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Serie Die Top 10 Der Kunst Im Rheinland (6): Die Leinwand als Chemie-Labor

Serie Die Top 10 Der Kunst Im Rheinland (6) : Die Leinwand als Chemie-Labor

Sigmar Polkes Biennale-Zyklus von 1986 verändert sich in Mönchengladbach noch immer.

Mönchengladbach Oft dachte man, in der Malerei sei alles schon einmal dagewesen, vom Kubismus über den Surrealismus bis zur Abstraktion. Was sollte da noch kommen? Immer wieder aber haben Maler bewiesen, dass ihnen doch wieder etwas Neues, Unerwartetes einfällt. Als der Kölner Künstler Sigmar Polke (1941-2010) im Jahr 1986 den deutschen Pavillon auf der Kunst-Biennale von Venedig bespielte, hatte wohl niemand mit einer Malerei gerechnet, die sich unabhängig vom Künstler unter dem Einfluss von Licht und Feuchtigkeit fortentwickelt.

Auf sechs Kunststoffsiegel-Bildern, jeweils fünf mal 3,25 Meter groß, arbeitete es unmerklich weiter, nachdem Polke sein Arbeitszeug beiseite gelegt hatte. Noch heute sorgen Kunststoff, violettes Pigment, Zinnober und Blattsilber auf Leinwand dafür, dass der vom Künstler ausgelöste chemische Prozess in Gang bleibt. Von der gegenwärtigen Gestalt der Bilder kann man sich im Mönchengladbacher Museum Abteiberg einen Eindruck verschaffen. Dort, im Oberlichtsaal auf der sogenannten Plattenebene, sind die sechs Großformate zu sehen, seit das Museum sie 1988 mit finanzieller Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen erwarb.

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Der Idee von der selbsttätigen Veränderung eines Bildes haftet etwa Faszinierendes an. Das Genre der Malerei scheint mit einem Mal der Überzeitlichkeit entrissen zu sein, bietet sich dem Betrachter nicht mehr als Orientierungspunkt an, sondern ist der Vergänglichkeit ebenso ausgeliefert wie der Mensch selbst.

Im deutschen Pavillon der Biennale warfen diese Bilder zugleich Fragen auf nach den Bedingungen geschichtlichen Wandels an einem von deutschnationaler Vergangenheit bestimmten Ort. Die Nationalsozialisten ließen das Ausstellungshaus nämlich 1938 nach ihrem Geschmack umbauen; in dieser Gestalt ist er bis heute erhalten. Seitdem hat mancher Künstler daran produktiv Anstoß genommen.

Dierk Stemmler, 1986 als Leiter des Museums Abteiberg zugleich deutscher Biennale-Kommissar, sah Polkes Materialwahl in engem Zusammenhang mit der Aussage des Bildes. Die von Polke "Wandspiegel" genannten Arbeiten könnten, so führte Stemmler aus, "Trennschicht sein zwischen Diesseits und Jenseits, Durchgang, großes Corpus mit Sensoren oder mit verletzter Haut, Physiognomie, unendliche Landschaft, ferner Kontinent oder Zusammenkunft von ,Weltgegenden' der Malerei mit einem konkreten und magischen Schau-Raum".

Die Jury der Biennale erkannte damals die Bedeutung von Polkes chemischer Malerei und sprach ihm den Goldenen Löwen zu. Die skizzenhaften, mehrfach belichteten 16-Millimeter-Filme, die der Künstler seinerzeit von seinen Vorbereitungen für Venedig und der Ausstellung drehte, werden erstmals zwischen dem 15. März und dem 5. Juli im Museum Abteiberg vorgeführt - eine Premiere fünf Jahre nach Polkes Tod.

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(RP)