Der Oscar geht nach Paris

Der Oscar geht nach Paris

In einer eher schrägen denn feierlichen Gala-Nacht gewann der französische Film "The Artist" fünf Oscars. Meryl Streep wurde zum dritten Mal geehrt. Die Gesprächsthemen waren indes das Kleid von Angelina Jolie und der Auftritt des Komikers Sacha Baron Cohen ("Borat").

Das ist natürlich sensationell: Eine kleine französische Produktion gewann fünf Oscars, drei davon in den wichtigen Kategorien bester Film, Hauptdarsteller und Regie. Er ließ all die teuren Werke aus Hollywood hinter sich, Martin Scorseses "Hugo Cabret" und Steven Spielbergs "Die Gefährten" etwa, und Regisseur Michael Hazanavicius und Schauspieler Jean Dujardin sind nun Weltstars. Ein historischer Sieg, nie zuvor gab es einen ausländischen Gewinner in der Königsklasse. Aber was an der Oscar-Gala 2012 noch stärker faszinierte, waren die Gaga-Momente: Dieses Jahr war eher schräg denn feierlich.

Es begann mit dem Komiker Sacha Baron Cohen ("Borat"), der den roten Teppich in einer Fantasie-Uniform betrat, begleitet von zwei knapp bekleideten Hostessen. Er hatte eine Urne dabei, jedenfalls bezeichnete er das Ding in seiner Hand als solche, und er sagte außerdem, darin ruhe die Asche seines ehemaligen Tennis-Doppelpartners, des verstorbenen Diktators Kim Jong-Il. Cohen solle sie hier verstreuen, das sei der Wunsch des Freundes gewesen, und rasch entfernten die Sicherheitskräfte den irren Kerl mit dem angeklebten Bart. Der konnte die Urne gerade noch auskippen — über einem Klatschreporter des US-Fernsehens. Die Aktion war indes kein spontaner Geistesblitz, sondern lange angekündigt; mit ihr warb Cohen für seinen neuen Film "The Dictator", und den wollen nun sicher viele sehen.

Ähnlich eigenartig wirkte das Kleid von Angelina Jolie, das war schwarz, von Versace und eigentlich schön, aber es war auch geschlitzt, und zwar bis zum Darfnichtmehr. Man mochte gar nicht hinsehen, große Gefahr. Jolie indes wirkte sehr stolz auf diesen Designer-Kniff, sie drückte das rechte Bein stets aus dem Vorhang, aber das sah nun leider nicht verführerisch aus, sondern anatomisch bedenklich, irgendwie bedrohlich sogar. Als Jolie schließlich den Oscar für eine Drehbuch-Kategorie übergab, machte sich einer der Preisträger denn auch über sie lustig — indem er sein Bein ebenso herausstellte. Sie lächelte brav und sah aus, als schmerze ihr Gesicht.

Man hatte als Zuschauer also durchaus seinen Spaß. Dafür sorgte auch Billy Crystal, dem man die Moderation zum neunten Mal anvertraut hatte, weil das Experiment mit den beiden Jung-Stars Anne Hathaway und James Franco 2011 schiefgegangen war. Crystal machte das routiniert, aber gut. "Nichts wirkt besser gegen Geldsorgen als sich Millionäre anzusehen, die Gold-Statuen in der Hand halten", sagte er zu Beginn. Und als Sternstunde muss man die Abmoderation der Rede des Academy-Präsidenten Tom Sherak bezeichnen. Der las langsam und bedächtig seinen Text ab, wie ein Erstsemester beim Referateüben vor dem Spiegel im Bad. Danach Crystal mit viel Sarkasmus: "Danke, Mr. Excitement."

Emotional wurde es erst gegen Ende, bei der Vergabe der Hauptpreise. Meryl Streep ("The Iron Lady") nahm ihren dritten Oscar entgegen. Sie ist längst der größte weibliche Star des Kinos, 17 Mal wurde sie bereits nominiert. "Als mein Name aufgerufen wurde, hat bestimmt halb Amerika gestöhnt: Nicht schon wieder die", sagte sie. "Aber was soll's." Streep dankte ihrem Mann, und der bekam schmale Lippen. Michel Hazanavicius dankte später seiner Frau Bérénice Bejo, und die war gerührt. Vielleicht war sie aber auch bloß froh, nun Gefühle zeigen zu können: Sie hatte den Preis als beste Nebendarstellerin nämlich nicht gewonnen. Octavia Spencer bekam ihn für "The Help", und die dankte "der ganzen Welt", nachdem sie auf dem Weg zur Bühne gestützt werden musste. So perplex war sie.

Geweint hat sonst niemand, so wenig Tränen gab es selten. Für den schönsten Moment sorgte Christopher Plummer, der den Oscar für seine Nebenrolle als homosexueller Vater in "Beginners" bekam. Plummer ist 82, der älteste Schauspieler, der je ausgezeichnet wurde. Er schaute die goldene Figur an und sagte: "Du bist nur zwei Jahre älter als ich, Darling. Wo warst du mein ganzes Leben lang?"

Viel wurde im Vorfeld geschrieben über die Rückwärtsgewandtheit des Filmjahrgangs, der seine Themen vor allem in der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts finde. "Hugo Cabret", der unter anderem für seine vom Frankfurter Studio Pixomondo gestalteten visuellen Effekte ausgezeichnet wurde, ist dafür ein Beispiel. Ebenso der Drehbuch-Preis an den wie stets bei den Oscars abwesenden Woody Allen für seinen Film "Midnight in Paris", der mit den Frankreich-Klischees der 20er Jahre spielt. Tatsächlich scheint Hollywood derzeit Atem zu holen, sich zu besinnen, indem es sich seiner Wurzeln versichert, des klassischen Erzählkinos.

Die krisengebeutelte US-Filmbranche fungierte nur als Gastgeber: Den Charme lieh man sich in Paris bei "The Artist", die Relevanz in Iran. Regisseur Asghar Farhadi gewann den Oscar für den besten ausländischen Film (von Sandra Bullock auf Deutsch angesagt). Für seine Dankesrede holte er ein langes Stück Papier heraus und las eine Hymne auf den Frieden vor. Vielleicht wirken die Importe ja inspirierend auf die Traumfabrik.

(RP)
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