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Karlsruhe: Die Kunst der Wiederholung

Karlsruhe : Die Kunst der Wiederholung

"Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube" – unter diesem Titel zeigt die Kunsthalle Karlsruhe, wie alte und neuere Meister Bilder kopierten oder abwandelten und als Originale ausgaben. Fazit der Schau: Jede Kopie ist ein Original im Hinblick auf den, der sie geschaffen hat.

Vor 500 Jahren ereiferte sich Albrecht Dürer über die Fälschung seiner druckgrafischen Blätter mit einer schriftlichen Warnung unter seinem Holzschnitt "Die Verehrung Mariens" (um 1502): "Wehe dir, Betrüger und Dieb fremder Arbeitsleistung und Einfälle, lass es dir nicht einfallen, deine dreisten Hände an diese Werke anzulegen!" Gegen künstlerisch motiviertes Kopieren hatte er jedoch nichts einzuwenden.

Das betrieb er nämlich selbst, wie seine Federzeichnung "Die Muse Thalia" (1494/95) beweist. Als Vorlage diente ihm der Kupferstich (1465) eines anonymen Meisters aus Ferrara. Dürer: "Aus wem ein großer, kunstreicher Maler werden soll, der muss von guten Meistern viel kopieren, bis er eine freie Hand erlangt."

Den vielfältigen Formen, Funktionen und Motiven der mit künstlerischem Anspruch geschaffenen Wiederholung von Werken ist in der Kunsthalle Karlsruhe eine aufschlussreiche Schau gewidmet. Sie will Anwalt der Kopie als Original sein. Aufgeboten sind 120 Werke von 81 Künstlern aus den zurückliegenden 700 Jahren. Pia Müller-Tamm, einst Kuratorin der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf und jetzt Direktorin der Kunsthalle Karlsruhe, erläutert: Die Ausstellung "zeigt uns das Neue als Rekurs auf das Alte, die Kunstgeschichte als ein System von Aneignungen und Ableitungen".

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Nicht selten hat gerade die Kunst der Wiederholung den Ruhm der Schöpfer der Originale gefestigt. Das veranschaulichen die drei fast identischen Gemälde "Anbetung der Könige im Schnee". Geschaffen wurden sie von Pieter Brueghel dem Jüngeren (1564–1637/38) und seinen Werkstattmitarbeitern nach dem Original von Pieter Brueghel dem Älteren (1520/30–1569). Ausstellungskuratorin Ariane Mensger kommentiert: "Indem der Sohn die Bilder des Vaters kopierte, variierte und in dessen typischem Stil auch neue Motive entwickelte, prägte er das Bild Brueghels für die Nachwelt und sicherte ihm dadurch den großen, bis heute anhaltenden Ruhm."

Oft werden bei der künstlerischen Aneignung eines Werkes Veränderungen vorgenommen, die das kopierte Werk in einen neuen Zusammenhang überführen. Das wird schon durch den Wechsel des Mediums anschaulich. So hat etwa Johann Geminger den von Dürer geschaffenen berühmten Kupferstich "Ritter, Tod und Teufel" (1513) in ein farbenprächtiges Gemälde (um 1600) übertragen. Und aus Francisco de Goyas großartiger kleiner Radierung "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (1797/98) ist unter der Regie Yinka Shonibares eine fast zwei Meter hohe, irritierend lebendig wirkende Farbfotografie mit echtem Darsteller sowie ausgestopften Tieren – Luchs, Fledermäusen und Käuzchen – geworden.

Wiederholt ist das Vorbild in der Neuinterpretation kaum wiederzuerkennen. Das beweisen drei Bilder, auf denen Maria den sterbenden Christus beweint. Das erste in der Reihe ist die von Eugène Delacroix gemalte "Pietà" (um 1850). Getreu, aber seitenverkehrt wurde sie von Célestin-Francois Nanteuil in eine Lithografie (1853) übersetzt. Die schwarzweiße Lithografie wiederum wurde für Vincent van Gogh zum Auslöser eines kreativen Prozesses. In seinem Gemälde "Pietà (nach Delacroix)" identifiziert sich van Gogh mit dem gemarterten Heiland, indem er seine Gesichtszüge auf dessen Antlitz überträgt.

Eine Anleitung, wie man teure Kunstwerke kostengünstig selber nachahmen kann, gibt schließlich Florian Freier mit seinem Beitrag "The Eye of God – Recreating Andreas Gursky (Google Earth Remix)", 2009, der aus einem Fotoausdruck und einem Video besteht. Als Vorlage diente Freier die von Gursky mit hohem logistischen und technischen Aufwand hergestellte Fotoarbeit, welche die Rennstrecke von Bahrain zeigt. Das Video dokumentiert, wie man schlicht und einfach unter Einsatz von Computer und Internet zu einem ähnlichen Bild-Ergebnis kommen kann.

Kuratorin Mensger zieht das Ausstellungsfazit: "Jede Kopie ist ein Original im Hinblick auf den, der sie geschaffen hat."

(RP)