Peter Handke wird 70: Dichter, Rebell, Querdenker

Peter Handke wird 70 : Dichter, Rebell, Querdenker

Man mag es ja fast nicht glauben: Aber der Durchbruch dieses so feinsinnigen und mitunter schwermütigen, sprachmächtigen wie sprachkritischen Schriftstellers Peter Handke verlief gar nicht heimlich, still und leise.

Sie war laut, rebellisch, ungestüm. Und sie hatte eine enorme Wirkung. Nicht einmal 24 Jahre alt ist der Österreicher, als er 1966 die Einladung bekommt, mit den Literatur-Granden der Gruppe 47 in die USA zu reisen. Doch von Dankbarkeit, geschweige Ehrfurcht kann bei Handke keine Rede sein. Sein Auftritt in Princeton ist spektakulär mit seinem Vorwurf an die Kollegen, nur noch zu uninspirierter Beschreibungsprosa fähig zu sein. Eine Schmährede, in der das Wort "Beschreibungsimpotenz" vorkommt.

Der, der das sagt, ist noch ein Bürschchen; und die, die vor ihm sitzen und aus dem Staunen kaum herauskommen, tragen Namen wie Peter Bichsel und Günter Grass, Walter Jens und Walter Höllerer, Erich Fried, Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger. Diese Attacke von Handke, der heute vor 70 Jahren in Kärnten geboren wurde, war zwar nicht das Ende der Gruppe 47; das sollte erst zwei Jahre später nach Studentenprotesten vor der Pulvermühle kommen. Doch Handke hat zweifelsohne für die ersten tiefen Erosionen gesorgt.

Im gleichen Jahr erobert Handke ähnlich angriffslustig zum zweiten Mal eine Bühne — und diesmal ist es eine echte Theaterbühne: Mit seinem Sprechstück "Publikumsbeschimpfung", das bei eingeschaltetem Saallicht ausschließlich von dem handelt, was es im Titel ankündigt, zerstört der Schriftsteller erneut ein System und liefert radikales Antitheater für das Theater.

Dieser Peter Handke hat sich bis heute viele Gesichter bewahrt; und vielleicht gehört er auch darum zu den immer noch interessantesten Autoren deutscher Sprache. Handke schreibt immer aus anderem Blickwinkel, und diese Sichtweise ist existenziell, verstörend, spannend: mit der Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter"; mit seinen "Versuchen" über die Müdigkeit, die Jukebox, jüngst gar über den "Stillen Ort", der letzte und einer der intimsten Rückzugsorte. Besonders das verbinden Leser mit ihrem Handke: Spiegelungen seiner Innenwelt. Und so fehlt in seinem riesigen Gesamtwerk auch nicht die pathetische Geste des Dichters, der mit erhobenen Händen dem noch weißen Blatt Papier huldigt.

Peter Handke — auch ein politischer Querdenker, der die Nähe zum einstigen und vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagten Serbenführer Slobodan Milosevic pflegte und dem für dieses Engagement der Heine-Preis nicht verliehen wurde. Handkes Motive sind auch mit der Herkunft seiner Mutter begründet. Wer das verstehen will, sollte zu einer frühen, grandiosen Erzählung von ihm greifen — zu "Wunschloses Unglück" von 1972.

(RP/pst)
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