Die US-Politik blickte über Berlin hinaus

Die US-Politik blickte über Berlin hinaus

Zum Zeitpunkt des Mauerbaues in der Vier-Mächte-Stadt Berlin war das Kräftemessen zwischen kommunistischer Sowjetunion und dem Westen in vollem Gang. Bei der Kuba-Krise 1962 befand sich die Welt sogar am Rande eines atomaren Krieges. Washingtons Devise: Kompromisslose Sicherung der eigenen Positionen und kein Eingriff in die Einflusszone Moskaus.

Ende Mai 1962 kam es im Hauptquartier der amerikanischen Truppen in Berlin zu einer ungewöhnlichen Begegnung. Lucius D. Clay, der persönliche Bevollmächtigte von US-Präsident Kennedy in Berlin, hatte Studenten zu einer Diskussion eingeladen. Die übten heftige Kritik am Verhalten der Alliierten. Denn Ende 1961 war der Student Dieter Wohlfahrt an der Berliner Zonengrenze von DDR-Grenzern erschossen worden, als er einer Frau helfen wollte, den Stacheldrahtzaun der Grenze zu überwinden. Während des mehr als eine Stunde dauernden Todeskampfes des Studenten hatten West-Berliner Polizisten und britische Militärpolizei nicht eingegriffen, nachdem sie von DDR-Grenzsoldaten mit der Waffe bedroht worden waren.

Wie Clay auf die Kritik reagierte hat Klaus-M. v. Keussler, der die Begegnung schilderte, nicht berichtet. Er scheint den Studenten aber den Eindruck vermittelt zu haben, dass sich an der Berliner Grenzsituation nach dem Bau der Mauer nicht viel ändern würde. Denn der Jura-Student schloss sich bald darauf einer Fluchthilfe-Gruppe an.

Lucius D. Clay war die Person gewordene Verkörperung der amerikanischen Deutschland-Politik jener Tage. Deren Motto: Kompromisslose Sicherung der eigenen Positionen, aber kein Eingriff in die Einflusszone der Sowjetunion.

Clay hatte das schon mehrfach überzeugend demonstriert. Als Ludwig Erhard 1948 die Währungsreform vorbereitete, bekam er von Clay, dem damals höchsten US-Offizier in Deutschland, Rückendeckung gegen britische und französische Bedenkenträger. Der Westen wurde gestärkt. Die Sowjetzone blieb außen vor. Als Moskau wenige Tage nach der Reform die westlichen Besatzungszonen Berlins abriegeln ließ, organisierte Clay die Luftbrücke. Amerikanische und britische Flugzeuge versorgten unter militärischem Schutz viele Monate lang die eingeschlossene Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigen. Aber Clay machte keinen Versuch, die sowjetischen Sperren mit Gewalt zu beseitigen. Schließlich gab Moskau nach und hob die Blockade auf.

Clay genoss in Berlin einen legendären Ruf. Deshalb reaktivierte der junge Präsident Kennedy den erfahrenen General, nachdem die DDR-Regierung am 13. August 1961 den Osten Berlins abgeriegelt hatte. Denn sofort war in West-Berlin die Furcht aufgekommen, Moskau werde mit Gewalt seine Drohung wahr machen, den Westen Berlins zur Freien Stadt zu erklären, die westlichen Schutzmächte zu vertreiben und die Bindungen der Teilstadt an die Bundesrepublik Deutschland zu lösen. Clays Erscheinen in Berlin dämpfte diese Furcht. Seine Berufung machte die amerikanische Drohung glaubwürdig, Washington werde für die Zugehörigkeit West-Berlins zum Westen den Atomkrieg mit der Sowjetunion riskieren.

Sterben für ein paar Quadratkilometer, die umschlossen waren vom sowjetischen Hoheitsbereich? Das wurde daraufhin in den USA gefragt. Präsident Kennedy persönlich gab die Antwort per Interview. Er verwies auf die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Hätten 1938 die Schutzmächte England und Frankreich Prag geschützt und die Tschechoslowakei nicht dem nationalsozialistischen Deutschland preisgegeben, wäre es nie zum Krieg gekommen. Jetzt bestehe die Gefahr, dass nach einem Rückzug der USA aus Berlin zuerst Westdeutschland, dann ganz Westeuropa unter sowjetischen Einfluss gerieten. Die Freiheit New Yorks werde in Berlin verteidigt.

