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Düsseldorf: Deutsche Dichter suchen ihr Vaterland

Düsseldorf : Deutsche Dichter suchen ihr Vaterland

Sie haben mit Deutschland gehadert, haben ihr Heimatland gelobt und kritisiert: die Dichter unserer Nation. Vom Mittelalter an haben sie sich auf die Spurensuche nach einem Deutschland begeben, über das nachzudenken sich auch am heutigen Nationalfeiertag lohnt.

Dem heutigen Tag der deutschen Einheit liegt ein großes Einverständnis zugrunde: Dass wir glauben zu wissen, was dieses Deutschland eigentlich ist und ausmacht. Der Nationalfeiertag erinnert somit nicht nur an den 1990 unterzeichneten Einheitsvertrag, er soll gleichsam identitätsstiftend wirken. Und da beginnen schon die Probleme, aber auch, wer das sagt, bekommt Probleme, weil viele einfach nicht mehr zur nationalen Selbsterforschung bereit zu sein scheinen und nicht mehr hören wollen, in welch schwierigem Vaterland sie leben. Fraglos bleibt bei alldem aber auch, dass Deutschland nach der Shoa seine Unschuld als Nation verloren hat.

Dennoch war eine deutsche Identitätssuche nie auf diese katastrophale Epoche beschränkt. Dass Deutschland immer schon — das heißt wenigstens seit dem Mittelalter — eine Art Suchbild war, ist nachzulesen bei jenen, denen wir unseren freundlichen Zweitnamen verdanken: bei den Denkern und vor allem Dichtern. Die nämlich haben bis heute ihr Land lauthals besungen, manchmal freundlich, gelegentlich auch euphorisch, sehr oft aber doch aus kritischer Distanz. Für Walter von der Vogelweide war all das noch kein Problem, als er zu Beginn des 13. Jahrhunderts sein deutsches Preislied "Ir sult sprechen willekomen" dichtete. Doch spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618—1648) hatte dieses frohe Zugeständnis sein jähes Ende. "Wir sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret!", dichtet Andreas Gryphius in "Threnen des Vatterlandes Anno 1636". Das Spannende an der Dichtung ist nun, dass solche Klagen oft weit über den Tag und jene dunkle Epoche hinaus klingen. Und in diesem Fall sind es sogar 300 Jahre. So ist es Johannes R. Becher — der später die Nationalhymne der DDR dichten sollte —, der sich an Gryphius erinnert und dessen Verse weiterspinnt. "Tränen des Vaterlandes Anno 1937" heißt sein Gedicht über das Nazi-Deutschland: "Das vierte Jahr bricht an. Um Deutschland zu beweinen."

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Aber natürlich gibt es auch reichlich Vaterlandsrhetorik — besonders im Umfeld der Befreiungskriege gegen Napoleon. Hoffnung und Sehnsucht nach einem deutschen Nationalstaat keimten plötzlich auf, und dafür wurden viele Mittel recht. Da verbinden sich plötzlich Dichtkunst und Krieg, oder, wie es bei Theodor Körner (1791—1813) heißt, "Leyer und Schwerdt"; Opferpathos wird besungen, der Krieg wird heilig und der Kriegsdienst zum Gottesdienst. Übermäßig patriotisch geht es zu, und die "Wacht am Rhein" gilt als eine Art Hymne. Darin kennt Max Schneckenburger (1819—1849) keine Zurückhaltung mehr mit seinen Versen "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein."

Die vermeintlich bösen Franzosen hat auch Nicolaus Becker (1809—1845) im Blick mit seinen berühmten Eingangsversen: "Sie sollen ihn nicht haben, / Den freien deutschen Rhein". Da konnte selbst der ironisch-spöttelnde Heine wenig ausrichten mit seinen "Nachtgedanken" — "Denk ich an Deutschland in der Nacht,/Dann bin ich um den Schlaf gebracht."

Einen solchen nationalen Rausch gab es bei den Dichtern nur noch einmal, das war beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914. Der Schock und nationale Kater war nach dem Untergang des Kaiserreiches erheblich. Und Erich Kästner fragt "Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?"; im Grunde war Kästner heilfroh über die Weltkriegs-Niederlage, denn "wenn wir den Krieg gewonnen hätten, / mit Wogenprall und Sturmgebraus, / dann wäre Deutschland nicht zu retten / und gliche einem Irrenhaus".

Aber ist dieser nationale Spuk nach einem Weltkrieg nun endlich vorbei? Und wie verhält es sich dabei mit dem "Lied der Deutschen", von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, das erstmals 1922 unsere Hymne war? Selbstverständlich stimmen wir nicht mehr "Deutschland, Deutschland über Alles,/Über Alles in der Welt" an. Doch ist es mit dem Verbot der ersten Strophe schon getan? Durchweht nicht ein schwieriger Geist das gesamte Lied?

Tatsächlich war das Poem auch als geselliges Trinklied gedacht, in dem Wein, Weib und Gesang heiter bedacht werden. Und Hoffmann selbst hat keineswegs nationalistisch und chauvinistisch gedacht; ihm ging es in der ersten Strophe vor allem um das Ende der deutschen Vielstaaterei. Und später hat er unmissverständlich abgerechnet mit den "deutschen Kriegspoeten von 1870 und 1871", die nach seinen Worten nur "geschrieen" und "gebrüllt" haben. Nein, Hoffmann ist unverdächtig, und trotzdem ist es mehr als geboten, heute nur die dritte Strophe zu singen.

Und die Ideale? Das Schönste hat Friedrich Hölderlin (1770—1843) in die Welt gesetzt. Kein Herrschaftsdenken interessierte ihn, er glaubte nur an die Kraft der Poesie und erteilte Deutschland darum eine Kulturmission. Da sind wir wieder bei den Dichtern und Denkern — und auch die zwei größten von ihnen haben sich Gedanken übers Land gemacht — klug und am Nationalfeiertag bedenkenswert wie immer: "Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf."

(RP)