Deutscher Buchpreis 2019 - die Qual der literarischen Wahl

Deutscher Buchpreis : Die Qual der literarischen Wahl

Am Montagabend wird im Frankfurter Römer der Träger des Deutschen Buchpreises verkündet. Aus den vielen Neuerscheinungen dieses Jahres sind sechs Finalisten übriggeblieben. Wir stellen die Romane in Kurzbesprechungen vor.

Die Phantastische: Fantasy

mit Sogwirkung aus Österreich

Der erste Satz hat gleich Kafka-Style, und so wird es denn auch düster und absurd in „Das flüssige Land“, dem Roman-Debüt der 29 Jahre alten Raphaela Edelbauer. Sie erzählt von Ruth, einer Physikerin, die gerade an ihrer Antrittsvorlesung für die Uni Wien arbeitet, als sie die Nachricht bekommt, das ihre Eltern tödlich verunglückt sind. Die Eltern hatten sich gewünscht, in Groß-Einland begraben zu werden. Also fährt Rurth los, um dort alles zu organisieren. Sie weiß allerdings nicht, wo dieser Ort liegt, sie kennt ihn gar nicht, und als sie abbiegt, findet sie sich in einem anderen, magischen Österreich wieder, wo sie viele Jahren bleiben wird. Eine rätselhafte Aristokratin regiert dort, und die hat ein Problem, denn ein gewaltiges Loch droht ihr Fürstentum zu verschlucken. Ruth soll helfen, es zu stopfen. Bald wird klar, dass sich das Loch nicht zuschütten lässt, denn dort lauert die Schuld der Vergangenheit. Man weiß allzu früh, wo der Hase langläuft. Dennoch: Edelbauer erzählt großartig, man mag gar nicht aufhören: Als würde Thomas Bernhard „Alice im Wunderland“ neu schreiben. hols

Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land; Klett Cotta, 350 Seiten, 22 Euro

Der Leise: Vielschichtiger Tagebuchroman aus dem Zweiten Weltkrieg

Norbert Scheuer ist ein schnörkelloser, ja, ein schweigsamer Erzähler, der auf die innere Kraft seiner Geschichten baut. In „Winterbienen“ lässt er in seinem ruhigen, uneitlen Ton einen geschassten Lateinlehrer aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs erzählen. Egidius Arimond lebt zurückgezogen in Kall in der Eifel, züchtet Bienen und schmuggelt in präparierten Bienenstöcken Juden über die Grenze nach Belgien. Als Epileptiker ist er unbrauchbar für den Krieg, die Nazis lassen ihn leben, weil sein Bruder ein Fliegerheld ist. Scheuer schildert aus der Sicht dieses mehrfach gefährdeten Außenseiters, der in höchster Bedrängnis Tagebuch schreibt, wie der Krieg den Menschen das Menschliche austreibt. Die Bienen dagegen folgen still den Gesetzen gegenseitiger Fürsorge, bilden so den summenden, brummenden Gegensatz zu einer Umgebung, die aus den Fugen geraten ist. Ein Roman, der ohne eine Spur von Sensationalismus fesselnd von Loyalität und Verrat erzählt, von Liebe in Zeiten des Krieges und von der immer währenden Seelenruhe der Bienen. dok

Norbert Scheuer „Winterbienen“,
C. H. Beck, 319 Seiten, 22 Euro

Die Überraschung: Ein Fußballroman geht ins Rennen

Das hat uns noch in diesem Bücherherbst gefehlt: ein Roman über einen Fußballstar, der eine tolle Frau hat und ein Leben im Luxus führt, der aber auch eine alte Jugendliebe wiedertrifft. So gerät für Ivo, den Nationalstürmer, das Leben ins Wanken. Was glaubt man, aufs Spiel setzen zu können? Und gibt es noch ein besseres Leben? Die große Leistung des österreichischen Debütanten Tonio Schachinger ist es, aus dieser scheinbar banalen Konstellation Literatur gemacht zu haben. Und es ist ihm gelungen, mit sprachlich unverbrauchten und bedenkenswerten Lebensansichten auch unterhaltsam einen äußerst lesenswerten Roman geschrieben zu haben. Wenn etwa Ivo am Strand liegend die Möwen ringsum beobachtet und er die Fußballstars dieser Welt nach seinem Möwenschema und ihren Eigenschaften bewertet. Der 27-jährige Autor, der als Sohn eines Diplomaten in Neu-Delhi geboren wurde und in Nicaragua aufgewachsen ist, hat mit „Nicht wie ihr“ ein sehr ungewöhnliches Buch geschrieben und damit auch weitere Erwartungen für die Zukunft geweckt. los

