1. Kultur

Deutschlands erste Kanzlerin

Deutschlands erste Kanzlerin

Am 22. November 2005 wird Angela Merkel zur Bundeskanzlerin vereidigt. Damit wird Deutschland erstmals von einer Frau regiert. Und es scheint, als habe es mit der CDU-Chefin einen Stilwandel gegeben. Sie wird gelobt auch für ihre politischen Umgangsformen. Ihr Stil: unaufgeregt, sachlich und schnörkellos.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat gute Laune: "Das ist ein starkes Signal für viele Frauen", sagt er, legt eine Kunstpause ein und fügt hinzu: "Und für viele Männer sicherlich auch." Die Frauen im Bundestag lachen, die Männer auch. Gerade eben, am 22. November 2005 um 10.50 Uhr, wurde Angela Merkel zur ersten Bundeskanzlerin der Republik gewählt.

Anschließend spricht sie den Amtseid und fügt auch die religiöse Beteuerungsformel hinzu "so wahr mir Gott helfe". In diesem Moment blitzt ein besonderes Lächeln in ihrem Gesicht, entspannt und glücklich. Merkel – weiblich, evangelisch, ostdeutsch – ist am Ziel. Ich freue mich ein bisschen mit. Die Zukunftsforscher hatten schon in den 90er Jahren vorhergesagt, dass das neue Jahrtausend weiblich wird. Damals war Merkel noch Kohls Mädchen und musste später mit den schwarzen Kassen der CDU aufräumen. Jetzt ist sie die mächtigste Frau der Welt. Ihrer Regierungsmannschaft gehören acht Sozialdemokraten, fünf CDU- und zwei CSU-Mitglieder an, fünf Frauen und zehn Männer.

Sie sieht auch gut aus. Das muss erwähnt werden, weil über kein Erscheinungsbild in der Republik in den Jahren zuvor so viel diskutiert wurde wie über das der CDU-Chefin. Nachdem sie sich lange geweigert hatte, den Stil der politischen Klasse zu kopieren, hörte sie am Ende auf die Berater. Sie tauschte die unvorteilhaften Jacketts gegen gut sitzende Hosenanzüge, legte sich hübsche Ketten zu, änderte die Frisur. Merkels Optik war derart zum Gegenstand der öffentlichen Debatte geworden, dass sich gar ihr Friseur bemüßigt sah, sein Werk zu kommentieren. Was Udo Walz damals als "Endfrisur" ausgab, einen Bob mit Pony und leichtem Seitenscheitel, trägt sie heute noch.

Merkels modische Vorbilder nehmen am Tag der Kanzlerinnen-Wahl auf der Zuschauer-Tribüne des Bundestags Platz. Ein gut gelauntes Klübchen einflussreicher Damen: Die damalige erste Talkerin der Republik, Sabine Christiansen, Verlegerin Friede Springer, Gesellschaftsreporterin Inga Griese und Isa Gräfin von Hardenberg erweisen Merkel demonstrativ die Ehre. Sehr entspannt die Szene: Sie scherzen, lesen die Bild-Zeitung und knabbern Buchstaben-Kekse, aus denen sie zuvor den Parteinamen "CDU" gelegt haben. Auch Merkels Eltern und Geschwister sind gekommen. Nur ihr Ehemann, der öffentlichkeitsscheue PhysikProfessor Joachim Sauer, bleibt dem Spektakel fern.

Ist denn nun ein neues Kapitel in der Geschichte der Deutschen aufgeschlagen worden? Eine Frau an der Macht. Elder Statesman Kurt Biedenkopf wiegelt ab. Einen weiblichen Politik-Stil gebe es nicht, meint er. Macht sei Macht.

Merkel ändert mit Beginn ihrer Regierung zumindest die politischen Umgangsformen. Es sind die Sozialdemokraten, die Merkel dafür loben, dass sie zuhört. Anders als in den Kabinettssitzungen ihres Vorgängers Schröder lasse man sich gegenseitig ausreden. Es herrsche eine sachliche und höfliche Atmosphäre, heißt es.

Mit der ersten Frau auf dem Chefsessel im Kanzleramt ändert sich auch in der Gesellschaft das Bewusstsein, wer Macht ausübt. Ich bin damit aufgewachsen, dass Politik von alten Männern mit dicken Brillen gemacht wird. Meine Tochter, die 2005 ein Jahr alt ist, wird es selbstverständlich finden, dass Politik von Männern und Frauen gemacht wird. Ob sie wohl 2021 auf die Straße geht und Plakate hoch hält mit der Aufschrift: "16 Jahre Merkel sind genug"?

