Düsseldorf: Der Denker des globalen Dorfs

Düsseldorf: Der Denker des globalen Dorfs

Vor 100 Jahren wurde Marshall McLuhan geboren. Der Kanadier sah die Probleme der Internet-Gesellschaft voraus. Er hinterließ kein Werk im klassischen Sinn, sondern eine Geisteshaltung. Seine Art zu denken ist aktueller denn je: Bewegt euch, mahnte er, "seid intelligente Browser!".

Marshall McLuhan war begeistert von der Erzählung "Im Wirbel des Malstroms", und wer sie liest, kann mehr über diesen Denker erfahren als durch viele gelehrte Aufsätze. In der Geschichte von Edgar Allen Poe aus dem Jahr 1841 geraten drei Brüder auf hoher See mit ihrem Schiff in einen gewaltigen Strudel. Das Schiff zerbricht, die jüngeren Brüder halten sich an großen Wrack-Teilen fest und werden in die Tiefe gezogen. Der jüngere Bruder beobachtet die Situation, er erkennt, dass schwere Trümmer zuerst sinken, und wählt ein Fass als Rettungsinsel. Er überlebt.

Am 21. Juli 1911 wurde Marshall McLuhan im kanadischen Edmonton geboren. Und dass wir uns heute an ihn erinnern, hat mit seiner Art zu denken zu tun. Er war der erste Medientheoretiker, allerdings hatte er kein System, er errichtete kein Theoriegebäude. McLuhan gab Ratschläge, kurz und prägnant, und die wichtigsten gehen so: "Suche nach Mustern. Kehre deine Vorurteile um. Diskutiere den Standpunkt der anderen Seite. Belasse es nie beim ersten Eindruck." Poes Kurzgeschichte vom Malstrom diente ihm als Metapher dafür, wie man in Zeiten des Wandels den Kopf über Wasser hält. Der junge Seefahrer bleibt geistig beweglich. Er analysiert, was er sieht, und lässt sich nicht ins Chaos reißen. Warum das aktuell sein soll? Weil sich jeder in einem solchen Malstrom befindet: Die Welt der Medien, so McLuhan, ist ein geschlossener Stromkreis, in dem uns Informationen in Lichtgeschwindigkeit umkreisen. Internet, Handy: Wir schauen in den Abgrund. Seine Studenten begrüßte er stets mit der Aufforderung: "Seid intelligente Browser!"

Das Erstaunliche an McLuhan, der an verschiedenen Universitäten klassische Literatur lehrte, ist sein visionärer Ansatz. Der Mann, der sich in den 1970er Jahren schweren Hirnoperationen unterziehen musste, zuletzt nur mehr die Wörter "boy, oh, boy" sprechen konnte und 1980 nach einem Schlaganfall starb, hatte lediglich zehn Jahre Schaffenszeit. Zwischen 1962 und '72 kamen ihm seine wichtigsten Ideen. Er war der erste Philosophie-Popstar. John Lennon und Andy Warhol baten ihn um Lebenshilfe. Er hielt vor der Belegschaft von Unternehmen wie IBM Vorträge und kassierte dafür bis zu 25 000 Dollar. Er galt als bester Redner der Welt und konnte aus den Worten Platon, Erasmus, Batman und Beatles einen stimmigen Satz bilden. Star-Journalist Tom Wolfe widmete ihm das Porträt "Was, wenn er recht hat?". Als McLuhan 1977 in Woody Allens Film "Der Stadtneurotiker" auftrat, war der Ruhm indes bereits verblasst. Alvy, die Hauptfigur der Komödie, steht in der Schlange vor einem Kino und hört, wie vor ihm ein Dozent der Columbia-Universität am Beispiel Fellinis den Einfluss des Fernsehens auf das Kino erklärt. Empört zieht Alvy den echten McLuhan hinter einem Werbeaufsteller hervor, und McLuhan sagt zum Professoren-Kollegen: "Sie wissen nichts über meine Arbeit."

McLuhan galt damals als Spinner, der seine Behauptungen nicht auf Zahlen und Daten gründet, als Orakel, als Strom-Philosoph. Man erzählte sich Anekdoten über ihn, dass er von Büchern nur die rechte Seite las und dass er ein Buch überhaupt erst lese, wenn ihm Seite 69 gefalle. Eine Renaissance erlebte das Denken McLuhans erst in den 90er Jahren, und tatsächlich passt er ins Web-Zeitalter wie kein anderer Philosoph.

McLuhan beobachtete in den 50ern und 60ern die Entstehung der populären Kultur und den Siegeszug von Radio und Fernsehen. Er mochte diese Erfindungen nicht, schließlich lehrte er Shakespeare und Milton. Aber er meinte, dass man als Mensch der Gegenwart reagieren müsse: "Es wird alles nicht besser, aber es wird noch schlimmer, wenn man sich ans Alte klammert." Also arbeitete er mit Naturwissenschaftlern, übernahm Begriffe wie "Resonanz" und "Rückkopplung". Werbetexte betrachtete er als Zugänge zum Innenleben unserer Kultur; "Reklame ist die Höhlenmalerei des 20. Jahrhunderts". McLuhan wurde zum Ethnologen der modernen Welt.

Einheit und Linearität haben keinen Wert mehr, Form ist wichtiger als Inhalt – seine Bücher sind in diesem Geist geschrieben: Sie sind eher Collagen als geordnete Texte, man kann überall einsteigen, sie funktionieren wie Websites. Sein bekanntestes Buch "The Medium Is The Massage" kam fehlerhaft vom Setzer – statt "Message"(Botschaft) stand da "Massage", und er ließ es nicht korrigieren. Denn die mediale Umwelt habe eine narkotisierende Wirkung auf den Menschen, sie wirke wie eine Massage unserer Wahrnehmung. In dem 160-Seiten-Werk mit dem Kalauer-Titel stammt nur dieser eine Satz von ihm, den Rest ließ er seinen akademischen Hofstaat schreiben und von Grafiker Quentin Fiore mit reproduzierten Werbeplakaten und Bildern aus Zeitschriften gestalten.

Obwohl McLuhan das Internet nicht kannte, prägte er den Begriff des "globalen Dorfs" für eine Welt, die durch Medien zusammengeführt wird. Technik sei so wichtig wie die Literatur, fand er, denn sie verändere das Denken. Also näherte er sich dem Informationsstrom wie ein Forscher, stets überzeugt, darin einen Sinn erkennen zu können. Er wollte wissen, wie Kommunikationsmedien Einfluss auf das Bewusstsein des Einzelnen nehmen und wie sich daraus der Wandel der Gesellschaft ergibt.

Wir sind eingeschlossen in die Medien, sagte McLuhan, und die Medien wirken wie der Malstrom in der Story von Poe. Viele Menschen haben heute das Gefühl, sie drohten in der Datenflut zu ertrinken, das Internet zieht uns hinab. McLuhan sah das voraus, und er wollte unsere Seelen retten. Sein Rat: "Ein Standpunkt kann zu einem gefährlichen Luxus werden, wenn er Verständnis und Einsicht ersetzt." Bewegt euch, schaut von oben auf den Schlamassel: "Wir wissen nicht, wer das Wasser erfunden hat, aber mit Sicherheit war es kein Fisch."

(RP)
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