Die Mandoline ist „Instrument des Jahres“ Die Geige des kleinen Mannes

Venedig · Die Mandoline ist zum „Instrument des Jahres“ 2023 gekürt worden. Viele Bauformen und Stile hat sie erlebt. Und sie hat Könner wie Avi Avital und Hans Süper hervorgebracht.

Die „Flitsch“ und ihr Meister: Der Kölner Musiker Hans Süper.

Die „Flitsch“ und ihr Meister: Der Kölner Musiker Hans Süper.

Foto: Jeck & Joot

Der Saal lag ihm zu Füßen und war karnevalistisch bereits aufgeweicht, nun konnte Hans Süper alles mit ihm machen – sein Messer würde weich durchs Publikum hindurchgehen. Neben ihm: Hans Zimmermann, das hartgekochte „Ei“ des Colonia Duetts, der Beamtentyp mit Hornbrille, dessen Kunst unter anderem darin bestand, dass er nie lachte. Zimmermann spielte Gitarre, akkurat und ordentlich, er nutzte sie wie ein Bürokrat – als Instrument der Ordnungsliebe, der Konsolidierung. Sein Kompagnon Hans Süper hingegen war die exzentrische Witzfigur, der Meister des karnevalistischen Regelverstoßes, das Urviech, das für die bösesten Pointen zuständig war, die sein Partner ihm ahnungslos soufflierte. Süper und Zimmermann waren ein bisschen wie Ernie und Bert: Anarchie gegen Bewahrung.

Einer wie Süper musste natürlich die Mandoline spielen, die gemeine und freche Schwester der Gitarre. Er machte sie zum plinkernden Schrammelkasten, zur tönenden Tattoonadel. Es gibt da einen herrlichen Zusammenschnitt aus 16 Jahren kölscher Bespaßung („Colonia Duett 1974 bis 1990“) bei Youtube,  da sieht man bei 17:26 Minuten, wie Süper die Mandoline nutzte: zur Teilchenbeschleunigung. Gitarrist Zimmermann lässt Süper eine Pause für ein sogenanntes Fill-in. Süpers linke Hand lässt sich nicht lange bitten und fegt ein paar aufsteigende Akkorde übers Griffbrett; das Plektrum in der Rechten saust so schnell hin und her, dass die Passage in diesem Tremolo fast zischt. Bei Süper hieß die Mandoline einfach „Flitsch“, und in diesem Namen steckten alle Assoziationen: die Steinschleuder, die Armbrust, der Flitzebogen. Tatsächlich, mit Süpers Mandoline wurde nicht nur Musik gemacht, sondern auch Zimmermanns Schale eingedötscht. Manchmal wurde das Ei sogar geköpft.

Nie hat der wunderbare Musiker und Komiker Hans Süper (der im Dezember 2022 starb) ahnen können, dass die Mandoline einmal „Instrument des Jahres“ werden würde. Doch nun ist es so gekommen, die deutschen Landesmusikräte haben sie zur Nachfolgerin des Drumsets bestimmt. Im sächsischen Musikrat wurde das bereits gejubelt: Zwar besitze die Mandoline „einen gewissen Exotenstatus“, doch war sie „immer auch ein Instrument, das es schaffte, Brücken zu bauen – und dies in unterschiedlichsten Ausprägungen und unterschiedlichsten Perspektiven“.

Wer genau hinschaut, der bemerkt trotz aller Bauvariationen und auch Elektronikspielereien, dass es zwei Grundtypen der Mandoline gibt: die neapolitanische und die Flachmandoline, jene ohne, diese mit Zargen (Seitenwänden). In der So­pranversion ist sie wie die Violine in vier Quinten gestimmt, allerdings mit vier Saitenpaaren (Chören). Das macht den Klang brillant, räumlich, bei Bedarf auch zudringlich.

Wenn nicht gerade ein offensiver Könner wie Süper sie spielt, gilt die Mandoline als betuliches und eher defensives Laieninstrument. Großer Fehler: Wer schon mal zupfende Koryphäen wie Avi Avital erlebt hat, der kam aus dem Staunen nicht heraus, wie reich das Spektrum des Instruments ist. Die Originalliteratur ist seit dem 17. Jahrhundert allerdings handverlesen: Vivaldi hat ihr zwei Konzerte geschenkt, Mozart lässt sie das berühmte Ständchen in „Don Giovanni“ begleiten, Gustav Mahler bittet sie zu zwei späten Symphonien, Händel ziert ein Oratorium mit ihrem Klang. Arnold Schönberg wollte fast nie auf sie verzichten.

Auch in der vielsaitigen Moderne wurde sie gebraucht: „Losing My Religion“ von R.E.M. funktioniert ohne Mandoline nicht, Mike Oldfield und Ry Cooder griffen zu ihr, in der Bluegrass-Szene versilberte ein Bill Monroe den Klang und sicherte ihr solistischen Auslauf. David Grisman, Sam Bush oder Chris Thile zeigen bis heute, dass die Mandoline auch Virtuosen hervorbringt.

