"Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten": Buchkritik zum Roman von Jonas Jonasson

Bestseller-Autor Jonas Jonasson : Der „Hundertjährige“ kehrt zurück

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ war ein Millionenerfolg. Jetzt setzt der schwedische Schriftsteller Jonas Jonasson seinen Bestseller fort. Im neuen Buch kommen auch Kim Jong-un, Donald Trump und Angela Merkel vor.

So etwas muss eigentlich schiefgehen. Nämlich der Versuch, einen Welterfolg gut sieben Jahre später mit einer Fortsetzung wenigstens um ein Buch zu verlängern. Im vorliegenden Fall wird diese Unternehmung noch schwieriger, da der Held im ersten Buch bereits 100 Jahre auf dem Buckel hatte und das biologische Ende weiteren literarischen Ambitionen naturgemäß im Wege steht. In der sogenannten schönen Literatur gilt gottlob eine andere Zeitrechnung, darum feiert der legendäre alte Knacker Allan Karlsson jetzt seinen 101. Geburtstag.

Doch vielleicht der Reihe nach: Jonas Jonasson hat alle Bedenken in den Wind geschlagen, hat sich nach Allan Karlsson erkundigt, ob er noch da sei in seinem Kopf, und als dieser dann bejahte und sich auf neue Abenteuer sogar zu freuen schien, hat der Schwede einfach losgelegt und „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ geschrieben. Das hört sich viel leichtfüßiger an, als es für einen Autor sein kann, dessen Vorgängerroman in 45 Ländern erschienen ist, der sich allein in Deutschland 4,4 Millionen Mal verkaufte und dementsprechend 48 Wochen hierzulande auf Platz eins der Bestsellerliste konkurrenzlos rumlungerte. Die Erwartungen sind darum nicht nur bei den Lesern enorm: Teil zwei wird mit einer euphorischen Startauflage von 350.000 Exemplaren unsere Buchläden überschwemmen.

Das Komische an diesem bedenkenswert komischen Roman ist: die Fortsetzung funktioniert trotz aller Bedenken! Was für ein grandioses Buch ist diese Rückkehr geworden, wie heiter, tiefernst, und vor allem: anarchisch.

Und es beginnt wie in Teil eins mit einer Geburtstagsparty, die diesmal zum 101. groß steigen soll und zwar auf Pump. Weil Allan und sein Freund Julius all das schöne, ergaunerte Geld auf den Kopf gehauen haben und jetzt aus Indonesien irgendwie flüchten müssen, wie gewohnt gelingt das mit mehr Glück als Verstand. Mit einem Heißluftballon entschwinden die Jungs ihren Geldgebern, landen alsbald im schönen und weiten Ozean, werden dort glücklicherweise von einem Containerschiff namens „Ehre und Stärke“ aufgefischt, das unglücklicherweise aus Nordkorea stammt und mit fünf Kilo angereichertem Uran an Bord gen Heimat fährt. So weit, so ungut. Auch an Alkohol mangelt es, was die ohnehin aussichtslose Lage noch ein bisschen misslicher macht.

So nimmt die Geschichte ihren fatalen wie auch verrückten Verlauf. Und wer sie korrekt nacherzählen wolle, sollte die gut 440 Seiten einfach vorlesen. Vielleicht darum nur so viel: Es geht für unsere beiden Helden - denen sich später eine Frau namens Sabine anschließen wird - vorrangig darum, die eigene Haut und anschließend auch die Welt zu retten. Mit einer abenteuerlichen Jagd über Nordkorea, die USA, Schweden, Deutschland, Tansania, Kongo, Kenia. Tote pflastern ihren Weg, manche werden hingerichtet, andere begehen Selbstmord oder werden bei einem recht wagemutigen Reifenwechsel in der afrikanischen Nacht von zwei Löwinnen nach allen Regeln der Kunst zerfleischt.

Natürlich haben auch die vermeintlich Großen wieder ihren Auftritt: Kim Jong-un, Donald Trump, auch Angela Merkel. Nummer eins und zwei bewegen sich am Rande des Wahnsinns; die Kanzlerin hingegen reüssiert auf ganzer Linie. Jonas Jonasson ist ein großer Merkel-Fan, keine Frage. Äußerst milde ist der Spott, der sie trifft, die neue Führerin der freien Welt, die von montags bis freitags vier Stündchen pro Nacht schlafe, am Wochenende aber auch schon mal bis Sonnenaufgang, und zu deren „anderen Exzessen“ ihre Leidenschaft für Kohlsuppe und Bierchen gehörten. Kurzum: Die Kanzlerin gibt eine ziemlich gute Figur ab. Besonders Seite 340 könnte sich Merkel einrahmen, auf der sie als das Gegenteil von Donald Trump beschrieben wird: „zurückhaltend, nachdenklich, analytisch.“

Wer all diese Episoden rund um den Erdball für gänzlich verrückt hält, ist sicherlich im Recht. Doch man hat mehr davon, wenn man auch der Wahrheit in dieser Geschichte auf der Spur zu bleiben versucht, die wie viele kleine Fünkchen hier und da aufleuchtet. Denn der Geist dieser Geschichte ist ein schelmischer und Allan, der Hunderteinjährige, der gute, böse Narr, der die Weisheit gefressen hat und die Naivität zur Schau stellt, der der Welt nun den Spiegel vorhält. Vieles zeigt sich darin verzerrt, skurril, fratzenhaft. Und das Jonas Jonasson im Vorwort unser Jahrhundert als das erbärmlichste aller Zeiten beschreibt, ist mehr als nur eine bequeme Attitüde der Sorge. Darum: Das Lachen muss erlaubt sein, weil es uns sonst nicht im Halse stecken bleiben könnte.

Der Wahnsinn regiert die Welt, aber leider nicht immer so wundersam wie bei Jonasson. Wer einen Fuß in diese Welt des Hunderteinjährigen setzt, kommt nicht so schnell wieder heraus. Und wer wissen will, warum die taffe schwedische Außenministerin bei einer schlechten Wahrsagerin einem Neonazi (der zum Morden sehr bereit ist, da sein Bruder irrtümlich in einem rosafarbenen Sarg mit Kaninchen beerdigt wurde) mit dem Fuß einer Tischlampe ordentlich eins über den Schädel zieht (wobei man nicht weiß, ob dieser Schlag nicht ein finaler gewesen sein könnte), nun, der kommt wirklich nicht darum herum, das Buch zu lesen. Das ist keine Einladung. Auch keine Bitte. Sondern eine freundliche, selbstredend gut gemeinte Aufforderung. Und das Versprechen?

Jede Menge Lesespaß.

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