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Musikermedizin

Warum Lang Lang so lange krank war

Pianist Lang Lang bei einer Team-Präsentation des FC Bayern München. (Archiv) Foto: dpa, geb fdt

Düsseldorf Der chinesische Pianist und ebenso sein Geigenkollege David Garrett konnten monatelang nicht auftreten. Ist Musizieren gar nicht so gesund?

Wer sich beim Surfen in den unendlichen Internet-Welten deutscher Universitätskliniken verläuft, der stößt neben Kernbereichen wie Chirurgie, Innere Medizin oder Gynäkologie auf Exoten: Tauchmedizin, Flugmedizin, Lasermedizin. Das sind kleine Institute mit Spezialisten. Kaum einer kennt sie.

Seit Jahren hat sich ein neues Fach den Eingang in die Krankenbehandlung, die Lehre und die Forschung erarbeitet: die Musikermedizin. In fast allen Bundesländern gibt es mittlerweile Ambulanzen. Wer nicht genau hinschaut, mag die Musikermedizin für eine Art musiktherapeutische Einrichtung halten, bei der Kranke mit Musik behandelt werden. In Wirklichkeit geht es um Musiker, die krank sind. Sie haben Schmerzen, wenn sie ihr Instrument bedienen; sie fühlen Verkrampfungen, wenn sie singen; sie können ihre Finger oder Lippen nicht mehr präzise steuern; sie werden heiser, bekommen ein Klingeln in den Ohren, Schwindelanfälle oder sogar Herzrhythmusstörungen.

Das hat entfernt etwas mit dem sechsten Schöpfungstag zu tun. Der liebe Gott konnte nicht absehen, dass der Mensch als Musiker mal eine Geige in die Hand nehmen und Stücke wie „Götterdämmerung“ spielen würde. Er hatte keinen Schimmer, dass extrem häufig geübte Trillergruppen in Chopins Klavierkonzert e-Moll Veränderungen im Gehirn bewirken können. Er konnte nicht voraussehen, dass Musiker Luft durch ein enges Rohr pressen müssen, wodurch ihr Augeninnendruck steigt. Wie konnte er ahnen, dass ein Cellist deshalb Schulterprobleme bekommen würde, weil es im Orchestergraben des Opernhauses so eng ist, dass die Streicher ihre Bögen beim Abstrich nie mit voller Länge ausspielen können?

Ja und? Üben Musiker nicht ihren Lieblingsberuf aus? Gilt Musizieren nicht als gesund? Das ist es, aber wenn man damit Geld verdienen muss, sieht es anders aus. Spricht man deutsche Orchestermanager auf den Krankenstand an, so wissen sie von strapazierten Aushilfen­etats zu berichten; die werden für gesunde Musiker aus fremden Orchestern angezapft, die für kranke Musiker aus dem eigenen Haus einspringen. Diese Kranken sind nur selten Simulanten; oft fühlen sie sich nicht nur körperlich miserabel, es plagt sie auch, dass die Gruppe, in der sie spielen, ihre Krankheit auffangen muss.

Der Orchestermusiker kann sich krankschreiben lassen, die Auszeit wird ihm möglicherweise Linderung verschaffen, obwohl sie das ursächliche Problem oft nicht behebt. Liegt es vielleicht im Ensemble selbst begründet? Der 62-jährige hohe Geiger, der an einem Tremor leidet, gefährdet mit einem zitternden Bogen nämlich auch den Gesamtklang. Bei einigen berüchtigten Stellen im Pianissimo wird er sich fragen, ob er sie überhaupt mitspielt. Oft ist diese neurologische Störung mit einer Auftrittsangst vergesellschaftet: Weil der Musiker weiß, dass sein Bogenzittern eine Irritation des Gesamtklangs bewirken kann, fürchtet er blank liegende Stellen – und der Tremor verstärkt sich. Aus neurologischer Sicht könnte es gelingen, ihn mit einem Betablocker zu behandeln. Die Selbsttherapie mit Alkohol wird von manchem als der angenehmere Ausweg angesehen, ist aber fatal, weil Abhängigkeit entstehen kann.

