Düsseldorf: Der Welt-Revolutionär

Düsseldorf: Der Welt-Revolutionär

Er wollte die Proletarier Europas vereinen, eine neue Gesellschaft gründen. Seine Einsichten in die Mechanismen des Kapitalismus bleiben erhellend.

Ein unglaublicher Wandel hat die Welt erfasst, als Karl Marx und Friedrich Engels 1847 in Europa das Gespenst loslassen - "das Gespenst des Kommunismus". Das berühmte Bild vom Geist, der in Europa umgeht, steht am Anfang ihrer programmatischen Schrift "Das kommunistische Manifest", der ersten größeren Positionsbestimmung der europäischen Kommunisten. Der Text ist nicht nur eine Kampfschrift, sondern auch Beleg für die Feinnervigkeit, mit der Marx und Engels ihre Gegenwart wahrnehmen: "Unterjochung der Naturkräfte, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten."

Marx und Engels sind keine Fortschrittsgegner. Im Gegenteil, sie halten den Modernisierungsschub für notwendig, um eine höhere Gesellschaftsform zu organisieren, in der "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". Doch zunächst fragen sie nach den sozialen Folgen der Industrialisierung, die massenweise Menschen ohne Land und Besitz in Abhängigkeit und Armut stürzt und die neue Klasse der Proletarier entstehen lässt.

Akribisch untersuchen Marx und Engels die ökonomischen Bedingungen ihrer Zeit und kommen früh zu dem Schluss, dass der Kapitalismus zwei Dinge untergräbt: die Natur und den Arbeiter. Und dass das genauso zum System gehört wie wiederkehrende Krisen. Sie beschreiben den Kapitalismus ohne moralische Empörung als ein ungeheuer dynamisches Prinzip, das Reichtum hervorbringt - aber genauso notwendig Armut. Irgendwann, so ihr Kalkül, werden die Krisen so verheerend, die Klassengegensätze so eklatant sein, dass sich die Benachteiligten erheben. Und wenn sie es gemeinsam tun, werde das die Verhältnisse umstürzen. So schließen sie ihre Schrift mit dem berühmten Appell: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In Europa soll diese Vereinigung beginnen.

Marx und Engels gehören in den Jahren zuvor in Deutschland zu jenen jungen Leuten des erwachten Bürgertums, die ihre Gegenwart mit den Mitteln der Philosophie zu verstehen versuchen. Sie fragen nach den Ursachen für soziale Verwerfungen, fordern politische Konsequenzen. Natürlich geraten sie bald in Konflikt mit den Vertretern der etablierten Ordnung. So muss der junge Marx, der als Journalist ab 1842 in der "Rheinischen Zeitung" mit scharfen Analysen und wortgewaltigen Kommentaren in die Öffentlichkeit drängt, seine rheinische Heimat bald verlassen.

Er flieht erst in die Weltstadt Paris, wo er sich unter anderem mit Heinrich Heine anfreundet, dann ins liberale Brüssel, wo er Vorträge im dortigen Arbeiterverein hält. 1848 kehrt er nach Deutschland zurück und wird im Revolutionsjahr zu einem der wichtigsten Journalisten. Doch als die reaktionären Kräfte wieder Oberhand gewinnen, flieht Marx mit seiner Familie erneut nach Paris und schließlich nach London.

Der Zwang zur Emigration macht aus Marx einen Europäer, einen staatenlosen Wanderer zwischen den Ländern, der die soziale Wirklichkeit vor Ort selbst in Augenschein nimmt. Dazu schöpft er aus dem europäischen Wissensschatz, saugt in den Bibliotheken auf, was in den unterschiedlichen Denktraditionen Europas über die Wirklichkeit gesagt wird. Unzählige Stunden verbringt er im Lesesaal des Britischen Museums, liest, exzerpiert wissenschaftliche Schriften wie internationale Zeitungsartikel.

Seine Gesellschaftsanalyse und Wirtschaftstheorie wird später beeinflusst sein von der Geschichts- und Rechtsphilosophie Hegels, mit der er sich noch als Student in Berlin beschäftigt, vom französischen Sozialismus, den er in Paris kennenlernt, und von britischen Ökonomen wie David Ricardo, Thomas Malthus und Adam Smith, deren Werke er in London studiert. So wird Marx ein europäischer Denker, der akribisch nach den inneren Mechanismen des Kapitalismus forscht, nach dessen "Naturgesetzen".

Obwohl Marx in unterschiedlichen Gesellschaften lebt, trifft er überall auf ähnliche Probleme der Besitzlosen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen können und dadurch in Abhängigkeit geraten von den Besitzenden. Das schärft seinen analytischen Blick: Gerade weil er Gesellschaften vergleichen kann, erkennt er wiederkehrende Muster und fragt nach dem Wesen des Systems.

Auch als politisch aktiver Mensch denkt der Exilant Marx früh über nationale Grenzen hinaus. Er lernt Arbeitervereine in Frankreich, Belgien, England kennen, sieht, dass sie bei allen Differenzen gemeinsam kämpfen müssen, wenn sie die geltenden Herrschaftsverhältnisse verändern wollen. Und als Journalist weiß er, dass es dafür einer europäischen Öffentlichkeit bedarf. So will Marx nicht länger wie manche Zeitgenossen in Geheimbünden revolutionäre Pläne schmieden, sondern seine Ideen bekannt machen, einen öffentlichen Raum schaffen, in dem er über staatliche Grenzen hinweg auf eine Veränderung des Bewusstseins hinwirken kann. Schon 1846 in Brüssel planen Marx und Engels, ein internationales kommunistisches Korrespondenzbüro einzurichten, um die deutschen, französischen und englischen Sozialisten zu verbinden. Das Vorhaben scheitert, doch später wird die "Deutsche Brüsseler Zeitung" ihr Publikationsorgan. Mehr als 1000 Artikel wird Marx in seinem Leben verfassen.

In seinem Drang, Bewusstsein zu verändern, dachte Marx europäisch, doch ein Europäer im heutigen Sinne war er nicht, denn ein Europa als Staatenverbund war nicht Ziel seiner Aktivitäten. "Marx hat verstanden, dass das nur einen Nationalstaat auf höherer Ebene ergeben hätte, also ein Gebilde, dessen ökonomische Grundlage weiter der Kapitalismus gewesen wäre", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Michael Heinrich, der eine neue Marx-Biografie geschrieben hat. Marx wurde von Einzelstaaten verfolgt, für ihn waren Staaten verselbständigte Gewalt gegenüber der Gesellschaft. Nichts lag ihm ferner, als sich für einen Superstaat einzusetzen.

Marx dachte in anderen Kategorien, für ihn verliefen die Grenzen paneuropäisch zwischen Arm und Reich, zwischen Menschen, die Produktionsmittel besitzen und jenen, die von ihnen abhängig sind. So stand für ihn außer Frage, dass diese Verhältnisse sprengen muss, wer Armut wirklich bekämpfen will. Der Flüchtling aus Deutschland wollte nationalstaatliches Denken überwinden, das Klassenbewusstsein schärfen - auf dass Europa die alte Ordnung überwinden könnte.

Marx interessierte sich für die Spannungen zwischen den sozialen Schichten, für strukturelle Abhängigkeitsverhältnisse, für verborgene Zwänge - all das machte an nationalen Grenzen nicht halt. Doch hat er selbst erlebt, wie stark das Bedürfnis von Menschen ist, sich etwa über die Zugehörigkeit zu einer Nation Identität zu verschaffen. In dieser Spannung steht Europa bis heute.

(dok)
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