Der Fall Dieter Forte – ein Skandal

Literatur : Der Fall Dieter Forte – ein Skandal

Gastbeitrag Aus Briefen geht hervor, dass die für Düsseldorf geplante Uraufführung vom berühmten Stück des Schriftstellers – „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ – 1970 wohl auch von der Politik verhindert worden ist.

Eigentlich wollte ich Anfang des Jahres meinem großartigen Kollegen Dieter Forte nur einen launigen Neujahrsgruß senden. Seit Jahren hatte ich nichts von ihm gehört. Aber die Frage, ob er denn immer noch unfern des Spalentors sitze und nach bewährter Forte-Art mit den Unbilden des Lebens kämpfe, brachte ihn so in Rage, dass mir beim Lesen  seiner Antwort heiß und kalt wurde. Die Hälfte des Briefes vom 23. Januar nutzte er, um mir seine Leistungsnachweise  um die Ohren zu hauen, hymnische Kritikerstimmen aus der gesamten Republik, landes- und bundesweite Ehrungen. „Basel, wo ich der ,große’ Dieter Forte bin, feierte meinen 80. 3 Tage lang. Universität, Theater, Literaturhaus. Soviel zu den leeren Feuilletons.“

Was hatte ihn so verwundet? Wieso konnte er meinen, ich wollte seinen Rang in Frage stellen? Mehrfach hatte ich lobend über ihn geschrieben. Ich hatte mitgeholfen, dass sein Düsseldorfer Volksstück –  „Das endlose Leben“ – 1991 im Stadtmuseum zur Uraufführung kam. Usw.usw. Und jetzt sprach er mit mir, als wäre ich einer aus dem Tal der Ahnungslosen.

Furios setzte er am Ende des Briefs handschriftlich hinzu: „Die Berliner Zeitung schrieb: ,Wer liest noch Grass und Böll? Aber wir haben ja Forte. Er ist der Star der Buchmesse.’ Ist doch gut. Sowas kommt in Ddorf nie an. Da bin ich immer noch verboten. In Basel, der Immigrantenstadt, schützt die Polizei eine umstrittene Aufführung.“

Forte hatte den Brief runtergehauen, teils ohne Punkt und Komma. Im Telegrammstil auch die Nachricht vom Tod seiner Frau. Dieter ohne Marianne? Eine Katastrophe. Er muss in den letzten Monaten furchbar einsam gewesen sein. Ob er deshalb so harsch reagierte? Die zwei waren fast fünfzig Jahre lang ein symbiotisches Paar gewesen.  „Ich habe sie gepflegt bis zum Zusammenbruch. Einige Operationen auf Leben und Tod. Aber immer habe ich geschrieben.“

Ich kannte auch den heiteren Forte. So als anlässlich seines 75. Geburtstags Elke Heidenreich  im Palais Wittgenstein Auszüge aus seinem Werk las. Düsseldorf stand Kopf wegen des Tandems Heidenreich/Forte. Und der gebrechliche Dichter genoss das Bad in der Menge. Auf einer Postkarte schrieb er mir damals: „Es war ein großer Empfang – Dem verlorenen Sohn… Das war schon himmlisch.“  Aber diese Ehrungen konnten die Kränkungen nicht aufwiegen.

Denn am 16. Februar erreichte mich ein weiterer Brief. Einen Tag, bevor ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt werden sollte, musste er noch schnell mein Geschichtsbild korrigieren. In meinem Antwortbrief hatte ich auf seine „umstrittene Aufführung“ in Basel Bezug genommen und mein Unverständnis geäußert, „dass Karlheinz Stroux damals bei ,Luther & Münzer’ nicht zugegriffen hat. Aber der gebürtige Duisburger wusste wohl nichts vom Bergischen Toleranzedikt (siehe Forte) und von der Stärke Düsseldorfs, dass nämlich kein Dom die Gegenwart überragt (siehe Lore Lorentz).“

Die Antwort Fortes machte mich fassungslos: „Ich dachte, du kennst die Geschichte“, schrieb er, „eigentlich wissen es alle. Stroux hatte den Uraufführungsvertrag, aber die Stadt verbot ihm die Aufführung. Stroux trat zurück, er wollte seinen Vertrag, der auslief, verlängert haben. So kam Basel zum Zug. Es war ein Erfolg für 3 Spielzeiten, Standing Ovations.  (…) Bis heute konnte trotz vieler Versuche kein Stück von mir in Ddf gespielt werden. Ausnahme die Sache mit Forester (Uraufführung „Das endlose Leben“  im Stadtmuseum, A.d.R.), aber auch da gegen den Widerstand städtischer Kreise. Ddf hat sich ganz schön blamiert.“

Bisher hatte ich tatsächlich gedacht, Stroux hätte einfach keinen Sinn für das dokumentarische Theater gehabt.  Auch die Journalistin Lore Schaumann erwähnte in ihrem Porträt über Forte (Triltsch Verlag, 1981)  mit keinem Wort eine Einflussnahme von außen: „Warum Karlheinz Stroux später die Deutsche Erstaufführung des „Luther“ nicht machte, die er hätte haben können, übergeht Forte mit Bedauern, aber ohne Leidenschaft.“

Hatte sich da Forte verstellt? Oder hatte Lore Schaumann verharmlost?  Der Leiter des Düsseldorfer Theatermuseums, Michael Matzigkeit,  bestätigt in einer Mail die Einflussnahme durch die Stadt: „Doch, das war uns bekannt. Haben ja den Nachlass von KH Stroux.“

Der Journalist Olaf Clees stellte mir Notizen zur Verfügung, die er sich nach einem Gespräch mit Dieter Forte im Mai 2012 gemacht hatte. Danach soll Bürgermeister Josef Kürten bei Stroux interveniert haben. Aber ansonsten nennt Forte überregionale Kräfte, so den evangelischen Flügel der CDU unter Ex-Außenminister Schröder, der eine „pressure group“ gegen das Schauspielhaus aufbaute.

Der Vertrag für Stroux wurde, obwohl er einknickte, trotzdem nicht verlängert. Noch schlechter erging es dem Augsburger Intendanten, den, so Forte, „die Fugger feuerten“.  Insofern ist verständlich, dass Stroux-Nachfolger Ulrich Brecht die Finger von dem „Skandal-Stück“ ließ. Zumal er mit seinem agitatorischen Theater eh schwer in der Kritik stand.

Aber wieso haben sich Beelitz und Canaris nie an Forte gewagt?  Die Stadt leistete sich sogar die Frechheit, eine für die 700-Jahr-Feier der Stadt in Auftrag gegebene Arbeit von Forte zu bezahlen und dann in der Schulblade verschwinden zu lassen. Wer steckte da schon wieder dahinter?

Ebenso  unbegreiflich, warum in schöner Regelmäßigkeit der Heine-Preis an diesem engagierten Schriftsteller vorüberging. Forte hatte so sehr auf diese versöhnliche Geste gehofft.

Manchmal kann man an dieser Stadt verzweifeln.

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