Connie Palmen: Die Frau, die ihre beiden Männer verlor

Connie Palmen: Die Frau, die ihre beiden Männer verlor

Trauern ist wie Verliebtsein: Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen schreibt in ihrem neuen Buch über Glück und Schmerz.

Amsterdam Vor 15 Jahren veröffentlichte die niederländische Autorin Connie Palmen den Bestseller "I. M.". über ihre Liebe zum Talkmaster Ischa Meijer. Die währte vier Jahre: Meijer starb 1995 an einem Herzinfarkt. Das neue Buch der 57-Jährigen handelt ebenfalls vom Ende einer Liebe – der zu Hans van Mierlo. Der Staatsmann galt als "Kennedy der Niederlande", er war Außenminister unter Wim Kok. Palmen und van Mierlo lernten sich bei Cees Nooteboom kennen. An dem Tag, da sie elf Jahre und elf Tage zusammen waren, heirateten sie. Wenige Wochen später starb van Mierlo. Palmen begann ein Tagebuch der Trauer: "Logbuch eines unbarmherzigen Jahres" ist ergreifender Bericht, kluger Essay – und Tauchfahrt in die Abgründe der Seele.

Wie geht es Ihnen?

Palmen Es geht gut genug. Ich bin in das Haus gezogen, in dem mein Mann lebte. Ich möchte ein offenes Haus führen, mit Gästen und Freunden. Und es gelingt.

Glauben Sie eigentlich an Gott?

Palmen Nein. Aber ich mag ihn sehr.

Für Sie gibt es keinen Himmel?

Palmen Nein, ich glaube nicht, dass ich die Menschen, die ich geliebt habe, je wiedersehe.

Dann muss Ihr Schmerz um ein Vielfaches stärker sein.

Palmen Vielleicht. Ich sehe bei meiner Mutter, wie viel Trost der Glaube spendet. Sie fühlt sich von meinem toten Vater immer noch beobachtet. Das Beobachtet-Werden von jemandem, den man liebt, ist sehr wichtig.

Haben Sie sich je danach gesehnt, glauben zu können?

Palmen Eigentlich nicht.

Sie sagten, Sie würden Gott mögen.

Palmen Weil er so viele Menschen glücklich macht.

Ischa Meijer kommt im Buch vor. Von ihm ist als "der vorige Tod" die Rede. Zwei Mal große Liebe: Schmälert das zweite große Glück nicht das erste?

Palmen Es hat Einfluss darauf, aber es macht es nicht weniger. Die frühe Liebe war heftig und einflussreich, weil sie die erste war, die ich mir selber zugestanden habe. Ich musste wie Nietzsche sagt, erst werden, wer ich war. Nach Ischas Tod war ich geübt in der Liebe. Ich wusste, dass ich noch einmal lieben würde.

Sie zitieren im Buch Ihren Mann Hans: "Ich wünschte, ich wäre der erste gewesen."

Palmen Ich hätte es ihm gegönnt.

Ist Kummer anders als Schmerz?

Palmen Ja. Kummer erlebe ich jetzt. Ich habe mich daran gewöhnt, eine Frau mit Kummer zu sein. Schmerz ist körperlicher. Schmerz macht den Körper krank, und der Auslöser ist Erinnerung an den geliebten Menschen. Kummer ist sanfter, er mischt sich sogar mit Glück. Im Kummer kann ich Dankbarkeit dafür fühlen, dass wir uns begegnet sind.

Das heißt, es gibt eine Dynamik der Trauer: vom Schmerz zum Kummer?

Palmen Ja. Schmerz gehört zur Trauer, vor allem im ersten Jahr, sie ist eine extreme Form des Leidens. Kummer ist melancholischer. Der Mensch im Kummer ist sich dessen bewusst, dass er sterben muss.

Macht es das Nachdenken-Müssen über Schmerz schwerer, Schmerz zu ertragen?

Palmen Ich glaube schon, zumindest im ersten Moment. Das Verdrängen hilft zunächst dabei, große Trauer zu vermeiden. Aber man zahlt später den Preis dafür.

Sie schreiben, Sie wünschten sich eine Pille gegen das Leben. Zum Glück haben Sie keine gefunden.

Palmen Das wäre ein Verrat an mir selbst gewesen. Vergessen und Verdrängen sind in meinen Augen Verrat an den Menschen, die sterben mussten. Jemanden zu kennen, bedeutet, jemanden zu lieben. Und die Flucht vor Kennen und Wissen ist Verrat an der Liebe.

Welche Bedeutung hatte in dieser Situation das Schreiben?

Palmen Am Anfang war ich nur imstande zu registrieren. Ich dachte: Ich darf nicht vergessen, denn wenn ich vergesse, kann ich anderen nicht helfen. Ich spürte, wie das Vergessen begann, denn das ist eine natürliche Reaktion des Geistes auf Schmerzen. Würden wir Schmerzen nicht vergessen, wollte niemand mehr Kinder kriegen. Also schrieb ich. Allmählich wurde das Schreiben literarischer. Ich kümmerte mich stärker um die Struktur des Buches, verdichtete, vertiefte vieles.

Das Buch hat eine zweite Ebene: Die Frage, wie aus einem Tagebuch Literatur entsteht.

Palmen Das stimmt.

Was also ist Literatur?

Palmen Literatur ist sich ihrer eigenen Form und der Begrenzungen bewusst. Ich diskutiere im "Logbuch" die Gesetze des Genres. Ich war inspiriert von der Passionsgeschichte. Das wollte ich: den Tod immer aufs Neue durchleben.

Ich habe Ihr Buch auch als Studie über das Verliebtsein gelesen.

Palmen Man hat mich gefragt, ob man dieses Buch überhaupt lesen kann, wenn man noch keinen Verlust erlebt hat. Ich antwortete: Ja, denn jeder kennt die körperliche Wirkung des Verliebtseins, die Spannung. Und jeder weiß, wie krank und ängstlich man sich fühlt. Genauso funktioniert Trauer.

Um was trauern Sie genau?

Palmen Natürlich um Hans. Aber auch um mich. Mit dem anderen begräbt man sich selbst. Das liebste Ich ist verschwunden. Ich hatte mich am liebsten so, wie er mich sah. Nun ist er fort, und ich trauere um das, was ich war mit ihm.

Wie gelang die Rückkehr ins Leben?

Palmen Im zweiten Jahr ist man geübter im Umgang mit der Trauer und wagt es, an die Zukunft zu denken – nicht als Verliebte, aber als Schwester, Freundin, Tochter.

Ist der Klingelton Ihres Handys wirklich "I Feel Good" von James Brown?

Palmen Ja. Und wenn es klingelt, rufe ich immer: Ironie, meine Damen und Herren, Ironie!

(RP)
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