Düsseldorf: Der Unternehmer und die Tänzerin

Düsseldorf: Der Unternehmer und die Tänzerin

Eine Biografie erzählt das Leben von Friedrich Baur und seiner Schwester.

Ein Satz fällt auf: Da rät der Versandunternehmer Friedrich Baur aus dem oberfränkischen Burgkunstadt 1965 seinen Kunden im Katalog, beim Kauf darauf zu achten, sich finanziell nicht zu übernehmen. "Bestellen Sie nur, was Sie wirklich bezahlen können, und nehmen Sie dabei Bedacht auf etwaige Lohnausfälle durch Kurzarbeit, Krankheit und andere Umstände." Man merkt es schon: Wir sind hier in einer anderen Zeit, die von globalen Unternehmen wie Amazon war noch lange nicht gekommen. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Ralf Georg Czapla hat eine Biografie des Versandhändlers Friedrich Baur geschrieben, oder besser gesagt, eine Doppelbiografie, denn auch Baurs Schwester Klara rückt hier in das Auge des Lesers.

Denn als der Bruder seine ersten Artikel noch per Motorrad vertrieb, er handelte mit Schuhen, reüssierte seine Schwester als Tänzerin auf den Bühnen in Berlin oder Paris. Sie tanzte und posierte nackt und nannte sich als Künstlerin Claire Bauroff, der französisch-russische Name versprach internationales Flair. In der Tat, zwei ungleiche Geschwister also, wie der Titel dieser Biografie es sagt, und zwei Lebensgeschichten, die eine Vielzahl von Aspekten vereinigen. Es ist eine Geschichte des Unternehmertums, aber auch eine der Kultur von Tanz und Fotografie. Und sie ist natürlich auch einer der politischen Ereignisse, die das Leben der beiden prägten. Friedrich Baur (1890-1965) und Claire Bauroff (1895-1984) haben auf ihre unterschiedlichen Weisen das 20\. Jahrhundert erlebt und auch geprägt. Als Friedrich 1925 einen Versandhandel für Schuhe gründete, schwebte ihm ein Schuh für "jedermann" vor, praktische, haltbare und erschwingliche Fußbekleidung. Baurs Schwester hingegen verzichtete zumindest beruflich auf das Tragen von Schuhen - und auch sonstiger Kleidung. Die berühmten Bilder, die die Fotografin Trude Fleischmann von ihr machte, zeigen eine schlanke, fast knabenhaft wirkende Frau, wie sie dem Ideal der Zeit entsprach. Es waren die "Goldenen Zwanziger".

Die Kontakte zum Bruder blieben spärlich, und während der zu einem hochgeachteten Unternehmer aufstieg, der eine Stiftung gründete, Sozialwohnungen und Kinderheime baute, verebbte Claires Karriere. Als sie 1984 starb, wusste kaum jemand, dass sie eine gefeierte Bühnenpersönlichkeit gewesen war, die eine Freundschaft mit dem Schriftsteller Hermann Broch verband. Czaplas Verdienst ist es, beider Leben in den Fokus zu rücken, seine Biografie ist spannend und lesenswert.

Info Ralf Georg Czapla: Die ungleichen Geschwister, Piper, 423 S., 28 Euro.

(RP)
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