Zum Tode von Konrad R. Müller Der Fotograf der alten Bundesrepublik

Düsseldorf · Konrad R. Müller hat sämtliche Bundeskanzler porträtiert. Er war Wegbegleiter der Mächtigen und Zeitzeuge von historischen Momenten. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

 Der Porträtfotograf Konrad R. Müller in seinem Wohnzimmer vor einem Portfolio mit Porträts der Bundeskanzler.

Der Porträtfotograf Konrad R. Müller in seinem Wohnzimmer vor einem Portfolio mit Porträts der Bundeskanzler.

Foto: picture alliance/dpa/Oliver Berg/DPA

Farbe auf Fotos wegzulassen, hat einen magischen Effekt: Schwarz-Weiß-Aufnahmen vermitteln den konzentrierteren Blick auf den Moment, den sie einfangen. Früher waren sie gang und gäbe, kolorierte Aufnahmen waren aufwendig und teuer. Vergangenheit scheint vielen Zeitgenossinnen und -genossen deshalb noch heute zwar so farblos wie die allermeisten bildhaften Zeugnisse von damals, aber dennoch auf eine seltsame Weise authentisch – Geschichte kommt gewissermaßen schwarz-weiß daher. Der Kniefall Willy Brandts In Warschau in Farbe? Unvorstellbar. Und hätte aus dem Gesicht Konrad Adenauers mehr als bloß sein Alter gesprochen, wäre er stets in Agfacolor porträtiert worden?

Wer indes in Zeiten der digitalen Fotografie noch so arbeitet, unterstreicht damit häufig seinen künstlerischen Ansatz. Und es stimmt ja: Wo die Farbe fehlt, tritt der Inhalt in den Vordergrund, scheint die Zeit stillzustehen, wirkt der Augenblick unmittelbar.

Blick in eine Ausstellung mit Müllers Schwarz-Weiß-Fotografien im Jahr 2009 in Berlin.

Blick in eine Ausstellung mit Müllers Schwarz-Weiß-Fotografien im Jahr 2009 in Berlin.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS/Maya Hitij/DPA

Weniger ist manchmal mehr – an diese Formel hat sich auch Konrad R. Müller immer gehalten. Der jetzt im Alter von 83 Jahren gestorbene Fotokünstler ist vor allem durch die Porträts sämtlicher Kanzler der Bundesrepublik Deutschland berühmt geworden. Ihre rahmenfüllenden Mienen vermitteln dem Betrachter den Eindruck von Nähe, als öffne sich ein Vorhang, als blicke man hinter die Maske des Politikers direkt in die Seele des Menschen. Zugleich spiegeln sich in den Gesichtern der Umgang mit Macht, zuweilen die Bürde des Amtes, manchmal eine überraschende Unbeschwertheit. Müller hatte diesen Anspruch, er verfolgte sein Ziel mit jener Beharrlichkeit, welche die Großen ihres Fachs auszeichnet, und es gelang ihm auch deshalb, weil er nah an den Mächtigen dranblieb.

 Konrad R. Müller im Jahr 2009 in seiner Ausstellung „Die Kanzler“ in Berlin.

Konrad R. Müller im Jahr 2009 in seiner Ausstellung „Die Kanzler“ in Berlin.

Foto: imago/Christian Schroth/Christian Schroth/imago

Bei Helmut Kohl war das nicht einfach. Der polternde Christdemokrat aus Oggersheim war überaus sensibel, was seine Darstellung auf Fotografien anging, und oft genug bot sich die Gelegenheit für wenig vorteilhafte Schnappschüsse. Das wurde während seiner Amtszeit weidlich ausgenutzt, weshalb nur wenige Fotografen sein Vertrauen genossen. Konrad Rufus Müller, wie er sich selbst nannte, mit Mittelnamen aber eigentlich Reinhard hieß, besaß es. Dem Fotografen stand die Tür zu Kohls Arbeitszimmer im Kanzleramt immer offen, er hatte Zutritt zur Präsidentenkabine in der „Air Force One“, wenn Kohl dort mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton konferierte.

Müller wurde zum Zeitzeugen, etwa als Helmut Kohl den damaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow im Sommer 1989 in Bonn traf, oder als der CDU-Politiker nach dem Fall der Mauer den französischen Präsidenten François Mitterrand besuchte, um ihn von der Notwendigkeit der Deutschen Einheit zu überzeugen. Er war es zugleich, der das Ehepaar Kohl im Kuhstall während der Sommerferien auf dem Lande fotografierte, oder Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, als sie noch Freunde waren.

Konrad R. Müller war so analog wie die alte Bundesrepublik, deren Protagonisten er mit seinen Bildern einfing, darunter auch viele bildende Künstler, Schriftsteller, Schauspieler oder Sportler: Er verzichtete auf Scheinwerfer, Stative und anderes Zubehör, nutzte nach eigener Aussage stets nur zwei Kameras und machte um die Digitalfotografie einen großen Bogen. Licht und Schatten wanderten durch das scharf gestellte Objektiv für ein paar Hundertstel Sekunden auf Negativfilm, der entwickelt und wiederum auf ein lichtempfindliches Papier projiziert wurde, welches sodann wiederum ein Entwickler- und ein Fixierbad durchwanderte, bevor es getrocknet seine vorzeigbare Form annahm. Nicht nur der Herstellungsprozess, auch das Ergebnis war immer etwas Besonderes, nicht umsonst erlebt die analoge Fotografie auch bei den Jüngeren derzeit eine Renaissance, gerade in Schwarz-Weiß.

Müller war Autodidakt, ein Studium der freien Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin hatte er abgebrochen, stattdessen experimentierte er mit einer alten Rolleiflex von 1935, die er im Wäscheschrank seiner Eltern gefunden hatte und reparieren ließ. Zwei Jahre nach dessen Ausscheiden aus dem Amt fotografierte Müller 1965 Konrad Adenauer, den er auf dem Bonner Münsterplatz traf. Damals war der Kontakt zur ersten Riege von Mandatsträgern noch relativ unkompliziert, damit glückte Müller der Einstieg in seine spätere Profession. Neben Adenauer fotografierte er nur Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger erst nach ihrer Amtszeit.

Deren Nachfolger bekleideten das Amt zum Teil für eine Dauer, wie sie in Zukunft kaum mehr vorstellbar scheint. Müllers Bilder zeugen in hoher Auflösung auch davon, wie der Politikbetrieb einige von ihnen altern und einsam werden ließ. Vor allem ringen einem diese Aufnahmen Respekt ab, eine Achtung zugleich vor der demokratischen Institution, welche die dargestellten Personen verkörpern und die ihnen trotz aller politischer Kontroverse gebührt. Von diesem Respekt hat es in diesem Land schon einmal mehr gegeben.

Konrad R. Müller hätte gern weitergemacht. Den aktuellen Bundeskanzler hat er noch porträtieren können, was die Jahre ihm abringen, wird er nicht mehr dokumentieren können. Olaf Scholz hat das Lebenswerk Müllers mit den Worten gewürdigt: „Sein fotografischer Spiegel unserer Geschichte wird die Erinnerung an ihn wachhalten.“ Am vergangenen Samstagabend ist Konrad R. Müller nach langer Krankheit in Königswinter gestorben.

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