1. Kultur

Dichtkunst lebt auch in der Düsseldorfer Altstadt

Düsseldorf feiert die Poesie : Dichtkunst lebt auch in der Altstadt

Es war kein leichtes Unterfangen, das zehnte Poesiefest im Heine-Haus. Auch wenn diese Zeitung das Jubiläum mit einer großen Beilage begleitete: Selinde Böhm und Rudolf Müller konnten lange nicht sicher sein, ob ihre dreitägige Veranstaltung eine Chance auf Erfolg hatte.

Sie kämpften mit Hygienevorschriften, einer sehr begrenzten Zahl von Plätzen und einem engen Terminkalender ihrer Autoren.

Dazu kam eine neue Technik, weil man die Festtage als Livestream übertragen wollte. Marianne Schirge, die Leiterin des Kulturamts, drückte daher kräftig die Daumen für diese „Mission Impossible“, genauso wie Kulturdezernent Hans-Georg Lohe.

Am Sonntagnachmittag stand dann fest: Es hatte sich gelohnt, auf der lauten und weitgehend maskenfreien Partymeile Bolkerstraße einen Saal durch Lyrik so ruhig zu stellen, dass man eine Stecknadel fallen hörte.

„Erinnerung“ lautete das gemeinsame Thema der geladenen Poeten, von denen jeder auch noch einem verstorbenen Kollegen Ausdruck und Stimme verlieh. Als dann am Freitagabend Viola Rusche, die Tochter des 2006 verstorbenen Schriftstellers Christian Saalberg, erzählte, dass ihr waldliebender Vater eigentlich Förster hätte werden wollen, mochten einige Zuhörer im Heine-Haus und vor den Bildschirmen an den „Club der toten Dichter“ denken. Denn in dem Film von 1990 bringt der Lehrer seinen Schülern den amerikanischen Dichter Henry David Thoreau nahe, der in seinem Buch „Walden. Oder Leben in den Wäldern“ den zeitweisen Ausstieg aus der Gesellschaft pries.

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Christian Saalberg erfüllte sich seinen Traum vom Ausstieg auf andere Weise. Als Christian Rusche 1926 in Böhmen geboren, führte er ein bürgerliches Leben als Rechtsanwalt. Gleichzeitig aber verfasste er Lyrik unter dem Pseudonym Saalberg. Bei seinem Tod waren 23 Bände zusammen gekommen, die alle nur eine winzige Öffentlichkeit erreichten.

Zusammen mit Mirko Bonné hat seine Tochter jetzt ausgewählte Gedichte neu herausgegeben. „In der dritten Minute der Morgenröte“ heißt der schöne Leinenband.

Wer das Glück hat, als „toter Dichter“ von Monika Rinck revitalisiert zu werden, erlebt auch akustisch eine fulminante Auferstehung. Nicht umsonst wurde die Sprachvirtuosin 2017 mit dem Ernst Jandl-Preis ausgezeichnet. Mit dem 1935 an Leberzirrhose verstorbenen portugiesischen Dichter Fernando Pessoa hatte sich Rinck eine besondere Herausforderung ausgewählt. Pessoa verfasste nämlich seine zahlreichen Werke unter verschiedenen Heteronymen, denen er auch eigene Biografien gab. Neben Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Alvaro de Campos zählten Literaturwissenschaftler mehr als 70 unterschiedliche, Pessoa zugeschriebene Lebensgeschichten. Und mit ihrer präzisen schnellen Diktion wäre Monika Rinck bestimmt in der Lage, allen einen eigenen Sound zu geben. Wegen der zeitlichen Beschränkung konnte man in der Literaturhandlung Müller & Böhm leider nur eine kleine Auswahl hören.

„Das Heine-Haus mit seinem Poesiefest ist einer der seltenen Orte, an dem sich Kunst und Literatur, Fachpublikum und Lesungsliebhaber treffen“, hatte der Dichter und Literaturprofessor Durs Grünbein in der RP-Beilage geschrieben. Diesem Anspruch wurde auch das Jubiläum wieder gerecht. Büchnerpreisträger Marcel Beyer las aus „Dämonenräumdienst“, seinem gerade bei Suhrkamp erschienenen Lyrikband. Vor allem erinnerte er an Thomas Kling, der bis zu seinem Tod 2005 auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss lebte. Dort befindet sich heute noch das Kling-Archiv, in dem Beyer an einer neuen Werkausgabe arbeitet.

Ein besonderes Hörerlebnis war der Lyriker Nico Bleutge mit seiner Hommage an die 2009 in Kopenhagen verstorbene dänische Lyrikerin Inger Christensen. Mit einem spannenden Essay stellte er deren Hauptwerk „Alphabet“ vor. Darin bezog sich die Lyrikerin auf eine mathematische Zahlenreihe, Fibonacci-Folge genannt. Christensen setzte diese Zahlen in Korrespondenz mit Struktur und Wachstum verschiedener Pflanzenarten.

Aus Anlass des zehnjährigen Bestehens hatten Selinde Böhm und Rudolf Müller drei jüngere Lyriker eingeladen, die Preisträger ihres seit 2016 vergebenen Poesiedebüt-Preises. Zur Matinee am Sonntag applaudierten die Gäste für Julia Trompeter, Maren Kames und Sebastian Unger. Als Überraschungsgast kam aber dann noch ein guter Freund des Hauses, der Schriftsteller Cees Noteboom. Der 87-Jährige hat gerade den mit 50.000 Euro dotierten Prix Formentor erhalten. Zum Thema des Poesiefests hatte Noteboom bereits vorab geschrieben: „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“