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Düsseldorf: Der Roman zur Wertedebatte

Düsseldorf : Der Roman zur Wertedebatte

Charlotte Roche beschreibt in ihrem neuen Buch "Schoßgebete" das verunsicherte Bürgertum. Er verhandelt vordergründig die Themen Sex und Tod. Doch der Text kann auch als Analyse einer Gegenwart gelesen werden, in der ein gesellschaftlicher Konsens fehlt – etwa in Erziehungsfragen.

Charlotte Roche beschreibt in ihrem neuen Buch "Schoßgebete" das verunsicherte Bürgertum. Er verhandelt vordergründig die Themen Sex und Tod. Doch der Text kann auch als Analyse einer Gegenwart gelesen werden, in der ein gesellschaftlicher Konsens fehlt — etwa in Erziehungsfragen.

Das ist auch ein Bericht über unsere Gegenwart. Charlotte Roche verhandelt in ihrem neuen Roman "Schoßgebete" vordergründig die Themen Sexualität und Tod, aber zwischen den Zeilen beschreibt sie die Selbstbewusstseinskrise des Bürgertums. Der Text ist ein Monolog von 280 Seiten. Er wird aufgesagt von Elizabeth Kiehl, 33 Jahre alt und durch die Ehe mit einem älteren Mann finanziell unabhängig. Was wir da zu lesen bekommen, ist Rollenprosa, die Sprecherin wird als Zwangscharakter beschrieben, seit acht Jahren in Therapie. Aber die Fäden der Geschichte hat die Autorin doch an Pflöcke geknüpft, die aus der Wirklichkeit in die Fiktion ragen. Sie geben dem fahrigen Geplapper dieser Frauenfigur Gehalt, fordern zur soziologische Analyse heraus — ob von Roche beabsichtigt oder nicht. Wer "Schoßgebete" in 50 Jahren liest, bekommt ein Bild vom geistigen Leben im Jahr 2011 vermittelt. Der künftige Leser wird uns womöglich bemitleiden.

Elizabeth Kiehl hat wie viele ihrer Zeitgenossen den Überblick verloren; sie weiß nicht, was richtig ist. Als Atheistin fehlt ihr die Orientierung durch den Glauben, es gibt bei ihr nur den Teufel, und der ist das Glutamat, das sie in ihrer Küche nie dulden würde. Sie sucht sich für jeden Lebensbereich Autoritäten, denen sie konsequent folgt. Alice Schwarzer ist nur mehr Karikatur, aus dem "Geo Kompakt: Liebe und Sex" hat sie mehr gelernt als aus der "Emma". Als "neuen Gott" bezeichnet sie also den US-Autor Jonathan Safran Foer, dessen Sachbuch "Tiere essen" von 2010 sie zum Vegetarismus gebracht hat. Fleischlosigkeit verordnet sie auch ihrer Familie. Sie will alles im Griff haben.

Der Trick von Safran Foers "Tiere essen" ist ein zeitgemäßer, denn der Autor begreift Tierschutz zunächst als ästhetisches Thema. Er macht das perverse Design der Käfige und Schlachthöfe sichtbar, er beschreibt es detailliert und auch seine Reaktion darauf. Safran Foer bringt seine Leser durch Sinnfälligkeit und Plausibilität zum Grübeln. Durch die allmähliche Verfertigung einer anderen Perspektive umgeht er die moralphilosophische Abstraktion. Er redet so: Früher aß ich auch Fleisch, doch dann sah ich, wie es produziert wird. Das wirkt auf viele offenbar überzeugender als dieser Satz: Tiere sind auch Lebewesen.

Elizabeth Kiehl ist eine Mutter, die unter alltäglicher Überforderung leidet. Sie möchte perfekt sein, das Kind aufgeklärt erziehen, den Mann glücklich machen, selbst Glück spüren. Sie stochert im Nebel, denn ihr fehlt der gesellschaftliche Konsens, an dem entlang sie sich zum Ziel hangeln könnte. So vertraut sie in Erziehungsfragen Ratgebern, die auch jenseits der Fiktion Millionen Eltern kaufen: Titel von Jan-Uwe Rogge und Jesper Juul. Diese Autoren haben Konjunktur, weil ihre Kunden verunsichert sind, zwischen Autorität und Laissez faire diffundieren. Der dänische Familientherapeut Juul ist indes weniger Erziehungsratgeber als Elternbeschwichtiger. Die Kernsätze seiner Bücher richten sich an Mama und Papa, seine Verhaltensmaßregeln lauten: "Entspannt Euch!" und "Auch die besten Eltern machen 20 Fehler am Tag".

Juul vermittelt eine Haltung, das ist sein Erfolgsgeheimnis. Er ist die Instanz, an die Leser ihre Sehnsucht nach Führung und Geleit outsourcen dürfen — guten Gewissens. Und Juul weiß, was man von ihm erwartet. "Kinder sollen gehorchen", sagt er und nennt Eltern, die mit dem Nachwuchs in Konjunktiven reden und Konflikte scheuen, "Neoromantiker". Er erfüllt das Bedürfnis nach einem Standpunkt, nach Klarheit und Durchblick in Zeiten, da das Ungefähre regiert. "Hier bin ich. Wer bist Du?", lautet der Titel eines seiner Bücher im dänischen Original; hierzulande heißt es "Grenzen, Nähe, Respekt".

Elizabeth Kiehl denkt linksliberal, geht dabei aber durchaus als konservativ durch. Aus einer von den 68ern geerbten "ganz normalen Amerikafeindlichkeit" lehnt sie zuckerhaltige Getränke ab und hasst McDonald's. Produkte von Apple hingegen wären okay, denn die sehen auf dem weiß lackierten Schreibtisch toll aus. Außerdem passt das Macbook Air zum "Schoßgebete"-Satz "Ich bin ein Anhänger von Glück durch Verknappung" — auch Minimalismus definiert Kiehl nicht ökonomisch, sondern ästhetisch. Sie kauft Biolebensmittel und benutzt für Recherchen im Internet nicht Google, sondern die Suchmaschine Ecosia, deren Macher Teile aus Werbeeinnahmen für den Erhalt des Regenwaldes spenden. Politische Korrektheit als Ersatz für ethische Wahrhaftigkeit: Kiehl will bewahren, und verzweifelt versucht sie, das Verbotene aus den Folgen des Erlaubten zu definieren.

"Schoßgebete" beschreibt eine Gesellschaft im Transit. Wie Til Schweiger in seinen schlicht erzählten, aber in Sprache, Ausstattung und Lebensbeschreibung stark gegenwartshaltigen Filmen zeichnet Charlotte Roche Menschen, die Positionen ständig relativieren, vergessen, aufheben. Die Hauptfiguren dieser Erzählungen aus der neuen Bürgerlichkeit sind von ihrer eigenen intellektuellen Dynamik desillusioniert. Sie verstricken sich in abstrakte Abhängigkeiten, vermengen Wissenschaft mit Hörensagen und Eigensinn, sie hängen dem Aberglauben an, wenn man alles richtig mache, passiere einem schon nichts. Nun warten sie darauf, dass ihnen jemand sagt, was richtig ist. Sie wollen, dass sich jemand um sie kümmert.

Natürlich darf in diesem Buch nichts beim Nennwert genommen werden, dafür ist es zu sarkastisch. Aber der Lärm, den sein Erscheinen verursacht, deutet an, dass es die Menschen bewegt. Vielleicht weil es der Roman zur Wertedebatte ist.

(RP)