzustand wiederherzustellen." Menner spielt mit den Erwartungen, bewegt sich bewusst im Uneindeutigen. Das Foto zeigt kein von Stasi-Mitarbeitern zerwühltes Bett, sondern den Zustand vor (und nach) der Durchsuchung — und arbeitet so die Perfidie des Kontrollapparates heraus.

Pro Kopf mehr Agenten als CIA und KGB

Interessant sind auch die Bilder, auf denen Stasi-Agenten verdeckte Zeichen geben. Sich am Kopf kratzen, die Handfläche in Hüfthöhe leicht anheben. Dekodieren kann Menner die Zeichen nicht mehr, aber das sei auch nicht entscheidend. Vielmehr geht es dem Künstler darum, die Allgegenwärtigkeit des Geheimdienstes zu verdeutlichen, die Infiltration des Alltäglichen. Pro Kopf der Bevölkerung verfügte die Stasi über mehr Agenten als der KGB oder die CIA.

Menner war es dabei wichtig, dass auf den ausgestellten Bildern niemand identifizierbar ist. Der extreme Einbruch in die Intimsphäre, wie etwa eine Wohnungsdurchsuchung, sollte nicht dadurch betont werden, dass die Wohnung erkennbar ist. "Der Kontext ist egal, das ist der Vorteil des Künstlers", sagt Menner, dessen Vorstellung von Geheimdiensten sich durch das Projekt gewandelt habe. Denn die Bilder demonstrierten anschaulich, dass es zum Konstrukt von Geheimdiensten gehöre, an die selbst geschaffene Bedrohungslage zu glauben.

(RP)
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