Heute Grundsteinlegung in Berlin: Die Demokratie baut ein Schloss

Heute Grundsteinlegung in Berlin: Die Demokratie baut ein Schloss

Bundespräsident Joachim Gauck legt heute den Grundstein zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses mit historischer Fassade und neuer Innennutzung. Die Kanzlerin meidet den Termin. Dennoch ist er wichtig.

Wenn der Bundespräsident heute den Grundstein zum Humboldt-Forum legt, dann ist das nicht irgendein Akt mit Kordeln, Fähnchen und Blasmusik. Im Jahre 2013 klingt das wie ein teurer Anachronismus. In Wirklichkeit findet Deutschland endlich die Kraft, der Hauptstadt ihr historisch-architektonisches Herz zurückzugeben.

Gut 600 Millionen an Steuergeldern bilden eine Herausforderung an die Argumente, die den Wiederaufbau des Barockpalastes begründen müssen. So wie die 800 Millionen, die für den Weiterbau der Autobahn A 100 in Berlin in den nächsten Jahrzehnten fällig werden. Oder die 800 Millionen für die Elbphilharmonie. Es geht auch noch plastischer: Das Schloss gibt es zum Gegenwert einer "Euro-Hawk"-Aufklärungsdrohne — mit einem Unterschied: Seine Zulassungsfragen sind gelöst.

Aber nur die administrativen. Die emotionalen spalten weiter Politik und Gesellschaft. Als SED hat die heutige Linke 1950 das historische Schloss (gegen massiven Widerstand von Bevölkerung und Intellektuellen) sprengen lassen. Sie begreift es als fortwährende Beleidigung der DDR-Lebensleistung, dass der an Stelle des Schlosses errichtete Palast der Republik nun wieder dem Schloss Platz machen musste.

Aber auch die Bundeskanzlerin mit ihrem feinen Gespür für Stimmungen und einer ausgeprägten Neigung, sich nicht in die Nähe von Themen, Personen oder Dingen zu begeben, die sie nach unten ziehen könnten, hält sich fern vom Schloss. Es kommt der Präsident. Aber wie die Ostdeutsche Angela Merkel will auch der Ostdeutsche Joachim Gauck nicht mit Lobreden aufs Schloss in Verbindung gebracht werden. Dann schon lieber keine Rede, sondern nur der Akt, einen Stein aus dem alten Schloss zum Grundstein des neuen zu machen.

Das Schloss ist nicht nötig, um die Menschen rund um die Welt neugierig auf Berlin zu machen. Millionen von Touristen strömen durch die Straßen, weil sie vom Flair Berlins fasziniert sind. Sie interessieren sich zwar auch für die Bauwerke, aber im Kopf planen sie meist schon während der Rundfahrten, wie sie am Ende der Tour wieder eintauchen in die kulturellen und gesellschaftlichen Erlebnisschichten der Stadt. Das Brandenburger Tor ist ein Muss. Einmal fürs Erinnerungsfoto posieren. Fertig. Die Linden und die Baukräne verhindern das Empfinden, dass am anderen Ende der Sichtachse über den Prachtboulevard ein Loch ist.

Im Vergleich zu Paris oder London war Berlin die zu spät gekommene preußische Möchtegern-Metropole. Sie war vielleicht zu schnell gewachsen. Sie beheimatete möglicherweise den preußischen Militarismus. Sie wurde sicherlich zum Symbol für den verbrecherisch-zerstörerischen Nationalsozialismus. Aber Hitler hatte mit dem Barockbau nichts zu schaffen — und die historische Mitte mit diesen Etiketten wenig zu tun.

Die Grünen-Politiker Antje Vollmer hat das in der Schlossdebatte des Bundestages von 2002 glasklar herausgearbeitet. Der Ort der politischen Macht im Königsschloss sei architektonisch eingebunden gewesen von den Universitäten, den Kirchen, den Opern und der Neuen Wache, die für Militärreform und nicht für Militarismus gestanden habe. Vollmer: "Dieses Ensemble war eine politische Landschaft, es war Ausdruck einer großen europäischen Kultur der Toleranz, der Aufklärung und der Humanität."

Der Dom und das Alte Museum wirken derzeit noch seltsam verloren mit ihrer massiven Architektur, bildeten sie doch nur das Gegengewicht zum Schloss. Wer über Google Maps die historische Mitte Berlins ansteuert, sieht auch ohne städtebauliches Grundstudium, dass Berlin auf das Schloss ausgerichtet war und nun Orientierung am Nichts zu finden versuchen muss.

Hätte es nicht irgendein anderes Gebäude an dieser Stelle auch getan? DDR-Nostalgiker versuchten bis zuletzt, den Abriss des asbestverseuchten Palastes der Republik zu verhindern. Aber Erichs Lampenladen, wie die Mehrzweckhalle wegen der vielen Leuchtkörper und ihres "Erbauers" Erich Honecker genannt wurde, war bestenfalls Relikt der 70er Jahre. Ein bisschen "Saturday Night Fever" ergänzt durch schrägen Fünfjahresplansozialismus: Damit die DDR-Oberen ihren Volkspalast zügig vorzeigen konnten, zogen sie Arbeiter und Material aus anderen, auch lebenswichtigen Projekten ab. Das spaltet bis heute auch die Erinnerung im Osten.

Und warum müssen es die drei ursprünglichen Barockfassaden sein? Warum kein kühner Entwurf? Weil die Mitte ihr historisches Herz braucht. Und keine künstliche Niere. Der FDP-Politiker Günter Rexrodt hielt "bei aller Sympathie für moderne Architektur" fest: "Dieses Gebäude muss auch in 200 und 300 Jahren dem Geschmack der Menschen entsprechen."

Drei Jahrhunderte. Unvorstellbar für eine Demokratie, die in Wahlperioden plant und in Eilmeldungen denkt. Dass das Schloss im Streit entsteht, gehört zur Demokratie als Bauherr. Wie sie es baut — historische Notwendigkeiten aufgreifend, mit aktuellen Dialogen und kulturellen Inhalten statt monarchischer Nostalgie füllend — zeichnet sie aus.

(may-)
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