In Deutschland profitierte die Wandervogel-Bewegung vor allem von der Transportfähigkeit der Mandoline. Diese Phase, die 1896 in Berlin begann, ließ ihr Image nur scheinbar abrutschen, in Wirklichkeit war sie ein Instrument des Widerstands, wie die Nazizeit zeigte: Die Wandervögel mussten nach Hitlers Machtergreifung gewaltsam in die Hitlerjugend integriert werden. Danach erwachten sie vielerorts neu, auch die Mandoline ließ sich einfach nicht kleinkriegen. In jedem Fall war sie, wie die junge und exzellente Düsseldorfer Mandolinistin Lotte Nuria Adler sagt, „über alle Zeiten viel mehr als ein schrubbeliges Instrument, das ein Tremolo erzeugen kann“. Mancherorts wurde und wird sie die „Geige des kleinen Mannes“ genannt; Kunstmusik und Arbeiterbewegung waren etwa in der Zeit der Zweiten Wiener Schule (mit Schönberg und Webern) eng verbandelt.

Der Virtuose unter den Klassikern: Mandolinist Avi Avital.

Der Virtuose unter den Klassikern: Mandolinist Avi Avital.

Foto: dpa/Axel Heimken

Wie es sich gehört, spielt Adler noch weitere Zupfinstrumente, nicht nur eine neapolitanische Mandoline, sondern auch eine Barockmandoline sowie Renaissance- und Barocklauten: köstliche Familienangelegenheiten. Auch Adler wurde in Zupforchestern groß, mittlerweile ist sie selbst Dozentin beim Jugendzupforchester Nordrhein-Westfalen. Derzeit strebt sie dem Konzertexamen an der Musikhochschule Wuppertal entgegen, wo es den europaweit einzigen Lehrstuhl für Mandoline gibt. Ihn bekleidet Caterina Lichtenberg in der Nachfolge der fast legendären Marga Wilden-Hüsgen.

Der König der Mandoline ist aber, charmant und erhaben, der aus Israel stammende Avi Avital. Er kam zu seinem Instrument wie in einer Geschichte von Ephraim Kishon: Vom elterlichen Balkon in Be’er Sheva hörte der 1978 geborene Avi wunderlich-schöne Töne aus der Nachbarwohnung, dort saß der Mandolinenvirtuose Jacob Reuven und übte. Avi war fasziniert und quengelte, bis Reuven ihm sein altes Instrument überließ. Die Familie fügte sich in Avis glückliches Schicksal und dankte dem Herrn, denn Reuven hätte ja auch Posaunist oder Schlagzeuger sein können. Avital wuchs mit seinem Instrument auf, und als die israelische Armee ein Einsehen hatte, dass man zarte Hände und feinsinnige Gemüter wie ihn besser in ein nationales Begabungsprogramm aufnahm, stand der Karriere nichts mehr im Weg.

Jetzt kann sich Avital seine Engagements aussuchen, er spielt in der New Yorker Carnegie Hall und in der Berliner Philharmonie, befruchtet Komponisten, experimentiert mit Klängen und tritt in Education-Programmen auf. Er lauscht den Klängen nach, wenn sie sich dünn verflüchtigen, er reckt sich, wenn sie dröhnend im Raum widerhallen. Und er zeigt, dass die Mandoline sich per Transkription längst auch Werke für Klavier oder Violine erobert hat; seine umwerfende Bach-Platte (bei der Deutschen Grammophon) kündet davon. Ein Grenzgänger muss schon sein, wer die Mandoline konzertfähig machen will, das hört man einer weiteren Platte an: „Avi Avital – Between Worlds“. Da reist er zu Béla Bartók, Astor Piazzolla oder Antonin Dvorák, alles keine Originalwerke, was aber niemand bemerkt. Denn was nicht passt, wird passend gemacht, sogar der unverwüstliche „Csárdás“ von Monti.  

Auch Lotte Nuria Adler hat für ihre neue CD prominente Ausleihen vorgenommen: Aus der Geigenliteratur hat sie sich Solo-Werke von Bach und Eugène Ysaÿe geborgt und eigenhändig bearbeitet. Bescheiden schreibt die Musikerin im Beiheft: „An keinem Punkt der Erarbeitung ließen sich anfängliche Schwierigkeiten der Übertragung nicht doch noch lösen.“ Von Widerständen hört man in Wahrheit nicht einen einzigen Zirplaut: Die Musik wirkt stets, als sei sie das Original (die CD ist zu bestellen über www.lottenuriaadler.de).

Bei Hans Süper in Köln klang die Mandoline nie edel, sondern fidel. Sie war das schreiende, hyperaktive Baby in seinen Armen, das auch verstockten Besuchern im Gürzenich ein Lachen auf die Wangen trieb. Und was den Kollegen Zimmermann neben ihm betraf, den er mit seinen Pointen quälte, war Süpers Mandoline sogar ein Haushaltsgerät: ein achtsaitiger Eierschneider.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort