Deutschstunde ohne Ende - wie glaubwürdig ist der Lenz-Roman noch

Debatte um den Roman „Deutschstunde“ : Deutschstunde ohne Ende

Wie glaubwürdig ist der Roman von Siegfried Lenz, nachdem die Verstrickungen des Malers Emil Nolde ins NS-Regime belegt wurden?

In diesem Fall waren die Politiker die schnelleren Autoren. Denn als die sogenannten Mütter und Väter unserer Verfassung  vor 70 Jahren ein neues „Deutschland-Buch“ geschrieben hatten, dauerte es zehn Jahre, bis die Schriftsteller ihre Antwort auf den jungen Staat fanden. Eine zwar späte, gleichwohl gewaltige Replik war das. 1959 ist als „das Romanjahr“ in die Literaturgeschichte eingegangen. 1959 sollte Deutschland – so das bis heute unverwüstliche Diktum von Hans Magnus Enzensberger – das „Klassenziel der Weltliteratur“ erreichen: mit der „Blechtrommel“ von Günter Grass, die uns schelmisch deutsche Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegsgeschichte servierte; mit Heinrich Bölls Roman „Billard um halb zehn“, der uns in der Schilderung eines einzigen Tages über deutsche Schuld aufklärte; und schließlich mit den „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson, eine kriminalistische Zustandsbeschreibung des zweigeteilten Deutschlands. Lehrreich sind alle drei. Kritisch und widerborstig stellten sie sich dem Wiederaufbaueifer entgegen.

Dennoch schien kein literarisches Zeugnis für den noch jungen Staat so lehrreich zu sein wie jener Roman, der 1968 erschien und das Pädagogische bereits im Titel führte – die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz (1926-2014). Und die beginnt sofort mit Schuld und Buße: „Sie haben mir eine Strafarbeit aufgegeben“, lautet der berühmte erste Satz. Siggi Jepsen sagt das, der Ich-Erzähler, der in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss. Das ist natürlich mehr als nur eine Strafarbeit. Deutsche Geistestraditionen schleppt das Pflicht-Thema hinter sich her, von der Kantschen Pflicht als Tugend bis zur Idealmoral von Schiller.

Dabei ist Siggi über weite Strecken dieses millionenfach verkauften und in mehr als 20 Sprachen übersetzten Bestsellers eher ein Beobachter des Geschehens. So erlebt er, wie sein Vater, ein Polizist im nördlichsten Deutschland, während der Nazizeit das Malverbot gegen seinen Freund überwachen muss. Der Künstler heißt Max Ludwig Nansen, doch muss man kein Kunsthistoriker sein, um in dieser Figur den Expressionisten Emil Nolde (1867-1956) zu erkennen.

Damit schien das moralische Terrain im Roman akkurat abgesteckt zu sein: Gesetzeshüter gegen Freigeist, totalitärer Staat gegen Individuum. Diese Grenzziehung zwischen Gut und Böse wurde aber schon vor Jahren ein bisschen durchlässiger, als unter anderem die NSDAP-Mitgliedschaft von Nolde bekannt wurde.

Aber sie ist vollends zweifelhaft geworden mit der jüngsten Debatte über den Maler. Zwar haben Wissenschaftler seit geraumer Zeit die tiefen Verstrickungen Noldes ins NS-Regime aufgearbeitet. Doch öffentlichkeitswirksam befeuert wurde die Diskussion erst mit Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Anordnung, die Gemälde Noldes aus ihrem Arbeitszimmer entfernen und ins Depot bringen zu lassen. Es war der politische Begleittext zur aktuellen Nolde-Ausstellung unweit des Kanzleramtes im Museum „Hamburger Bahnhof“, mit der der Künstler auch als ein begeisterter Nationalsozialist gezeigt wird, als ein Verehrer des „Führers“, als Rassist und Antisemit.

Eine deutsche Nachkriegslegende fand so zu ihrem Ende. Und die Diskussionen darüber, ob damit auch das künstlerische Werk Noldes abzulehnen sei, trifft in weit engerem Sinne gleichsam auf den Lenz-Roman zu. Schließlich ist die „Deutschstunde“ auch eine Art Heldengeschichte des vermeintlichen Widerstandskämpfers. So darf mit Nansen/Nolde die Kunst am Ende den Sieg über den Ungeist davontragen. Die „Deutschstunde“ scheint in diesem Punkt ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Haben die Leser hierzulande fünf Jahrzehnte in der falschen Deutschstunde gesessen, das Falsche gelernt oder zumindest dem falschen Lehrmeister vertraut?

In realen Deutschstunden lernt jeder Schüler, in Romanen zwischen literarischer Figur und ihren realen Vorlagen scharf und kompromisslos zu trennen. Das gilt nach wie vor. Lenz aber knüpft zwischen Max Ludwig Nansen und Emil Nolde zu viele Fäden. Dass es wirklich so einen Künstler im Norden Deutschlands – also fernab des Weltgeschehens – gegeben haben soll, war viel mehr als nur ein Hinweis für den Anmerkungsteil. Es machte eben auch den Reiz des Romans aus, in der Wirklichkeit eine Beglaubigung für die Standhaftigkeit des Künstlers allgemein zu finden. Dies verwies somit in gewisser Weise auf den Roman selbst. In der ungebrochenen Künstlerdarstellung wird der aufklärerische Impuls des Schriftstellers und seines Werks gespiegelt.

Das große deutsche Romanjahr 1959 kommt noch ohne Künstler-Vorbilder aus. Mit einer solchen Berufung findet sich niemand bei Grass, bei Böll oder Johnson. Erst mit der „Deutschstunde“ bekommt ein Maler als moralische Instanz seinen großen Auftritt. Dafür wird sogar die Wirklichkeit verbogen: Während bei Lenz der Maler nach anfänglichen Irrungen wieder aus der NSDAP austritt, ist Nolde bis zum Schluss Mitglied geblieben.

So wie die drei großen Romane vor 60 Jahren den noch jungen deutschen Staat und die Nachkriegsgesellschaft kommentierten, so schien ihnen Siegfried Lenz mit der Romanfigur die Autorisierung nachgereicht zu haben. Dass ausgerechnet Emil Nolde der Gewährsmann dafür sein sollte, ist aus heutiger Sicht grotesk. Zugleich ist es ein Hinweis auf die Schwierigkeit, der Kunst moralische Integrität abzuverlangen.

Romane sind in aller Regel schlauer oder zumindest weitsichtiger als ihre Verfasser. So auch in diesem Fall. Denn als Siggi Jepsen den eingangs erwähnten Aufsatz „Die Freuden der Pflicht“ schließlich abgibt, ist sein Blatt leer.

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