Zürich: Der König der Dilettanten

Zürich: Der König der Dilettanten

Dieter Meier wurde bekannt als Musiker der Band Yello. Aber der 66-jährige Schweizer ist auch Unternehmer, Dandy, Konzeptkünstler, Autor, Filmemacher, Farmer und ein amüsanter Erzähler. Nun kommt er für einige Auftritte nach Deutschland, um sein Werk vorzustellen.

Es ist an der Zeit, den Dilettanten zu rehabilitieren, denn er hat keinen guten Ruf. Er gilt als Stümper, dabei beschäftigt er sich aus Zuneigung mit einer Sache, ihn treibt das Herz zum Engagement, die Leidenschaft – und das ist sehr schön. Dieter Meier ist jemand, der dem Amateurhaften zu höherem Ansehen verhelfen könnte. Der 66-jährige Schweizer ist als Musiker bekannt, obwohl er keine Noten lesen kann. Als eine Hälfte des Duos Yello hatte er in den 80er Jahren Hits mit den Songs "Oh Yeah" und "Vicious Games". Zwölf Millionen Platten verkaufte die Gruppe.

"Ja, damals verdienten wir ein bisschen Geld", sagt Dieter Meier mit gepflegtem Understatement. Er steht am Flughafen in Zürich, wo er Freunde abholt. "Und weil mein Vater eine Bank hatte, investierte er das Geld. Ich habe mich darum nicht gekümmert." Meiers Vater Walter, der heute 96 Jahre alt ist, muss ein geschickter Ökonom sein, denn im vergangenen Jahr wurde publik, dass Dieter Meier rund 14 Prozent an der Notenbank-Druckerei Orell Füssli hält. Er besitzt außerdem gut 14 Prozent des Verkehrsdienstleisters BVZ Holding in Zermatt, und Experten schätzen, dass das Aktienpaket einen dreistelligen Millionenbetrag wert ist. Meier ignorierte aus Unwissen die meldepflichtige Schwelle für Aktienbesitz von drei Prozent, und nun hat die Börsenaufsicht eine Strafe verhängt: 200 000 Franken. "Ich war ganz überrascht, was da zusammengekommen ist", sagt Meier.

Der Herr mit Schnauzbart und Halstuch geht in diesen Tagen auf Deutschland-Tournee. "Ein Abend mit Dieter Meier" lautet der Untertitel der Veranstaltung. Sie beschränkt sich nicht auf Musik, das wäre Meier, der seinen Beruf mit "Produzent" angibt, zu wenig. Meier stellt einen Film mit den Video-Clips von Yello vor, die er gedreht hat. Er liest aus seiner Kolumnen-Sammlung "Hermes, Baby", spielt neue Songs im Stile Paolo Contes und plaudert über sein Leben.

Vor allem der letzte Programmpunkt dürfte interessant werden. Denn Meiers Biografie liest sich wie ein Schelmenroman. Der Sohn aus gutem Hause studierte pro forma Jura, um "meinen Müßiggang sozial zu tarnen". In Wirklichkeit spielte er professionell Poker, um seine Hobbys zu finanzieren: Lesen, Schreiben, Filmemachen, Golfspielen. "Ich war ein busy surviver", sagt er, "ich befand mich auf einer pervertierten Sinnsuche." In New York zeigte der 26-Jährige mit einer Kunstaktion, was ihm Geld bedeutet. Er bat Passanten, ihm die Worte "Yes" und "No" für jeweils einen Dollar zu verkaufen. Jeder Deal wurde per Urkunde zertifiziert, und als die Kunstkritikerin der "New York Times" davon erfuhr, schrieb sie eine euphorische Würdigung. Von da an war Meier auch Künstler. Als solcher ließ er 1972 zur Documenta vor dem Hauptbahnhof in Kassel eine Messingplatte in den Boden ein. Darauf stand: "Am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen." 22 Jahre später stand er dort tatsächlich, und 500 Leute kamen, um ihn zu sehen. Inzwischen war Dieter Meier nämlich ganz zufällig ein Popstar geworden.

Ende der 70er Jahre machte Meier 16-Millimeter-Filme. Er überblendete Abbildungen von Partituren und zupfte dazu auf einer einsaitigen Gitarre. Einem Produzenten gefiel das, er brachte Meier mit einer Punk-Band zusammen, und mit ihr sang er das Lied "Cry For Fame". Der Elektronik-Tüftler Boris Blank bekam davon Wind und meldete sich bei jenem Produzenten. Er könne es besser, lieber solle er ihn unter Vertrag nehmen. Der Produzent sagte zu – unter der Bedingung, dass Meier zu Blanks synthetischen Sounds singen dürfe. Blank schlug ein, und 1980 veröffentlichte man gemeinsam das erste Album, sie nannten es "Solid Pleasures". Darauf fand sich das Stück "Bostich", das als Pioniertat in der elektronischen Musik gilt, als Impulsgeber für den Techno.

"Wir haben uns gewundert über den Erfolg", sagt Meier in seiner ruhigen Art. "Das waren ja doch eher minimalistische Beiträge. Wir waren zufällige Musiker." Yello wurde trotzdem immer populärer, das Stück "Oh Yeah" (1987) lieferte den Soundtrack zum Film "Ferris macht blau", "The Race" (1988) wurde zur Titelmelodie der Musiksendung "Formel Eins", und für "The Rhythm Divine" gewann man 1987 Shirley Bassey als Sängerin.

Meier will indes lieber über Literatur als über den Erfolg von Yello sprechen. Er möge die "endlosen Psychologismen eines Philip Roth nicht", sagt er. Der vierfache Vater liest Joyce, Benn und Beckett, und sein Hausheiliger ist Robert Walser. "Das Schwebende seiner Prosa mag ich. Überhaupt gefällt es mir, wenn Autoren nicht allzu absichtsvoll Inhalt transportieren."

Meier lebt in seiner Geburtsstadt Zürich, wo er am Paradeplatz das Feinschmecker-Lokal "Bärengasse" eröffnet hat; in Argentinien, wo er eine Farm mit 2200 Hektar Land besitzt und 10 000 Hereford-Rinder hält; in Los Angeles und London. Auf den Flügen um die Welt schreibt er an einem Roman, er soll "Die Maske des Erzählers" heißen. "Das ist äußerlich ein Thriller", sagt Meier. "Aber es geht doch um das Aufheben von Sprache. Ich arbeite schon lange daran, ich stehe da wie ein chinesischer Tellerjongleur und bringe die Motive zum Kreisen. Am Ende sehe ich, dass ich in Wahrheit flüchte vor der Schreiberei."

Man darf sich den Dilettanten als einen glücklichen Menschen vorstellen.

(RP)
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