Düsseldorf: Die Künstlerfrau – Muse und Managerin

Düsseldorf : Die Künstlerfrau – Muse und Managerin

20 Interviews geben Einblick in den Alltag berühmter Künstlerpartnerschaften wie von Uecker, Piene, Mack und Gotthard Graubner.

Christine Uecker ist viel mehr als nur die Frau an seiner Seite. Den Zugang zu einem Künstler wie Günther Uecker findet man über sie. Selten taucht der Nagelkünstler ohne seine Frau auf. Nichts läuft ohne sie. Denn er selbst nimmt zu Hause das Telefon nicht ab, er besitzt kein Handy. Wenn ihm etwas wichtig ist, dann schreibt er ein Fax – in geschwungener Handschrift. Die gelernte Buchhändlerin, sicher 20 Jahre jünger als ihr Mann, fühlt sich eins mit ihm, als Teil eines schöpferischen Prozesses. Das ist bei Zero-Kollege Heinz Mack nicht viel anders. Auch seine deutlich jüngere Frau Ute ist die Säule des familiär geführten Kunstbetriebs in Mönchengladbach, die Sozialpädagogin ist Archivarin, Agentin und Schatzhüterin. Wer im idyllischen Huppertzhof anruft, in dem Wohnhaus und Atelier der Macks vereint sind, der erreicht Ute Mack. Sie entscheidet, wer mit dem Künstler reden oder zu Besuch kommen darf. Und sie ist mehr als das auch seine erste und kritischste Kritikerin.

Selbst Otto Piene, der Dritte im Zero-Bunde und die meiste Zeit in Amerika lebender Künstler, ist ohne seine Frau Elizabeth Goldring nicht denkbar. Sie ist immer da, wo auch er ist, Amerikanerin, Künstlerin, Dichterin und Forscherin. Doch in dieser Ehe bedeutete die Prominenz des Mannes auch einen großen Schatten für sie selbst. So habe sie am berühmten MIT in Massachusetts keinen Professorenjob bekommen, da ihr Mann dort schon berufen war. Viel Kontakt haben die Zero-Künstler zu Weggefährten von einst wie Gotthard Graubner, mit dem Kitty Kemr seit Jahrzehnten liiert ist und zusammenlebt. "Er ist der wichtigste Mensch für mich", sagt die in Slowenien geborene Kunsthistorikerin. Und dass das Leben mit ihm "absolut ihr Leben" ist.

Glaubt man den Interviews, die 20 berühmte Künstlerfrauen der Sammlerin Anna Lenz in dem Band "Starke Frauen für die Kunst" gegeben haben, dann sind die Musen von heute moderner als ihre historischen Vorbilder. "Hinter jedem großen Mann stand immer eine liebende Frau, und es ist viel Wahrheit in dem Ausspruch, dass ein Mann nicht größer sein kann, als die Frau, die er liebt, ihn sein lässt." Das hat Picasso einmal gesagt, der sich im Laufe seines langen Lebens mit fünf (zumindest bekannt gewordenen) Musen umgab, Marie-Therèse Walter, Jacqueline Roque, Olga Chochlowa, Dora Maar und Françoise Gilot. All diese schönen, markanten Gesichter sind bekannt aus Picassos Bildern, Gilot besonders in Erinnerung aus dem berühmten Foto, auf dem sie am Strand der Côte d' Azur mit Picasso lustwandelt, wobei er ihr den großen Sonnenschirm aufhält. Sie hat ihre eigene Theorie zur Bedeutung der Frauen im Leben eines Künstlers. In einem kürzlich in der SZ erschienenen Interview zitierte Gilot ihren ehemaligen Mann: "Jedes Mal, wenn ich eine neue Frau nehme, sollte ich ihre Vorgängerin verbrennen. Dann wäre ich sie los". Gilot ist 40 Jahre jünger als der 1973 verstorbene Maler, und sie erinnert sich, dass er glaubte, dadurch seine Jugend zurückgewinnen zu können.

Auch die Frauen von Uecker, Mack und Graubner sind wesentlich jünger als ihre Männer. Meist sind sich die Paare zufällig im Leben begegnet, die Anbahnung der Beziehung nahm Zeit in Anspruch. Über diese Begegnungen, das Liebeswerben und die Wege zueinander, berichten die Frauen offenherzig in diesen dokumentarisch aufgezeichneten Gesprächen. Anders als im antiken Griechenland sind die Musen von heute weit mehr als Inspirationsquelle oder becircende Anregung. Heute sind sie Partnerinnen auf Augenhöhe, Assistentinnen mit Vollzeitjob, Managerinnen. Sie pinseln Leim auf Leinwände, führen die Geschäfte, ordnen die Finanzen – letzteres ein Fach, in dem die meisten Genies versagen.

Bei all den prall gefüllten Terminkalendern, den In- und Auslands-Ausstellungsaktivitäten mit der Kunst kommt die Liebe nicht zu kurz. In jedem Gespräch, selbst in jenen mit den Witwen von Raimund Girke, Yves Klein oder Piero Manzoni, fallen wunderbare Sätze darüber, was zwei Menschen zusammenschweißt und was die Liebe für ein Kraftquell sein kann – übrigens für beide Seiten. So erklärt Otto Pienes Frau Elizabeth trotz ihrer schweren Sehbehinderung: "Zusammen sehen wir alles." Rotraut Klein, die Frau von Yves Klein und Ueckers Schwester, sagt: "Unser Baby ist die Kunst". Die langjährige Lebensgefährtin von Piero Manzoni, Nanda Vigo, schwärmt von der alten und dann von einer neuen Liebe nach dem Tod Manzonis, 1963. Da hat sie sich nämlich in Otto Piene verliebt. Aber der war schon vergeben.

(RP)