Düsseldorf: Der Dickens von Detroit – Elmore Leonard ist tot

Düsseldorf : Der Dickens von Detroit – Elmore Leonard ist tot

Er schrieb klassische Krimis mit Sozialkolorit, viele wurden verfilmt. Mit 87 Jahren ist der Amerikaner jetzt gestorben.

Man könnte ihn den Soziologen unter den amerikanischen Literaten des Kriminellen nennen. Denn Elmore Leonards Geschichten sind keine Knobelprosa, ergötzen sich auch nicht an den Lebensgeschichten verknitterter Ermittler mit multiplen psychischen Defekten oder erzählen gar blutrünstig von Morden in Serie. Leonards Krimis sind spannend, weil sie Bohrproben aus den sozialen Schichten der Wirklichkeit entnehmen, mit kräftigem Strich Milieus schildern und Spannung aus den Konflikten zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft gewinnen.

Nun ist Elmore Leonard, der "Dickens von Detroit", in seiner Heimatstadt, der Kulisse vieler seiner Sozialkrimis, an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Der Vater von fünf Kindern wurde 87 Jahre alt.

Sein Werk ist umfangreich, vor allem aber vielfältig. Mal erzählte Leonard in "Schnappt Shorty" von einem Mafiosi, der lieber ins Filmgeschäft einsteigt, als weiter Geld einzutreiben. Dann in "Out of Sight" vom smarten Bankräuber Jack Foley, der im Kofferraum eines Fluchtautos eine FBI-Agentin verführt und zu seiner Komplizin macht. Oder von einem Paar, das als Dokumentarfilmer nach Dschibuti reist, um den Alltag der Piraten auf dem Roten Meer zu begleiten. Die beiden geraten bald selbst in gefährliche Gewässer, lernen Gestalten vom Al-Qaida-Terroristen bis zum Öl-Gewinnler kennen, und der Leser wird klug und präzise in fremde soziale Wirklichkeiten geführt. Leonard hat sich immer wieder neue Themen erschlossen. Er folgte keiner Masche. Und Dialoge schreiben konnte er sowieso.

Erich Maria Remarques Erster-Weltkriegs-Roman "Im Westen nichts Neues" hatte in ihm die Leidenschaft für die Literatur geweckt. Da war er zehn. Aus Remarques Antikriegs-Geschichte machte er ein Theaterstück, dann begann er den eigenen Ideen zu vertrauen, schrieb Kurzgeschichten, die in Schülerzeitungen erschienen. Nach der Highschool wurde er selbst Soldat, ging zur Navy und wurde während des Zweiten Weltkriegs im Südpazifik eingesetzt. Danach hatte er einen Blick für Gut und Böse. Er begann, Western zu schreiben. "Man nannte ihn Hombre" etwa, die Geschichte eines Weißen, der bei Indianern aufwächst. Wahrscheinlich hat er als Western-Autor gelernt, seine Geschichten klar und präzise zu planen, fesselnde Handlungen zu entwerfen, sich nicht in Beschreibungen zu verlieren. Im Western müssen die Proportionen stimmen, sonst merkt das jedes Kind. Und als das Genre Ende der 1960er Jahre aus der Mode kam, war Leonard Erzähler genug, es mit einem anderen Genre zu versuchen. Damals fing er an, Krimis zu schreiben.

Leonards Romane sind pralle Stoffe, die nicht nur die Fantasie von Lesern anregen, sondern auch von Filmemachern, und so waren seine Romane Vorlage für gültige Filme wie Quentin Tarantinos "Jackie Brown" oder Steven Soderberghs "Out of Sight" oder James Mangolds Western-Belebung "Todeszug nach Yuma".

Bis in seine letzten Tage hat Leonard geschrieben. Zuletzt die Geschichte von Drogenermittler "Raylan", der seine Leute nicht ins Hotelzimmer stürmen lässt, wenn sich dort ein Dealer verschanzt hat, sondern an der Rezeption den Schlüssel holt. Spannend wird es dann im Zimmer.

Lakonie war schon immer packender als Ballerei. Und Elmore Leonard ein Meister des knappen Stils – er hatte etwas zu erzählen.

(RP)
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