Katastrophe im Verborgenen: Der Raubbau der Palmöl-Industrie

Katastrophe im Verborgenen: Der Raubbau der Palmöl-Industrie

Die Monokultur großer Konzerne in der Dritten Welt zerstört den Regenwald. Ein Plädoyer für angepasste Produktion.

Was hat die Tütensuppe mit der Zerstörung des Regenwaldes und der Ausbeutung von Menschen zu tun? Sehr viel, meint Kathrin Hartmann. Die 1972 in Ulm geborene Autorin hat dafür eine Reise nach Indonesien unternommen, dorthin, wo das Palmöl wächst, und ist mit einem erschütternden Bericht zurückgekommen.

"Aus kontrolliertem Raubbau" heißt das neue Buch der engagierten Umwelt-Journalistin. Darin rechnet sie auf 440 Seiten mit den zweifelhaften Segnungen einer angeblichen Nachhaltigkeit ab. Für die Autorin ist das viel gepriesene "Grüne Wachstum" in Wahrheit nichts als eine große Verdummungsaktion. Mehr noch: "Im Namen der Nachhaltigkeit" würden die letzten Regenwälder dieser Erde abgeholzt, Menschenrechte mit Füßen getreten und sogar Morde begangen.

Die scharfen Kontraste, der rasche Wechsel zwischen den Schauplätzen und den jeweiligen Akteuren machen dieses Buch zu einer atemberaubenden Lektüre. In ihren Momentaufnahmen zeigt Hartmann, wie fundamental die Gegensätze sind und wie verwoben das Lügengebilde der Allianz aus Industrie, Regierungen und auch Umweltverbänden ist. Insbesondere der WWF bekommt ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Autorin weist dieser Organisation eine systematische Kungelei mit der Palmöl-Industrie nach. Die Verlierer in diesem Spiel seien die ursprünglichen Bewohner der Wälder: Sie werden vertrieben, wenn Schutzgebiete ausgewiesen werden. Sarkastisch beschreibt Hartmann die Denkweise der "weißen Eliten", die bestimmen, was für die Indigenen und ihre Umgebung gut ist. Hauptsache, es dient ihrem wirtschaftlichen Vorteil.

Denn allein um den geht es nach der Überzeugung der Autorin. "Grüne Technologien" seien lediglich "moralische Blitzableiter", um weiterhin ein beständiges Wirtschaftswachstum zu erhalten. Und dafür gibt es dann Auszeichnungen wie den "Deutschen Nachhaltigkeitspreis". Einer der Geehrten: Unilever. Der Konsumgüterkonzern verbraucht für seine Produkte das meiste Palmöl - jährlich 1,5 Millionen Tonnen, für die in Südostasien der Urwald abgeholzt wird.

Nachhaltiges Palmöl gibt es nicht, erklärt die Autorin, die tagelang durch die monotonen Plantagen gefahren ist: Der Regenwald und die natürliche Lebensquelle der Menschen hier sind unwiederbringlich zerstört. Statt sich selbst von ihrem Boden und ihrer Umwelt zu ernähren, seien die ehemaligen Urwaldbewohner jetzt von der Laune weniger Konzerne abhängig. Mit allen Konsequenzen: Ausbeutung, Willkür und Missbrauch. Erschüttert schildert die Autorin auch, wie Arbeiter, die ihre Rechte einfordern, von der Polizei getötet werden. Und wofür? Für einen billigen Rohstoff für Kosmetika und Fertignahrung.

Sehr weit geht die Autorin freilich mit ihren Schlussfolgerungen aus den Missständen einer Branche. Sie fordert eine radikale Umkehr, ein neues Wirtschaftssystem, das nicht nur nach Wachstum und Profit funktioniert. "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Alternative der ökologisch ausgerichteten, solidarischen und selbstbestimmten Landwirtschaft und das Konzept der Ernährungsunabhängigkeit ein gewaltiger Hebel für globale Gerechtigkeit ist, wie es auch der Weltagrarbericht beschreibt."

Nach den deprimierenden Erfahrungen in der grünen Palmöl-Ödnis von Indonesien zieht die Autorin eine niederschmetternde Bilanz. Dennoch ist Hartmann am Ende nicht verzweifelt. Denn bei allem Elend hat sie auf ihren Recherchereisen viele gute Beispiele gesehen, die Hoffnung machen: "Weil die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, mit einer so großen Leidenschaft ganz selbstverständlich Widerstand gegen die Zumutung einer totalitären Gesellschafts- und Weltordnung leisten."

(RP)
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