Der Roman zum Klimawandel

Der Roman zum Klimawandel

In England wurde das Buch schon begeistert gefeiert – jetzt erscheint "Solar" des britischen Bestsellerautors Ian McEwan endlich auch bei uns. Ein Meisterwerk, das vom Zustand unserer Welt in der Person eines desillusionierten Physik-Nobelpreisträgers erzählt.

Ein Sympathieträger ist dieser Romanheld nicht, erst recht kein Weltenretter: Dieser Michael Beard, 53 Jahre alt und Nobelpreisträger für Physik, ideenlos seit etlichen Jahren, dessen guter Name gerade noch taugt für Briefköpfe und staatlich finanzierte Umweltinstitute. Ein Mann, der seit langem im Hauptberuf Zyniker und Nihilist ist. Vorträge über Klimawandel hält er auf Bestellung und gegen formidable Entlohnung gern, doch wirklich von Interesse ist es für ihn nicht. "Aller Idealismus war seinem Wesen fremd", heißt es.

Am Dienstag wird er in Deutschland erscheinen, der neue Roman des britischen Bestsellerautors Ian McEwan – endlich, wird man sagen dürfen. Denn der Ruf, der "Solar" seit seiner Erstveröffentlichung in England vor einem knappen halben Jahr vorauseilt, ist pompös: "Herzzerreißend", jubelte die Times, "atemberaubend" und "vollkommen", so ergötzte sich die Financial Times. Die Meinung insgesamt: Zum ersten Mal gibt es zum Klimawandel echte Weltliteratur.

Und stimmt das jetzt auch? Es fällt natürlich immer schwer, frühe Urteile nachzubeten; nach den 400 Seiten aber wird man daran wohl kaum vorbeikommen. "Solar" verdient schon deshalb das Prädikat Meisterwerk, weil es sich mit literarischen Mitteln bis dicht an unsere Gegenwart herantraut, ganz realistisch bleibt und dabei nie banal zu werden droht. Ein Buch ohne Botschaften, aber voller höchst bedenkenswerter Befunde über uns.

Und dabei spielt dieser Bread die größte Rolle. Man kapiert als Leser ja erst nach gut 150 Seiten, was Ian McEwan, dieser große Figurenschöpfer, mit uns eigentlich anstellt. Denn obwohl es um die Klimakatastrophe und schließlich unsere Zukunft geht, bleiben wir viel zu dicht Michael Beard auf den Fersen. Wir lernen ihn kennen, als seine fünfte Ehe in die Brüche geht. Nachdem seine Frau von ungezählten Liebschaften ihres Nobelpreis-Gatten erfährt, tröstet sie sich mit dem kraftstrotzenden Handwerker des Hauses. Beard ist klein und dick, er isst viel zu viel, er säuft, ein zügelloser Mensch. Nicht einmal der Nobelpreis fesselt die Gattin noch ans Bett, wie es heißt.

Was aber ist mit dem Zustand unserer Welt? Die hat Ian McEwan geradewegs in seinen Helden verlegt; er zeigt in der Führung seines Lebens, wie die Menschen sich auf dem blauen Planeten benehmen; er muss erleiden, was dieser Erde getan wird: Der Raubbau an seiner Gesundheit, die Rücksichtslosigkeit und alles Zügellose werden zum Menschheits-Symptom zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Eine kleine Antarktis-Expedition, zu der Beard eingeladen wird, liefert zwar keine neuen Fakten, aber Erkenntnisse wie diese: Die sogenannte Stiefelkammer, in der die lebenswichtige Polarausrüstung verstaut wird, verwandelt sich bald in ein Chaos. Wie aber konnte man dann die Erde retten, fragt sich Beard, "die doch so viel größer war als die Stiefelkammer?".

Mit seiner Männlichkeit ist es in der Eiswüste auch nicht weit her: Sein Geschlechtsteil friert am Reisverschluss fest und kann nur mit einem beherzten Guss aus dem Flachmann befreit werden. Zudem gibt es noch die Bedrohung durch einen Eisbären, der man zwar gerade noch entkommen kann, die aber daheim zum Verhängnis wird. Das rutschige Eisbärenfell vor dem Kamin wird später auf kuriose Weise zur tödlichen Falle eines neuen Geliebten seiner Frau. Ein Todesfall mit etlichen Folgen, weil vieles in diesem Buch miteinander verwoben ist und verstrickt, immer kunstvoll, manchmal voller Witz.

Michael Beard ist eine Kunstfigur im Gewand des Schelms, der literarisch seit Jahrhunderten das Leid der Welt zu schlucken hat und jetzt seine Wiedergeburt findet. Die Suche nach konkreten Vorlagen dürfte unergiebig werden, obgleich McEwan penibel recherchiert hat und 2005 nicht nur mit Wissenschaftlern zum Polarkreis gereist ist, sondern auf Einladung des deutschen Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber 2007 auch an einem Symposium in Potsdam mit einigen Nobelpreisträgern teilgenommen hat. Beard hätte daran wohl kaum Interesse gehabt – an so einem Kongress ohne potente Finanzgeber.

Der Showdown des Romans wird zum vorweggenommenen Showdown unserer Welt. Beard hat die zukunftsweisende Idee zur künstlichen Photosynthese geklaut und wird entlarvt, er hat Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium, er ist pleite, er wird noch einmal Vater, ohne die Verantwortung übernehmen zu wollen. Zum Schluss fegt Ian McEwan noch einmal alles weg, macht Tabula rasa. Das letzte Wort des Romans heißt zwar Liebe. Aber es ist nur noch eine Geste. Denn der Schlusssatz steht im Konjunktiv.

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