Mit Merkel jedenfalls ist zu rechnen. Im Foyer des Bundestags plaudert der neue Landwirtschaftsminister Horst Seehofer mit den Journalisten. Er sagt: "Wer Frau Merkel unterschätzt, hat schon verloren."

Rückblende: Am Abend der Bundestagswahl 2005 hat Merkel keinen Grund zur Freude. Sie hat ihr Wahlziel, Kanzlerin einer bürgerlichen Regierung werden zu können, überraschend deutlich verfehlt. 35,2 Prozent, ein Desaster für ihre Union. Und dann Schröder. Der Noch-Kanzler sorgt in der Elefantenrunde, der traditionellen TV-Talkrunde von Spitzenpolitikern am Wahlabend, in ARD und ZDF für einen Eklat. Obwohl die Union mit knapper Mehrheit vor der SPD liegt, beansprucht Schröder die Kanzlerschaft. "Natürlich kann ich das", schleudert er den Interviewern entgegen. Große Koalition? "Nur unter meiner Führung." Und dann ruft er Merkel zu: "Sie wird keine Koalition mit meiner Partei zustande kriegen. Machen Sie sich da nichts vor." Merkel spürt, dass noch alles schiefgehen kann. Die sicher geglaubte Kanzlerschaft wackelt. Sichtlich irritiert sagt sie: "Ich werde meinen Weg finden, mit den Sozialdemokraten zu sprechen."

Die politischen Berichterstatter sind alle so perplex wie die Chefredakteure von ARD und ZDF, die als Schröder-Dompteure versagen. Schröder verletzt alle Regeln. Am Ende rettet die bizarre Gerd-Show Merkel die Kanzlerschaft. Im Laufe der Sendung poltert, beleidigt und schimpft der Noch-Kanzler, dass sich bei mir der Eindruck festsetzt: Damit kann er nicht durchkommen. Das geht nicht. Es gibt doch Spielregeln in der Demokratie.

In der Union führt Schröders Macho-Vorstellung dazu, dass sich die Reihen schließen. Die damals noch starken CDU-Männer aus dem Westen der Republik, die Merkels Parteivorsitz und ihre Kandidatur eher als Unfall der Geschichte betrachten, packen die Dolche, die sie schon im Gewand tragen, wieder ein. Noch am Abend berät Merkel mit ihren Vertrauten, dass sie sich rasch erst einmal zur Fraktionschefin wählen lassen will, als Zeichen ihrer Stärke.

Das Signal wirkt. Merkel gelingt es, eine große Koalition zu schmieden. Freilich muss sie auf dem Weg dorthin wie so oft Demütigungen, vor allem aus den eigenen Reihen, ertragen. Edmund Stoiber (CSU), der vier Jahre zuvor vergeblich nach der Macht gegriffen hatte, durchkreuzt ihre Pläne mehrfach. Er fordert ein Superministerium für Wirtschaft, für das er sich Referate aus dem Forschungs- und aus dem Finanzministerium herausfiletieren will. Auch diesen Kampf verliert er und bleibt in München.

Kaum ist die Entscheidung für Merkel als Kanzlerin einer großen Koalition gefallen, tritt der Koalitionspartner in spe eine Debatte darüber los, ob Merkel denn als Kanzlerin auch die Richtlinienkompetenz gehöre. Stoiber springt der SPD in dieser Debatte gerne bei und befindet, in einem Bündnis von zwei fast gleich großen Partnern gebe es kein "klassisches Direktions- und Weisungsrecht". Stoiber stellt damit nicht nur Merkel, sondern gleich auch die Verfassung infrage, die die Richtlinienkompetenz des Kanzlers garantiert. Bei dieser Debatte stellen sich viele die Frage, ob bei einem männlichen Anwärter auf das Kanzleramt wohl ähnlich diskutiert worden wäre?

Ihr fehlendes Netzwerk und oft auch der fehlende Rückhalt in der Union mögen dazu beigetragen haben, dass Merkel misstrauisch geworden ist wie ein Mafia-Boss. Ihre wenigen Vertrauten umgeben sie wie eine Schutzmauer. Anfangs wurden ihre zahlreichen weiblichen Top-Kräfte, zu denen ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Medienberaterin Eva Christiansen und anfangs auch Staatsministerin Hildegard Müller zählen, als "Girlscamp" verspottet.

Nach den ersten 100 Tagen im Amt ist der Zweifel, ob die das kann, verflogen. In den Medien bekommt sie positive Kritiken. Obwohl die Koalition noch nicht viel geschafft hat, wird ihr unaufgeregter, sachlich-schnörkelloser Stil gelobt. Mancher Beobachter meint, mit Merkel habe es einen politischen Stilwandel gegeben.

Ende der Serie

(RP)