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Frankfurt: Der Frankfurter Zoll liebt Stradivaris Geigen

Frankfurt : Der Frankfurter Zoll liebt Stradivaris Geigen

Im Team des Frankfurter Flughafenzolls arbeitet ein Geigenliebhaber. Der Beamte hat ein Augenmerk auf kostbare Instrumente geworfen, und er weiß, wie er sie an sich bringt: Er beschlagnahmt sie. Nachts schleicht er dann zurück ins Büro, öffnet den Tresor, holt die Stradivari heraus und spielt sie. Ein Hochgefühl, maximal erregend.

Nein, so ist es wohl nicht, aber wir warten auf den Krimiautor, der uns genau diese Story in Anlehnung an Süskinds "Parfum" erzählen wird. Indes hat die Realität eine mysteriöse Komponente. Am Frankfurter Flughafen ist tatsächlich zum dritten Mal in sechs Monaten eine wertvolle Geige, diesmal eine Stradivari, konfisziert worden. Eine Holding aus Hongkong, die sie dem Chinesen Feng Ning zur Verfügung stellt, hatte ein Zolldokument vergessen. Die hessischen Behörden verlangen zur Herausgabe 700 000 Euro Einfuhrumsatzsteuer. Das Instrument von 1721 ist 3,5 Millionen Euro wert.

Im Januar hatten die deutschen Zollbehörden erneut darauf hingewiesen, dass Instrumente deklariert sein müssen. Laut einem Merkblatt müssen beruflich genutzte Musikinstrumente "immer dann beim Zoll angemeldet werden, wenn sie nicht zum ausschließlich privaten Ge- oder Verbrauch bestimmt sind". Das bedeutet auch, dass für alle mitgeführten Instrumente die Besitz- und Reisedokumente besorgt sein müssen – in diesem Fall das "Carnet ATA", eine Art Reisepass für Waren. Wenn Feng Ning über Frankfurt nach Berlin flöge, um zu üben, wäre das privater Gebrauch. Wenn er ein Konzert gibt, aber nicht mehr.

Gewiss bestrebt der Zoll den pädagogischen Effekt, dass sich auch in höheren Sphären beheimatete Musiker um Formales kümmern. Dennoch ist der Vorgang ein Skandal. Einen Feng Ning kann man im Internet mit seiner Stradivari identifizieren, der Mann ist bekannt, der will doch nur spielen und die Strad nicht vertickern. Und was im Tresor mit einer Stradivari passiert, weiß man von japanischen Multimilionären, die so ein Teil mal für Jahre weggeschlossen haben: Der Klang veränderte sich zum Nachteil.

In internationalen Kreisen spricht man wieder von grausamen deutschen Beamten. Vermutlich werden sich Musiker aus der Ferne überlegen, wie sie in Deutschland einreisen werden; auch an einem korrekten "Carnet ATA" werden die Hessen vielleicht etwas auszusetzen finden. Das Drehkreuz Frankfurt ist in Gefahr. Das ist eine Chance für den musikerfreundlichen Großflughafen Berlin-Brandenburg, der schon Erfahrung mit Pauken und Trompeten hat.

(RP)