Es steht außer Frage, dass ein Musikermediziner viel von Musik und von Medizin verstehen muss. Beim hohen Geiger muss er wissen, dass das schnelle Spiccato (Springbogentechnik) dem Musiker andere Anstrengungen abverlangt als ein Ton, der langsam im Pianissimo hervorgebracht werden muss, oder als jenes Tremolo, das über Minuten Bruckners berüchtigte „Urnebel“ erzeugt. Beim zweiten Geiger sind oft ganz andere Spielweisen verlangt, etwa häufige repetitive Figuren auf den tiefen Saiten, die vor allem ein Schulterkranker als sehr unangenehm empfinden kann.

Das Wartezimmer in einer Musikerambulanz besteht aber nicht nur aus Orchestermusikern. Oft sieht man dort engagierte Amateure oder Freiberufler, die als Schlagzeuger in Heavy-Metal-Bands oder in Musical-Produktionen mitwirken und sich nicht krankschreiben lassen können, weil dann ihre Existenz gefährdet wäre. Man sieht aber auch viele Musiklehrer, die eine hohe Belastungsspannung vom täglichen Unterrichten erkennen lassen. Oft müssen sie ihre Schüler in suboptimaler Haltung am Klavier begleiten.

Sie alle erleben das, was in jeder Musikerambulanz der Dauerbrenner ist: das chronische Überlastungssyndrom (Repetitive Strain Injury Syndrom), ausgelöst durch lange und unphysiologische Proben- und Auftrittsfrequenzen. Sie alle haben an der Musikhochschule gelernt, das Übezimmer, für welches sie den Schlüssel bekommen haben, möglichst intensiv auszunutzen. Doch wie man richtig probt; dass man spätestens nach 20 Minuten eine längere Pause einlegen sollte; dass das Gehirn ein Stück auch lernt, wenn man die Noten nur liest; dass Variabilität und häufige Veränderung der Spielhaltung nützlich und nie ungünstig sind – dies alles erfuhr man im Musikstudium nie.

Der spektakulärste Fall der Gegenwart ist zweifellos der chinesische Pianist Lang Lang. Der verließ im vergangenen Jahr von jetzt auf gleich die internationalen Konzertpodien; angeblich habe er sich bei einem Stück von Maurice Ravel seinen linken Arm so krank geübt, dass ein Arzt eine komplizierte Sehnenentzündung feststellen musste und zur sofortigen Spielpause riet. Die dauerte fast ein Jahr, jetzt ist Lang wieder unterwegs, am 17. August will er beim Festival in Luzern auftreten. Er bietet dort das Werk, das er derzeit überall spielt: Mozarts c-Moll-Klavierkonzert. Das ist nicht so wahnsinnig schwer, außerdem kennt Lang es sehr gut. Wir werden sehen, ob Lang wirklich genesen ist – und wann er mit jenen Killerwerken der Klavierliteratur zu hören ist, die ja jedermann von ihm erwartet. Ebenso hoffen wir, dass auch David Garrett, der im Frühjahr zahllose Konzerte wegen Bandscheibenproblemen absagte, wieder vollständig geheilt ist.

Auffällig ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen in einer Musiker­ambulanz, denn die Gefahren lauern immer dann, wenn Übezeiten plötzlich hochgefahren werden – etwa wenn sich Kinder auf „Jugend musiziert“ vorbereiten. Auf einmal sitzt der junge Pianist statt 45 Minuten drei Stunden am Klavier, und es ist dann nur eine Frage der Zeit, dass er Schmerzen im Handgelenk oder im Unterarm bekommt. Wenn sie eintreten, ist es beinahe egal, wer hier die treibende Kraft war (Lehrer, Eltern, das Kind selbst) – bei solchen Kandidaten müssen rechtzeitig die Bremsen aktiviert werden, damit die Schmerzen nicht chronisch werden und das Kind die Lust am Musizieren verliert.

