Die Ewigkeit der Bibliothek: Neues von Dieter Forte

Buchneuheit „Als der Himmel noch nicht benannt war“: Die Ewigkeit der Bibliothek: Neues von Dieter Forte

„Als der Himmel noch nicht benannt war“ heißt das neue Werk des 1935 in Düsseldorf geborenen, seit langer Zeit in Basel lebenden Autors.

Was für ein unheimliches Buch! Nicht einmal 100 Seiten stark, und doch rumort es in jeder Zeile. Und um nichts Kleineres geht es darin als um die 5000 Jahre währende Geschichte der Menschheit, die Erschaffung der Welt und die Erfindung der Sprache.

Lange haben wir nichts mehr von Dieter Forte gehört. Verschollen schien der 83-jährige Düsseldorfer im fernen Basel, wohin er damals geflohen war. 1970 war das, als sein Theaterstück „Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“ im hiesigen Schauspielhaus nicht uraufgeführt werden durfte und Forte mit dem Manuskript unterm Arm also nach Basel weiterzog. Dort wurde es ein Welterfolg: von fünfzig Bühnen gespielt, in neun Sprachen übersetzt. Forte blieb in Basel, wurde Hausautor des Theaters als direkter Nachfolger von Friedrich Dürrenmatt. Sehr spät hat Düsseldorf wieder die Nähe zu ihm gesucht, gab einer Gesamtschule seinen Namen, verlieh ihm die Heine-Ehrengabe. Die Verbitterung bei Dieter Forte ist geblieben, der mit einer über Jahrhunderte reichenden Saga zweier Familien seiner Heimatstadt nach Heine das vielleicht größte literarische Denkmal gesetzt hat.

Nach vielen Jahren jetzt wieder ein Werk. „Als der Himmel noch nicht benannt war“ ist die Menschheits-Spurensuche in einer Bibliothek, und wer Forte kennt, ahnt, dass es der wunderliche Ort der „Allgemeinen Lesegesellschaft Basel“ von 1787 ist mit seinen 75.000 Büchern, fast jeden Tag im Jahr geöffnet und gleich neben dem Münster gelegen. Auch das ist wichtig, liegt dort doch der Humanist Erasmus von Rotterdam (1466-1536) begraben, das schreibende, denkende Vorbild Fortes.

Mit dem Bibliothekar zieht der Schriftsteller nun durchs Bücherhaus, getrieben von der Überzeugung, dass die Menschen, seid es sie gibt, erzählen. In vielen Kurzkapiteln wird die Bibliothek Sinnbild der Ewigkeit. „Die Bücher herrschen über die Vergangenheit“, heißt es. „Die Wahrheit ist die Summe aller Widersprüche“ und die Realität letztlich „eine Glaubenssache“. Wir begegnen dem Gehilfen mit seinem Bücherkarren und dem Mythenschreiber vergraben hinten im Bücherberg. Was für eine große, was für eine alte Welt! Fortes schmales Buch scheint zur Summe aller Bücher zu werden, die, wollte man sie lesen, die Zeit der Menschheitsgeschichte umfasst.

Der Verlust der Worte aber ist das Ende. In fünf eingestreuten Kapiteln wird vom Besuch einer Sterbenden berichtet. Ein Haus mit weißen Räumen und weißen Fluren. „Das ist eine Blume. Das ist eine Wiese. Das ist ein Baum. Das ist ein Fluss“, memoriert der Erzähler am Bett. Da schmilzt die Menschheitsgeschichte zusammen, verliert das Wort seinen Halt. „Er legt das Buch zur Seite, schließt die Auge und bleibt in der Stille“, heißt es am Ende des poetischen, auch persönlichen Buches.

Info Dieter Forte: „Als der Himmel noch nicht benannt war“. S. Fischer, 96 Seiten, 17 Euro