1. Kultur

"Der Gesang der Flusskrebse" im Kino: So gut ist der Film

„Der Gesang der Flusskrebse“ : Erwachsenwerden in den Sümpfen

Die Vorlage ist ein Weltbestseller: In der Verfilmung des Romans „Der Gesang der Flusskrebse“ spielt die Landschaft North Carolinas eine Hauptrolle. Die Adaption ist stimmig und glänzt mit guten Schauspielern.

Eines Tages hält die Mutter es nicht mehr aus. Mit Blutergüssen und Platzwunden im Gesicht, die vom letzten Gewaltausbruch ihres Mannes zeugen, macht sie sich im Morgengrauen davon. Zurück bleiben die Kinder, die in den kommenden Wochen und Monaten nacheinander ebenfalls die Flucht ergreifen. Schließlich ist die sechsjährige Kya allein mit dem alkoholkranken Vater. Sie ist noch zu jung, um sich aus dem Staub zu machen, hat aber gelernt, den Wutausbrüchen ihres Vaters aus dem Weg zu gehen. Sie flüchtet sich in die weite Marschlandschaft North Carolinas. Erst spät nachts, wenn der Vater seinen Rausch ausschläft, kehrt sie in das Holzhaus zurück, das einsam und verlassen zwischen Wasserkanälen und Schilf steht. Aber irgendwann ist der Vater verschwunden. Das Mädchen ist auf sich gestellt und muss lernen, in der Natur zu überleben.

Der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens führte 2019 und 2020 die internationalen Bestseller-Listen an und brachte es auf über zwölf Millionen verkaufte Exemplare. Es ist ein Buch über die Brutalität des Verlassenseins und die Kraft des Überlebens, die ein kleines Mädchen aufbringen muss und zu einer jungen Frau reifen lässt. Aber es ist auch ein Buch über eine unvergleichliche Landschaft in der Küstenregion North Carolinas, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser zerfließen.

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„Marschland ist nicht gleich Sumpf“ heißt es gleich zu Beginn. „Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.“ Die eindrückliche Landschaft, durch die man sich vornehmlich mit dem Boot bewegt und die bruchlos ins Meer übergeht, ist der zweitwichtigste Hauptdarsteller in der Kinoadaption von Olivia Newman. Mit ungebändigter Faszination lässt sich die Kamera auf dieses unwirkliche Biotop ein, das gleichermaßen wie eine sonnendurchflutete Fantasy-Kulisse und ein bedrohlicher Märchenwald wirkt. Diese Zwischenwelt, in der Himmel, Wasser und Erde kaum voneinander zu trennen sind, ist wie gemacht für ein Kinoerlebnis der ganz eigenen Art.

Aber die eigentliche Protagonistin ist natürlich Kya (Daisy Edgar-Jones), die als junge Erwachsene im Jahr 1969 angeklagt wird, den örtlichen Football-Star und Sohn aus gutem Hause Chase Andrews (Harris Dickinson) ermordet zu haben. Dessen Leiche wurde am Fuße eines Feuerwehrturms im Wald gefunden. Spärliche Indizien verweisen auf Kya als Verdächtige. Im Ort ist man sich schnell einig, dass die junge Außenseiterin, die von allen nur „das Marschmädchen“ genannt wird, den Mord begangen haben muss. Der pensionierte Rechtsanwalt Tom Milton (David Strathairn) übernimmt den Fall und scheint als Einziger an die Unschuld Kyas zu glauben. Um sie verteidigen zu können, müsse er sie besser kennenlernen, sagt der Jurist in der Gefängniszelle. Und so gleitet die Erzählung in regelmäßige Rückblenden hinein, in denen die Lebensgeschichte des „Marschmädchens“ aufgeblättert wird.

Einzig mit der Hilfe der afroamerikanischen Krämerladenbesitzer Jumpin’(Sterling Macer Jr.) und Mabel (Michael Hyatt), an die sie ihre selbst gesammelten Muscheln verkauft, gelingt dem Kind das Überleben im Marschland. Später freundet es sich mit dem jungen Tate (Taylor John Smith) an, der dem verwaisten Mädchen Lesen und Schreiben beibringt. Langsam entsteht aus der Freundschaft in der Abgeschiedenheit der Natur eine zarte, erste Liebe, die ein abruptes Ende nimmt, als Tate aufs College geht und Kya in der Marschhütte zurückbleibt. Schon bald interessiert sich Chase für sie, der die unerfahrene junge Frau mit Gewalt in eine manipulative Beziehung hineinzieht. Parallel dazu wird auf der Gegenwartsebene das Gerichtsverfahren gezeigt, in dem Anwalt Milton die Geschworenen davon zu überzeugen versucht, dass die Verdachtsmomente nur auf Vorverurteilungen gegenüber der unbeliebten Außenseiterin beruhen.

Wie so oft bei Verfilmungen von erfolgreichen Bestsellern bleibt auch Regisseurin Olivia Newman sehr nah an der Buchvorlage dran. Werktreue ist in diesem Fall kein Fehler, denn Owens‘ Roman, der ein klassisches Justizdrama mit einer unkonventionellen Coming-of-Age-Geschichte verbindet, ist ohnehin schon sehr nah am filmischen Erzählen aufgebaut. Und so entwickelt auch die Kinoversion eine konventionelle Strahlkraft, die durch sorgfältig orchestrierte Naturaufnahmen bereichert wird. Die Härte der traumatischen Kindheitserlebnisse wird hier nur effizient angerissen und das Leben in der Abgeschiedenheit der Natur hoffnungslos romantisiert. Das geschmackvoll eingerichtete Holzhaus inmitten der Wasserwälder und die gediegene Garderobe des „Marschmädchens“ entsprechen sicherlich nicht den Authentizität-Standards, aber die stille und kraftvolle Performance von Daisy Edgar-Jones wiegt solche Schwächen wieder auf. Es ist keine leichte Rolle, weil sie nicht zu großen Gesten einlädt, sondern ein Gespür für Understatement verlangt. Aber Edgar-Jones gelingt es die Figur unangestrengt den Naturkindfrau-Stereotypen zu entreißen und deren weibliche Überlebensintelligenz sichtbar zu machen – was auch die überraschende Schlusswendung im Epilog absolut stimmig erscheinen lässt.