Düsseldorf: Der Hacker-Roman von Assange

Düsseldorf : Der Hacker-Roman von Assange

Irgendwann in diesem dicken Buch erwischt man sich bei dem Gedanken, dass sie also doch stimmen könnten: all die Vermutungen, die Klischees, die kolportierten Mythen und Heroisierungen über die möglicherweise genialen Akteure der Hackerszene. Das jedenfalls will uns "Underground" glauben machen, ein Buch, das die Journalistin Suelette Dreyfus geschrieben und an dem Wikileaks-Initiator Julian Assange drei Jahre lang mitrecherchiert hat.

Darin wird die Aura des gemeinen Hackers wiederbelebt: die Geschichte von jungen Menschen, die enorm intelligent sind und höchst kreativ, technikbegeistert und mit einer gehörigen Verschrobenheit ausgestattet. Zu einem echten Freundeskreis bringen sie es weder an der Uni noch an der Schule. "Sie sahen einfach nicht wie jemand aus, den man nach dem Rugbyspiel auf ein kühles Blondes in die Kneipe einlud", schreibt Dreyfus; aber: "Das war schon in Ordnung so." Sie wohnen bei ihren Eltern in Zimmern, die mit schmuckloser Schrankwand und ein paar Postern so aussehen wie früher die meisten Zimmer junger Leute. Und was sie alle eint: ihre grundlegende Abneigung gegen das Establishment.

Genau dort, in diesen stinknormalen Schlaf- und Jugendzimmern, wird diese neue Welt, diese "Unterwelt" geboren: Ende der 80er – vor der großen Zeit des Internet also – treffen sie sich in primitiven Mailboxen, das waren Schwarze Bretter in elektronischer Form. Und dazu reichte ein frisierter Apple-II-Computer, ein Modem, ein Telefonanschluss. Die Hackerszene wird geboren, und Melbourne ist ihre Hauptstadt. Und dieser australische Computeruntergrund blühte 1988 "wie ein pulsierender asiatischer Straßenbasar", schreibt Dreyfus mit spürbarer Faszination.

Die richtet sie besonders auf Julian Assange, der natürlich auch Gegenstand dieses Buches ist, das sich im Untertitel zwar "Tatsachenroman" nennt, das in Wirklichkeit aber eine 600-seitige Großreportage ist. Julian, so heißt es, "ist wirklich faszinierend, unter anderem deshalb, weil er anders denkt". Ob er aber tatsächlich hinter der Figur des "Mendax" steht, der seine Hackerdaten vor der Polizei in Bienenstöcken des Hinterhofes versteckte, ist zwar wahrscheinlich, bleibt aber letztlich ebenso geheim wie all die anderen Hacker-Identitäten hinter ihren Fantasienamen in diesem Buch. Diese Verschlüsselung ist auch schon das einzige fiktive Element von "Underground", das – man merkt es früh – extrem aufwändig und langwierig mit hunderten von Interviews in aller Welt recherchiert wurde.

Daraus ist nichts Staubtrockenes entstanden, sondern eine dramatische und natürlich spannend zu lesende Geschichte über viele kleine Davids, die in jugendlicher Selbstgerechtigkeit den vermeintlichen Goliath zu Fall bringen wollen. Etwa mit dem legendären "Wank"-Wurm, mit dem ein subversiver Programmierer 1989 die Nasa heimsuchte und lahmlegte und das sündhaft teure Galileo-Projekt nachhaltig störte. Für alle Hacker war dies eine Art Startschuss zu einer neuen Welt: "Etwas zu erschaffen, das intelligent genug ist, um auszuschwärmen und sich selbsttätig fortzupflanzen, gilt als Gipfel der Schöpferkraft." Hybris scheint den stillen Hackern im Verborgenen keineswegs fremd zu sein.

So ungewöhnlich dieses Buch ist, so unkonventionell ist auch sein Erscheinen in Deutschland. 1997 kam es bei Random House in Australien heraus, danach war es frei verfügbar im Internet und fand dort 400 000 Leser. Jetzt hat sich der Berliner Kleinverlag Haffmanns & Tolkemitt die deutschen Rechte gesichert und darf in dieser Woche mit "Underground" eine nicht alltägliche und überaus lesenswerte Großreportage publizieren.

Info Suelette Dreyfus, Julian Assange: "Underground". Haffmanns & Tolkemitt, 608 Seiten, 24,90 Euro

(RP)
Mehr von RP ONLINE