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Der "öffentliche Professor" Eschenburg

Der "öffentliche Professor" Eschenburg

Biografie über den so farbigen wie widersprüchlichen Mit-Gründungsvater der deutschen Politikwissenschaft

Seit einigen Jahren tobt eine Auseinandersetzung über Theodor Eschenburg, einen der Gründungsväter der deutschen Politikwissenschaft und als "öffentlicher Professor" weit über die Zunft hinaus bekannt. Sehen die einen sein Verhalten wegen des politischen Drucks milder, so werfen ihm die anderen vor, im Dritten Reich "mitgemacht" und dies nach 1945 verschwiegen zu haben. Im Jahre 2013 schaffte die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft den nach Eschenburg benannten Preis für ein wissenschaftliches Lebenswerk sogar ab. Wie ordnet die Biographie von Udo Wengst, bis 2012 Stellvertretender Direktor des renommierten Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, Eschenburgs Wirken ein?

Geboren 1904 in Kiel und gestorben 1999 in Tübingen, hat Eschenburg fast das gesamte 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren miterlebt und Akzente gesetzt: in der Weimarer Republik als aufstrebender Publizist mit politischen Ambitionen; im Dritten Reich als Geschäftsführer eines Kartellverbandes für "Kurzwaren", direkt nach dem Krieg in Württemberg-Hohenzollern als Stellvertreter des Innenministers und schließlich ab 1952 als Doyen des neu geschaffenen Faches Politikwissenschaft.

Nach dem Abitur fühlte sich der junge Eschenburg im konservativen studentischen Milieu Tübingens wohl, engagiert in der "Germania", der ältesten Burschenschaft Tübingens, und im "Hochschulring Deutscher Art", einer den Deutschnationalen nahestehenden Gruppierung. In Berlin gründete Eschenburg mit anderen die "Quiriten", einen Zirkel junger Leute, der einmal im Monat politische Persönlichkeiten vornehmlich der rechten Mitte zu Vorträgen einlud. Wie in Tübingen fiel Eschenburgs Fähigkeit auf, "Netzwerke" zu knüpfen. Dank der engen Bekanntschaft zu Außenminister Gustav Stresemann steuerte dieser 1929 ein Vorwort zu Eschenburgs Dissertation "Das Kaiserreich am Scheideweg" bei. Im Dritten Reich legte Eschenburg Opportunismus an den Tag, wobei Freundschaften zu emigrierten Juden nicht erloschen. Offenkundig dunkle Punkte in seinem Leben: die Beteiligung an der "Arisierung" bzw. Liquidierung jüdischer Firmen, wie immer das Ausmaß des Handlungsspielraums gewesen sein mag. Allerdings ging die Initiative von ihm nicht aus.

Nach 1945 fasste Eschenburg dank seiner guten Kontakte schnell wieder Fuß: zuerst, 1945/46, als Flüchtlingskommissar für Württemberg-Hohenzollern, dann als dortiger Stellvertreter des Staatssekretärs im Innenministerium (1947-1951), die Gründung des Südweststaates Baden-Württemberg vorantreibend (Zusammenschluss der drei Länder Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden 1952). 1952 erhielt Eschenburg in Tübingen die Gründungsprofessur für Politikwissenschaft. Der Bekanntheitsgrad des Großordinarius, der Rufe an an andere Universitäten ablehnte, begann bald schlagartig zu wachsen, zumal ihm das Hamburger Wochenblatt "Die Zeit" ein öffentliches Forum bot. Eschenburg, der auch Wissenschaftler anderer politischer Couleur förderte (den Marxisten Ernst Bloch etwa), legte auf Stromlinienförmigkeit keinen Wert. Verständnis für die radikale Studentenbewegung fehlte ihm.

Die so farbige wie widersprüchliche Gestalt Eschenburgs bleibt in dieser eher nüchtern-konventionellen Biographie recht blass. Gewiss, die sympathisierende Tendenz ist unverkennbar, ohne dass Wengst für Eschenburg unangenehme Dinge unterschlägt, seinen Hang zu Geld, das Verschweigen der zeitweiligen SS-Mitgliedschaft in den Personalfragebögen nach 1945, schönfärberische Tendenzen in den Memoiren.

Aber ihm gelingt keine überzeugende Würdigung der "politischen Leitfigur", wie der Untertitel verheißt.

(RP)