Einen Kardinalfehler erlebt man am Opernabend in den Stimmzimmern der Orchestermusiker. Der Geiger spielt sich warm – und wie macht er das? Er fiedelt sich durch die Lagen, nicht selten im Spitzentempo, statt die Aggregate seines Körpers langsam hochzufahren. Dann wundert er sich nach dem „Figaro“, dass es überall zieht und zwackt. Dass er ein Spitzensportler ist, hat er bisweilen selbst schon geglaubt. Aber hat Usain Bolt je einen 100-Meter-Lauf gemacht, bevor er ein Finale über 100 Meter gewann? Natürlich nicht. Hier erweist es sich als Vorteil, dass gute Musikerambulanzen auch mit Physiotherapeuten zusammenarbeiten, die mit dem Musiker Körperarbeit betreiben und ihm Anleitungen geben: Wie dehne ich richtig? Wie bringe ich den Organismus vor dem Musizieren organisch und effektiv in Schwung? Was sind richtige, was falsche Kräftigungsübungen?

Eine Untersuchung in der Musikerambulanz fragt aber nicht nur nach den Beschwerden, sondern auch nach den Bedingungen, unter denen sie auftreten. Nicht selten kommt es vor, dass ein Geiger seit vielen Jahren rechts am Pult sitzt und eine einseitige Haltung entwickelt hat. Auf die Frage, warum er nicht auch mal links am Pult sitzt, weiß er nur eine Antwort: „Das liegt mir nicht so gut.“ Eben. Wenn er regelmäßig wechselte, dann würde sich sein System neu einrichten, er bekäme größere Freiheit bei den Bewegungsabläufen.

Natürlich tauchen auch komplizierte Fälle auf. Dazu zählen vor allem die gefürchteten Musikerdystonien, die sich als Verkrampfungen und Bewegungsstörungen etwa in der Finger- oder der Lippenmuskulatur zeigen, aber in Wirklichkeit ein Phänomen des Gehirns sind: Dort haben sich, nicht selten durch hohe Übebelastung und einen notorischen Perfektionsdrang, Steuerungssysteme diesen Anforderungen neu angepasst und konfiguriert, wobei allerdings der gewünschte Effekt als Schuss nach hinten losgeht: Was durchs Üben belastbar und geschmeidig werden sollte, stellt sich plötzlich als zäh und spröde dar. Finger machen nicht mehr das, was sie sollen. Krämpfe machen jedes längere Spiel unmöglich.

Die Musikerdystonie gehört grundsätzlich in die Hände eines Neurologen, der sich mit Bewegungsmustern am Instrument auskennt; auch Dispokinesis vermeldet Erfolge. Die Therapieaussichten sind allerdings begrenzt. Man wird Versuche starten müssen, etwa mit dem Nervengift Botulinumtoxin und mit einem Retrainingsprogramm, das dem Gehirn mit sehr verlangsamten Bewegungen die richtigen Impulse gleichsam neu anerzieht. Es gibt übrigens ernstzunehmende Stimmen, die auch bei Lang Lang eine solche Dystonie vermuten. Widerlegt ist diese Hypothese nicht, auch wenn Lang sie einmal in einem Zeitungsinterview ausgeschlossen hat. Nun, wäre er ein Dystoniker, wäre seine Karriere als Extremsportler unter den Pianisten beendet.

Und immer wieder sind es die Volkskrankheiten, die dem Musiker das Leben schwer machen. Die Refluxkrankheit, gemeinhin als Sodbrennen bekannt, kann Sängern und Bläsern übel mitspielen. Ihre zerstörerische Kraft reicht bis in den Hals und noch höher. Überhaupt muss man als Musiker aufpassen, dass einem der Beruf nicht hochkommt, wenn er regelmäßig mit Schmerzen verbunden ist. Damit das nicht passiert, wurde das Fach Musikermedizin erfunden. Und wenn man als Musiker Glück hat, dann findet man eine Ambulanz in der Nähe.