Der „Sprayer von Zürich“ verewigt seine Kunst einer Kirche in Zürich

Harald Naegelis Totentanz : Harald Naegelis unheimlicher Totentanz

Der berühmte 79-jährige „Sprayer von Zürich“ hat die Erlaubnis, seine Kunst in einer Kirche zu verewigen. Ausgerechnet in Zürich!

Harald Naegeli ist jetzt viel in Düsseldorf unterwegs. Etwa auf einem Geburtstagsfest im Heine Haus. Dann sitzt der berühmte Sprayer ein wenig abseits und macht das, was er eigentlich immer macht: nämlich zeichnen. Am liebsten Tiere. Und am allerliebsten Hunde. Und dann kommt die Künstlerin Katharina Mayer vorbei, nimmt sich sein Skizzenheft und porträtiert Harald Naegeli in sehr schnellen, aber guten und genauen Strichen. Oder er  sitzt im Gerichtssaal, zeichnet in aller Seelenruhe den Staatsanwalt, der ihn der Sachbeschädigung beschuldigt. Außerdem wird gerade ein Film über den Künstler gemacht.

Dabei wartet sein größtes Werk sehr fern von Düsseldorf auf seine Vollendung – ein gesprayter Totentanz im Karlsturm des Grossmünsters zu Zürich. Ausgerechnet Zürich, seiner Geburtsstadt, also dort, wo so Vieles begann: seine frühen Sprayaktionen in den 1970er Jahren, seine Verhaftung, seine Verurteilung zu neunmonatiger Gefängnisstrafe, seine Flucht nach Düsseldorf. Auch dadurch ist der „Sprayer von Zürich“ schnell ein Begriff und über die Kunstszene hinaus berühmt geworden. Er wird sogar mit internationalem Haftbefehl gesucht und trotz immenser Proteste – unter anderem von Joseph Beuys – an die Schweiz ausgeliefert. Seither stehen Harald Naegeli und seine Kunst auch für Unabhängigkeit, für Anarchie und Utopie.

Dass der sogenannte und ein bisschen auch selbsternannte Staatsfeind nun in Zürich tatsächlich mit Genehmigung von Gemeinde und Denkmalschutz sprayen darf, ist ein kleines Wunder. Und das Ergebnis von Naegelis Bemühungen seit nunmehr 14 Jahren. „Das Grossmünster in Zürich ist das  Symbol des Protestantismus dieser Stadt, und meine Kunst ist Protest  im  utopischen    und politischen  Sinn, sie ist genau in dieser Kirche  am richtigen Ort“, sagt er uns.

Das aber geht nicht einfach so. Etliche Seiten umfasst die „Vereinbarung“ mit dem Kanton und der bemerkenswerten Anordnung, dass das Kunstwerk auf eigens bezeichneten Flächen „befristet für vier Jahre angebracht“ werden darf. Das amüsiert einen wie Naegeli naturgemäß. „In meinem Alter darf ich lächeln, nach vier Jahren bin ich aus diesem schönen Leben längst verschwunden.“ Ohnehin wurde, bevor der Sprayer ans Werk gehen konnte, das fragliche Mauerwerk mit einem Schutzlack überzogen, damit es nach vereinbarter Zeit wieder gereinigt werden kann; sicher ist sicher.

Doch bis dahin regiert der Totentanz den Kirchturm, unheimliche Strichgestalten und Skelette aus dem Jenseits, die mit langen, dürren Armen ganze Räume umgreifen und es sich im Treppenaufgang beängstigend gemütlich machen. Erneut lädt dort der Tod zum letzten Tanz. Wie schon im großen Berner Totentanz aus dem 16. Jahrhundert, nur eben in Naegelis Ausdruck und Sprache.

Wegwischen lässt sich so etwas jedenfalls nicht, weil diese Figuren und diese Bedrohung, die jeden Menschen überfällt, zur Existenz gehört. Ein Totentanz ist kein Ulk. Er fragt vom Ende aus nach dem Sinn unseres Lebens, unserer Hoffnungen, nach dem Wert unserer Utopien. Nach vier Jahren wird also nichts weg sein, auch wenn alles gereinigt zu sein scheint. Einen „absurden Formalismus“ nennt das Naegeli. Auch darum ist er mal wieder ein klein bisschen aus der Reihe getanzt und hat der pompösen Urfrau noch Füße auf den Holzboden gesprayt. Weil das nicht erlaubt war, gab es ein Mordsgezeter und eine kleine Unterbrechung der Aktion.

Vielleicht war es nicht einmal die „Übertretung“, die den Ärger verursachte. Vielleicht war es ja die Angst vor Naegelis gebieterischer Urfrau, die plötzlich Beine auf den Boden bekam und damit Anstalten machte, einfach zu bleiben; im Kirchturm oder auch nur in den Köpfen der Menschen. Harald Naegelis Kommentar dazu: „Man war sich nicht klar, ob der wirkliche Tod oder nur der Künstler sich ordnungswidrig verhalten   hat!“ Der Spray-Tod habe sich nach seinen Worten bloß erlaubt, mit dem Fuß den Holzboden zu berühren – „eine schreckliche Ungehörigkeit!“

Der Totentanz zu Zürich ist für den schwerkranken Harald Naegeli auch körperlich eine Herausforderung. Die Arbeit gibt im Kraft, und die Utopie, die er daran knüpft, den nötigen Mut. Er fürchte den Tod nicht, sagt er. Was er fürchtet, ist allein die vielleicht fehlende Zeit, das Testament zu machen, seinen Nachlass zu ordnen, seine Stiftungen zu regeln und vor allem den Totentanz weiterzuführen.

Jetzt also noch eine Zeit im Rheinland, bevor es zurück nach Zürich geht. Sein großes Atelier in Düsseldorf wird er im August endgültig räumen. „Ich werde diese Stadt, wo ich zahlreiche Freunde gewonnen habe, nach einer langen Wanderschaft  verlassen, denn meine Reise  im Hier und Jetzt nähert sich dem Ende.“

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