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Die rätselhafte Krankheit der Callas

Die rätselhafte Krankheit der Callas

Die 1976 gestorbene Sopran-Diva litt nach neuen Erkenntnissen von Medizinern der Universität Bologna an der seltenen Autoimmunerkrankung Dermatomyositis, die zu ihrem Tod durch Herzversagen geführt habe. Damit könne die Selbstmord-Theorie verworfen werden, glauben sie.

Bologna Zu Leben und Sterben von Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou – wie Maria Callas in Wirklichkeit hieß – gibt es neue Botschaften. Sie entspringen einer seriösen Quelle und bauen neben die Paläste aus Spekulationen über die Callas endlich kein weiteres Luftschloss. Oder doch? Kriminalistischen Thrill hat die Angelegenheit ohne Zweifel.

Franco Fussi und Nico Paolillo, Phoniater an der Universität Bologna, glauben, dass die Sopranistin, die von 1923 bis 1976 lebte, Opfer einer degenerativen Krankheit war, die auf die Stimmbänder übergriff. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass Callas an einer Dermatomyositis (auch Lila-Krankheit genannt) litt, einer seltenen Muskelerkrankung, welche die Haut befällt. Die Symptome, so heißt es, seien mit Medikamenten behandelt worden, die Herzprobleme auslösen können. Bekannt ist, dass die Sängerin an Herzversagen starb. Die italienische Zeitung "La Stampa" zog den Schluss, nun sei das Gerücht eines Selbstmords der Callas vom Tisch; eine Autopsie wurde damals nicht durchgeführt. Die Suizid-Theorie war oft diskutiert worden, weil die Callas angeblich nie über die Trennung von Aristoteles Onassis hinweggekommen sei.

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Fussi und Paolillo haben ihre Diagnose als Stimmärzte, die eine Patientin nicht persönlich untersuchen konnten, mit einer so verblüffenden wie problematischen Methode getroffen: Sie haben sich alle Bänder und Videos angehört, angeschaut und ausgewertet. Beginn der Fahndung: 1958, als es bei der Callas zur Krise gekommen war. Damals kehrte sie nach dem ersten Akt von "Norma" in Rom zum zweiten nicht mehr auf die Bühne zurück – ohne Begründung. Im Parkett wartete sogar der Staatspräsident. Am folgenden Morgen soll die Diva gesagt haben, er könne froh sein, dass sie überhaupt wieder reden könne. In der Folge sang sie immer seltener, bald verschwand sie von der Bildfläche. Was war geschehen?

Fussi und Paolillo haben sich, jenen Abend als erstes Zeichen einer Stimmstörung bewertend, gefragt: Hören wir hier den Beginn eines Kontrollverlusts? Ist die Stimme von nun an nicht mehr intakt? Kann sie Tonhöhe und Vibrato nicht mehr koordinieren? Sicher ist, dass die Callas nichts so sehr fürchtete wie den Verlust stimmlicher Individualität, für die sie alles gegeben, wohl auch alles geschluckt hätte, Medikamente inbegriffen.

Die Diagnose der Dermatomyositis (derma = Haut, myo = Muskel, itis = Entzündung) stellt kein Arzt aus dem hohlen Bauch; diese Autoimmunkrankheit ist so selten, dass offenbar Indizien vorliegen. Das ist angesichts zahlloser makelloser Fotos der Callas nicht so erstaunlich – bereits damals gab es reiche Möglichkeiten der Schminke von Gesicht, Haut und Fotos. Kann sein, dass Fussi und Paolillo auf bislang wenig bekannten Aufzeichnungen tatsächlich jene auffälligen rot bis lila gefärbten Hautveränderungen aufgefallen sind, die für eine Dermatomyositis typisch sind und die im Gesicht, aber auch im Dekolleté zu sehen sein können.

"Hautveränderungen findet man bei Dermatomyositis auch an den Streckseiten der Fingergelenke", sagt Bernhard Homey, Professor an der Düsseldorfer Uni-Hautklinik; insgesamt registriere man eine entzündlich gerötete und infiltrierte Haut. Homey: "Wenn es Bilder gibt, auf denen diese Veränderungen zweifelsfrei zu sehen sind, wäre Licht in die Sache gebracht." Zu der Muskelschwäche bei der Krankheit meint Homey: "Man müsste schauen, ob die Callas Schwierigkeiten hatte, aus dem Sessel ohne Mithilfe der Arme aufzustehen oder sich länger über den Kopf zu kämmen. Das wären Anhaltspunkte. Ansonsten ist es spannende Spekulation."

Was nun den Herztod der Callas betrifft, so sind Entzündungen des Herzmuskels bei der Dermatomyositis wie bei allen Arten von Autoimmunerkrankungen nicht selten. Hier können sich in einzelnen Fällen auch Komplikationen ergeben wie eine Herzbeutel-Tamponade. Hierbei kommt es zu einer Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel, die zum kardiogenen Schock und damit zum Tod führen kann. Es gliche indes einem unseriösen Blindschuss, wollte man hierin die sichere Todesursache sehen.

Könnte, hätte, wäre – die zentrale Frage ist doch, ob die Krankheit die Stimme in Mitleidenschaft ziehen kann. Homeys Uni-Kollegen, die Professoren Wolfgang Angerstein (Phoniatrie) und Sebastian Jander (Neurologie), warnen ebenfalls vor Spekulationen. Angerstein hat aus phoniatrischer Sicht die Sing- und Atemstörungen der Callas allerdings einmal zusammengetragen: "Mangelnde Intonationssicherheit für hohe Töne, nachlassende Kontrolle des Vibratos, unzulänglicher Registerausgleich, Hochatmung mit atemrhythmisch nicht angepasster Stimmgebung – das alles waren bekannte Probleme der Callas. Die Frage ist, ob sie einer Dermatomyositis geschuldet sind."

In der Tat kann, sagt Jander, "eine Dermatomyositis die Schlund-, Zungen- und Kehlkopfmuskulatur betreffen und nasales Sprechen, gestörte Artikulation, eine Neigung zum Verschlucken und sicher auch Probleme beim Singen auslösen. So etwas würde man aber nur bei Patientinnen erwarten, die auch sonst Symptome einer schweren generalisierten Muskelschwäche aufweisen." Wie bei Angerstein überwiegt bei Jander die Skepsis angesichts einer auf Indizien angelegten Beweisführung.

Unklar ist zudem die Frage, wie die Krankheit therapiert wurde. Jander: "Zur Zeit der Callas wurde vermutlich in erster Linie mit Steroiden wie Cortison behandelt, das bei längerer Behandlung sehr oft das Cushing-Syndrom mit Vollmondgesicht und Stammfettsucht auslöst. Danach sehen die Fotos der Callas aber nicht aus." Gibt es andere? Um das Privatleben der Callas rankte sich ein Dornendickicht; der Leichnam wurde nach dem Tod übrigens mit fast auffälliger Eile eingeäschert – als habe die Callas eine Erforschung ihrer Todesursache testamentarisch verhindern wollen.

Falls Maria Callas tatsächlich an der ominösen Krankheit gelitten haben sollte, dann leistet sie einem prominenten Kollegen Gesellschaft: Auch der große Schauspieler Lawrence Olivier war an Dermatomyositis erkrankt.

(Rheinische Post)