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Der Deutsche Musikrat sieht den Musikunterricht an Schulen in Gefahr

Bildung : Musikunterricht wird zur Mangelware

An deutschen Grundschulen fehlen 23.000 Musiklehrer. Vielerorts wird der Unterricht fachfremd erteilt. Die Pandemie könnte das Problem verstärken, sagt der Deutsche Musikrat. Er fordert schnelles politisches Handeln.

Die Bilder sind noch immer im Kopf: singende Menschen auf Balkonen, Geigen- und Posaunenspieler auf Dächern, in Gärten oder vor Seniorenheimen – Tag für Tag, Woche für Woche. Musik verbindet Menschen auf der ganzen Welt, das hat uns die Corona-Pandemie eindrücklich gezeigt. Und nicht nur das: Die gelebte Solidarität über Grenzen hinweg war gerade während des Lockdowns auch ein starkes Zeichen des gemeinsamen Standhaltens. Und des Widerstands gegen die durch Sars-CoV-2 aus den Fugen geratene Welt.

Was wäre also die Welt ohne Musik? Die Frage mag man sich eigentlich gar nicht stellen. Wohl aber sollte man sich die Überlegung gestatten, wie es um die musikalische Bildung bestellt ist im Land der Dichter und Denker und Komponisten. Der Deutsche Musikrat jedenfalls sieht den Musikunterricht an den Schulen im Land in Gefahr. Auch, aber nicht nur wegen Corona. „Wenn wir jetzt keine Wege finden, einen qualifizierten Musikunterricht unter den entsprechenden Hygiene-Auflagen in Schulen wieder zu ermöglichen, werden mittelfristig die ohnehin schon brüchigen Infrastrukturen der musikalischen Bildung noch weiter geschwächt“, sagt der Generalsekretär des Deutschen Musikrats, Christian Höppner.

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Solche „brüchigen Strukturen“ offenbart eine Studie, die der Deutsche Musikrat gemeinsam mit der Konferenz der Landesmusikräte sowie der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben hatte. In 14 Bundesländern konnten dafür Daten an Grundschulen erhoben werden. Das Ergebnis zeigt eklatante Versorgungslücken: 40.000 Musiklehrkräfte würden rein rechnerisch benötigt, um den in den Lehrplänen vorgegebenen Musikunterricht zu erfüllen. Tatsächlich gibt es aktuell aber nur 17.000 Fachlehrer. Laut Angaben der Studie wird in der Hälfte der deutschen Grundschulen Musik von fachfremden Lehrkräften unterrichtet, in sieben Prozent wurde er sogar ersatzlos gestrichen. Insgesamt zeigten sich außerdem starke regionale Unterschiede sowohl beim Anteil der Fachlehrer als auch bei den insgesamt erteilten Wochenstunden im Fach Musik.

„Natürlich muss fachfremder Musikunterricht keinesfalls schlechter Unterricht sein“, betont Höppner. Aber in Zeiten von immer heterogeneren Klassen werde das Unterrichten generell nicht einfacher. Höppner: „Mehr als je zuvor ist eine qualifizierte Ausbildung der Lehrkräfte in den einzelnen Fächern erforderlich.“

Er fürchtet, dass durch die Pandemie das Problem weiter verschärft werde. Die Politik müsse zwar angesichts gigantischer finanzieller Herausforderungen Prioritäten setzen. „Aber wir dürfen die Bildung nicht vergessen. Ich stelle eine große Diskrepanz fest zwischen den Sonntagsreden der Politik, die Bildung stets an vorderster Stelle nennt, und dem Handeln“, so Höppner. Erst kürzlich habe etwa Berlins Schulsenatorin verkündet, Musik sei kein Kernfach.

Dass Musik viel mehr ist als Singen und Trommel spielen, belegen zahlreiche Studien. Musik hat demnach eindeutig einen positiven Effekt auf die kindliche Entwicklung. Sie fördert die Vernetzung der Nervenbahnen und damit die Ausbildung des Gehirns. Musizieren fördert Kreativität, Gestaltungs- und Ausdrucksvermögen, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und Geschicklichkeit. Auch Bewegung, Gehör und kognitive Fähigkeiten profitieren davon. „Musik ist eine Beschäftigung für Herz und Verstand“, davon ist Christian Höppner überzeugt. Er selbst unterrichtet seit vielen Jahren an der Berliner Universität der Künste das Fach Violoncello.

Wie es um die musikalische Bildung in Kitas und an weiterführenden Schulen und Ausbildungsstätten bestellt ist, darüber gibt es bisher keine validen Daten. Letztlich ist Bildung in Deutschland Ländersache, das spiegeln auch die zum Teil großen regionalen Unterschiede in der Lehrerversorgung. Eine gewisse Tendenz abwärts vom Gymnasium über Real- und Hauptschule sei aber deutlich erkennbar, so Höppner. Allerdings gebe es auch in den eigentlich noch am besten aufgestellten Gymnasien immer weniger Musik-Leistungskurse. „Gerade diese sind aber oftmals eine wichtige Entscheidungshilfe für ein späteres Musikstudium.“

Für die kommenden Jahre zeichnet der statistische Trend ein noch düstereres Bild. Werden keine Gegenmaßnahmen ergriffen, werde sich der Mangel an Fachlehrern für Musik weiter verstärken, so die Analyse des Deutschen Musikrates. „Schon heute können sich unsere Uni-Absolventen ihre Stellen meist aussuchen“, weiß Höppner aus seiner Erfahrung als Dozent. Bereits in acht Jahren könnten dann schon 25.000 Lehrkräfte fehlen. Der Deutsche Musikrat sieht nun Landesregierungen, Schulbehörden und Hochschulen in der Pflicht. Ein Ausbau von Studienkapazitäten, die Erhöhung des Stundenanteils für ausgebildete Musiklehrer sowie die Gewinnung von Seiteneinsteigern seien mögliche Maßnahmen.

Wer nun darüber nachdenkt, Musiklehrer zu werden, hat also allerbeste Berufsaussichten.