Tonio Schachinger: „Nicht wie ihr“.Kremayr &Scheriau, 304 Seiten, 22,90 Euro
Das Buch zur Zeit: Der verspätete Roman zur Wiedervereinigung

Das könnte das Gewinnerbuch sein: Es geht um Ost und West, aber nicht im Entferntesten so staatstragend wie in Tellkamps „Turm“. Jackie Thomae erzählt in „Brüder“ zunächst von Mick, der in Ost-Berlin aufwächst und das Kind eines afrikanischen Vaters ist. Seine Mutter stellt einen Ausreiseantrag, deshalb findet er sich 15-jährig im Berlin der 80er Jahre wieder. Natürlich nutzt er die Stadt als Spielplatz: „Kein Geld an der Bar verplempern, direkt auf die Tanzfläche, in die Mitte, Drum `n’ Bass, eine gewünschte Herzrhythmusstörung, sie tat gut.“ Thomae hat einen tollen Sound; es ist, als höre man einer Freundin beim Sprechen zu. Nebenbei entwirft sie das Stadtpanorama und erzählt von den Versuchen eines Mannes mit dunkler Hautfarbe, seine Identität zu finden. In der Mitte des Buchs bricht die Erzählung ab, nun geht es um Micks Halbbruder Gabriel. Es sind die Zehnerjahre. Gabriel ist Professor in London, er beschimpfte eine schwarze Studentin und erntet einen Shitstorm; dass er selbst eine dunkle Haut hat, ist egal. Zwei Biografien, 40 Jahre Deutschsein. Lässig, cool, relevant. hols

Jackie Thomae: „Brüder“, Hanser Berlin, 416 Seiten, 23 Euro
Favorit: Geschichten übers
Ankommen in Deutschland

Gar keine Lust gehabt, dieses Buch anzufangen. Saša Stanišic, Dauer-Literaturpreisträger, hat es „Herkunft“ genannt – hätte er ja gleich „Heimat“ drüberschreiben können. Dann losgelegt und ein wahnsinnig tolles Buch gelesen. In „Herkunft“ erzählt Stanišic, wie er aus Jugoslawien nach Deutschland kam, es ist ein autobiografisches Werk. „Fiktion, wie ich sie mir denke, (...) ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt“, erklärt Stanišic seiner Oma im Buch. Sie: „Reibt?“ – „Herkunft“ ist von einem feinen Humor durchzogen. Stanišic springt zwischen Zeiten und Orten, erzählt von Kindheitserinnerungen an den Fußballclub Roter Stern Belgrad, von Erfahrungen, die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft niemals machen: dass man als Saša hierzulande keine Wohnung bekommt und es dann auch mal als Sascha versucht. Getragen wird diese Sammlung von Geschichten von einer irgendwie fluffigen Sprache, und zum Schluss darf man sich das Ende aussuchen. Wie in den Entscheide-selbst-Büchern, die der Autor als Junge las. kl

Saša Stanišic: „Herkunft“, Luchterhand, 368 Seiten, 22 Euro

Der Beziehungsreiche: Eine Geschichte aus Zeiten der Liebe
Was für ein Debüt! Es beginnt mit Licht, das senfgelb ist und lange Schatten wirft. Und es endet nach über 300 Seiten wieder mit Licht – wie ein Gold aus Adern, wie es heißt. Dazwischen vier Menschenleben: der Künstler Reik und der Literaturwissenschaftler Max, ein schwules Paar jetzt schon seit 20 Jahren. Das gilt es zu feiern, und so kommen auch Tony und seine Tochter Peter ins brandenburgische Ferienhaus. Vier Menschen mit ihren Erinnerungen an das Glück, an Sorgen, Erfolge und Rückschläge, an Sehnsüchte und Hoffnungen. Das alles hört sich ambitioniert an, doch die 27-jährige Miku Sophie Kühmel erzählt so unaufdringlich, dass die Lebensgeschichten glaubhaft erscheinen und darum nah sind. Die Kapitel sind mit japanischen Wörtern überschrieben; wer ihrer Bedeutung hinten im Glossar folgt, findet einen feinen Faden quer durchs Buch: über die Schönheit des Makels, das Handwerk, zerbrochenes Porzellan zu reparieren, über strenge Schlichtheit. „Kintsugi“ ist ein bezaubernder Roman. Wer glaubt, die Geschichten hätten mit uns wenig zu tun, wird eines Besseren belehrt. los

Miku Sophie Kühmel: „Kintsugi“. S. Fischer, 304 Seiten, 21 Euro