Die Reform des Islam kommt

Die Reform des Islam kommt

Interview Die Soziologin Necla Kelek zur Integrationsdebatte

Leipzig Die deutschtürkische Soziologin Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren und in Berlin lebend, hat in der Integrationsdebatte immer auch die Verantwortung der Muslime eingefordert. Jetzt ist ihre neue Essaysammlung "Chaos der Kulturen" (Kiwi, 255 Seiten, 9,99 Euro) erschienen.

Nach dem Kampf der Kulturen schreiben Sie etwas über das "Chaos der Kulturen". Das klingt hoffnungslos?

Kelek So empfinde ich unsere Integrationsdebatte. Keiner scheint mittlerweile zu wissen, was darunter zu verstehen sein könnte. Eine Leitkulturdebatte? Eine Debatte über deutsche Identität? Und wer soll sich wohin integrieren?

Hat denn der ehemalige Bundespräsident Wulff die Diskussion voranbringen können mit seiner Aussage: Der Islam ist ein Teil von Deutschland?

Kelek Auch das ist doch verwirrend gewesen; er klammert die Frage aus, wie diese Religion in diesem Land gelebt werden kann. Das ist noch gar nicht beantwortet. Wir sind erst in einer Findungsphase. Zwei Probleme bleiben nach wie vor ungelöst: der politische Islam sowie die archaischen Traditionen, die von dieser Religion immer noch getragen und legitimiert werden.

Zumal der Islam auch eine alltäglich gelebte Kultur ist.

Kelek Das ist gar nicht schlimm. Aber jene beiden Probleme müssen geklärt werden, zu denen die Scharia und der Dschihad gehören, die Beschneidung der Frau, arrangierte Verheiratungen und Blutrache. Wenn es heißt, der Islam gehört zu Deutschland, zählen diese Bereiche dazu? Viele Deutsche verteidigen den Islam, nicht weil sie die Religion verteidigen, sondern weil sie die Religionsfreiheit hier verteidigen. Jede Religion aber, die in einer bürgerlichen Gesellschaft existiert, muss auch ihren Mitgliedern individuelle Freiheiten gewähren. Aber das tut der Islam nicht. Er lebt in einer bürgerlichen Gesellschaft und nutzt die Rechte einer Religionsgemeinschaft; aber innerhalb der Gemeinschaft sind keine Reformen zu erkennen. Und Reformen können immer nur dann stattfinden, wenn ich denken darf und zweifeln darf.

Ist es denkbar, dass es in absehbarer Zeit eine Art Reformation oder Aufklärung für den Islam geben wird?

Kelek Ja. Und das wird schneller gehen, als wir denken. Wir haben jetzt in Deutschland eine Generation junger und selbstbewusster Muslime, die diese ganze Diskussion mitverfolgt hat. Von ihnen werden Reformen ausgehen.

Was erwarten Sie denn vom neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck für die Integrationsdebatte?

Kelek Er ist mein Bundespräsident – wenn ich das so sagen darf –, weil er von individueller Verantwortung spricht. Und das erwartet er von jedem Menschen, der hier lebt. Freiheit wird keinem nur so geschenkt, sie ist immer auf persönliche Verantwortung aufgebaut. Das finde ich sehr beeindruckend. Das ist keine Symbolpolitik mehr.

Lothar Schröder führte das Gespräch.

(RP)
Mehr von RP ONLINE