Dass die USA ihre Glaubwürdigkeit an ihre Stellung in Berlin banden, war kein Zufall. Noch war die Nachkriegszeit nicht vergessen. Zwischen 1945 und 1949 hatte Stalin den Einfluss der Sowjetunion im östlichen Mitteleuropa immer weiter ausgedehnt - unter Missachtung von Absprachen, die er mit dem britischen Premier Churchill und US-Präsident Roosevelt getroffen hatte.

Die USA waren in der Defensive. Griechenland und selbst Italien waren nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise in Gefahr, vom kommunistischen Block geschluckt zu werden, was die USA mit heftigem Engagement verhindert hatten. 1953, als die Arbeiter in Ost-Berlin auf die Straße gingen, 1956 , als das gleiche im polnischen Posen geschah, beim Aufstand in Ungarn im selben Jahr hatten die USA eine eher klägliche Figur abgegeben. Ihre Sender hatten den Freiheitskampf unterstützt, doch es war bei Worten geblieben. Die von US-Außenminister John Foster Dulles propagierte Politik des "roll back" war nur eine Worthülse.

Der Nahe Osten war nach internen US-Analysen nahe dran, kommunistischen Verlockungen zu erliegen. Und in Asien waren Anhänger von Marx und Engels ohnehin auf dem Vormarsch. China war 1949 kommunistisch geworden, beim Koreakrieg war der Vormarsch des Nordens nur durch US-Truppen verhindert worden. In Vietnam machten sich die Viet Minh, die schon die französische Kolonialmacht besiegt hatten, daran, nun auch den Süden zu erobern.

Deshalb war Washington alarmiert, als Stalins Nachfolger Chruschtschow im November 1958 wieder Berlin zum politischen Thema machte. Die Sowjetunion hatte in der Weltraumtechnik die USA überholt und erfolgreich zwei Satelliten gestartet. Jetzt stellte sie die Rechte des Westens in Berlin in Frage und startete gleichzeitig eine Deutschland-Initiative. Sie bot die Wiedervereinigung mit einer Konföderation zwischen Ost und West an. Der Westen konterte, indem er freie Wahlen zur Bedingung machte, was Moskau ablehnte. Auf Berlin blieb der Druck groß, bis Chruschtschow nach einem Treffen mit Kennedy in Wien im Juni 1961 erkannte, dass Washington die Drohung mit dem Atomkrieg erst meinte.

Erst danach erhielt DDR-Diktator Ulbricht freie Hand zum Bau einer Mauer. Ulbricht hatte seit Jahren von Moskau verlangt, Berlin durch eine Mauer zu teilen. Denn über Berlin flüchteten die meisten, die die DDR verlassen wollten, viele davon waren hoch qualifiziert. Eine Mauer lehnte der Kreml zunächst ab, weil es die propagandistische Katastrophe fürchtete, die dann auch eintrat. Aber fallen lassen wollte Moskau seine deutsche Dependance auch nicht. Die Sowjets fürchteten um die Stabilität des Ostblocks.

Zwischen dem 25. und dem 27. Oktober 1961 kam es dann zur Nagelprobe auf die Machtverhältnisse. Die DDR verweigerte einem US-Offizier die unkontrollierte Einfahrt nach Ost-Berlin. Die USA ließen Panzer auffahren, die genau an der Sektorengrenze halt machten. Bald kamen auch sowjetische Panzer, die sich gegenüber den amerikanischen platzierten. Nachdem Moskau akzeptiert hatte, dass die DDR West-Alliierte nicht kontrollieren durfte, fuhren die Panzer wieder in ihre Kasernen.

Ein Jahr später kam es zu einer neuen Machtprobe. Während der Kuba-Krise ließen die USA ihre Zivil-Flugzeuge nach Berlin von Jagdmaschinen begleiten. Es passierte nichts. Der Konflikt zwischen Ost und West, der Kalte Krieg, wurde, wie der Potsdamer Historiker Bernd Stöver schreibt, in die Dritte Welt verlagert.

(RP)