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Die schönste literarische Weinwanderung findet sich im Rheingau

Unser Kulturtipp fürs Wochenende : Die schönste literarische Weinwanderung

Wein, Wandern und Dichtung gehören felsenfest zusammen. Und nirgends ist das besser und genussreicher zu erleben als im Rhengau. Eine Expedition ins rundum schöne Leben.

Wandern kann jeder. Lesen auch. Und Wein trinken erst recht. Die große Kunst ist es aber, alles drei möglichst genussreich miteinander zu verbinden. Und genau das hat diesmal unser Kulturtipp im Sinn.

Womit beginnen? Beim Wandern – also beim grandiosen Rheinsteig, der von Bonn bis Wiesbaden reicht und mehr als 320 Kilometer lang ist. Wir haben uns für Etappe 3 entschieden, die mitten im Rheingau quer durch beste Riesling-Lagen von Kloster Eberbach zu Schloss Johannisberg führt. Und die eben alles bietet, was wir vollmundig angekündigt haben. Der prima ausgeschilderte Weg ist etwa zehn Kilometer lang und in drei Stunden Gehzeit stressfrei zu schaffen.

 Der alte Weinkeller in Kloster Eberbach.
Der alte Weinkeller in Kloster Eberbach. Foto: Arco Images / J. De Meester

Beginnen wir im Kloster Eberbach, in dieser prächtigen, von Bernhard von Clairvaux gegründeten Zisterzienserabtei aus dem 12. Jahrhundert. Unbedingt sollte man – bevor es richtig losgeht – den neuen Weinkeller unter dem legendären Steinberg besichtigen. In 14 Meter Tiefe betritt man dort, wie es so pathetisch heißt, die Kathedrale des Rieslings (den es, nebenbei bemerkt, in der Vinothek auch zu kaufen gibt). Noch stimmungsvoller aber ist der uralte Fasskeller im Kloster nebenan. Genau dort wurden 1985 die Innenaufnahmen zu „Der Name der Rose“ gedreht. Also Zeit zum Innehalten und Umberto Ecos Worte auf sich wirken zu lassen: „Nie habe ich eine schönere und trefflicher angelegte Abtei gesehen, obwohl ich später in meinem Leben durchaus nach St. Gallen kam und nach Cluny und nach Fontenay und in andere Abteien, die womöglich noch größer waren als diese, nicht aber so wohlproportioniert.“

 Das Brentanohauses in Oestrich-Winkel.
Das Brentanohauses in Oestrich-Winkel. Foto: dpa
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Der Weg führt weiter durch die Weinberge, und wer auch literarischen Spuren folgen will, sollte kurz zur kleinen Ortschaft Winkel unten am Rhein abbiegen. Dort liegt das aus dem 18. Jahrhundert stammende Brentano-Haus, in dem mittlerweile ein hübsche Restaurant untergebracht ist samt angeschlossenem Gartenlokal.

Das Brentano-Haus ist ein beschaulicher Hotspot deutscher Romantik: Die Brüder Grimm waren dort schon zu Gast, auch Achim von Arnim und selbst Goethe, der wiederum der gastgebenden Baronin durch eine gewisse Maßlosigkeit auffiel: „Er schöpfte sich immer seinen Teller schrecklich voll Speisen, die er aber meistens liegen ließ. Von unserem guten Rheinwein konnte er ganz fürchterlich viel trinken.“ Auch deshalb wird im Brentano-Haus sogenannter „Goethe-Wein“ verkostet.

Nicht ganz so lebensfroh war bei den Brentanos der Aufenthalt der Dichterin Karoline von Günderode (1780-1806), die sich – unglücklich verliebt – am nahen Rheinufer das Leben nahm. Hinter der Kirche von Winkel, etwas außerhalb des eigentlichen Friedhof gelegen, findet sich ein Gedenkstein zum Schicksal der Dichterin. Ein literarisches Denkmal setzte ihr Christa Wolf (1929-2011) mit ihrem Buch „Kein Ort. Nirgends“ aus dem Jahr 1977. Immer wieder lesenswert, an diesem auratischen Ort ganz besonders.

Weiter geht’s durch Weinlagen wie jener, die nach Gutenberg benannt ist. Das ist kein touristischer Gag, sondern eine bodenständige Erinnerung an den gemeinsamen Geist von Dichtung, Wein und Wahrheit. Weil ein gewisser Johannes Gensfleisch (1400-1468) – der sich später Gutenberg nennen sollte – im nahgelegenen Mainz unbedingt schöne Bücher drucken und mit dem Buch der Bücher beginnen wollte, der Bibel nämlich. Sein Problem: Ihm fehlte die geeignete Maschine. So bediente er sich einer leicht umgebauten Weinspindelpresse für den ersten Buchdruck.

 Eine weitere Etappe: Schloss Vollrads.
Eine weitere Etappe: Schloss Vollrads. Foto: Tüllmann

Zur nächsten Etappe geht es wieder rauf zu Schloss Vollrads, in dessen Innenhof es gleichsam köstlichen Wein zum Flammkuchen gibt, außerdem wird jährlich dort der Rheingau-Literaturpreis verliehen. Neben dem Preisgeld von 11.111 Euro gibt es obendrein 111 Flaschen besten Rheingau-Rieslings.

Wohlan, eine letzte Stärkung für den moderaten Aufstieg zum Schloss Johannesberg, wo auf einer herrlichen Terrasse der Riesling extrem gut und beschaulich mundet und wo einst die Spätlese erfunden sein soll. Wahrheit oder Legende? - wer weiß das schon so genau!

Ohnehin lässt es sich hier ganz prima Tagträumen. So wie damals, als Heinrich Heine an diesem Ort und bei diesem Wein diese nette Idee in den Sinn kam: „Mon dieu, wenn ich noch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte, der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe.“