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Düsseldorf: Der Club der greisen Maestri

Düsseldorf : Der Club der greisen Maestri

Derzeit gibt es so viele prominente Dirigenten jenseits der 80 wie selten zuvor. Darunter sind Stars wie Pierre Boulez, Neville Marriner, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt und Nello Santi. Was drängt sie immer wieder zum Pult? Warum treten sie nicht ab? Und was haben sie ihren jüngeren Kollegen voraus?

Sie können nicht aufhören, denn etwas treibt sie auf diesen einsamen, erhabenen, begehrten Platz. Vielleicht das berufsständische Gefühl der Unentbehrlichkeit, weil es ohne Dirigenten nicht geht. Vielleicht die Mission, frühere Erfolge wieder und wieder zu reproduzieren oder gar zu steigern, als gelinge ihnen Beethoven bedeutender und eindrucksvoller, je länger und inniger sie ihn kennen. Vielleicht können sie es ihrer Psyche auch einfach nicht zumuten, dass sie abtreten und das Stöckchen ins Etui legen. War und ist denn der Dirigentenstab nicht das zarteste, doch bedrohlichste Zeichen ihrer Macht, ist er nicht Zuchtrute, Bajonett und verlängerter Zeigefinger in einem? Demonstriert er nicht, dass sein Benutzer letztinstanzlich den Ton angibt, obwohl er kein Instrument spielt und nicht singt? Diesen Taktstock zu halten ist eine Droge. Von ihr sind Dirigenten abhängig, die alten am schlimmsten.

M wie Musik und Macht, Mythos und Magie – dass Dirigenten wie Marriner, Maazel oder Masur (um nur beim M zu bleiben) bis ins hohe und höchste Alter das Podium über dem Orchester erklettern, hat damit zu tun, dass sie dort unangefochten die Bestimmung ihres Lebens spüren. Sie dürfen die absurdesten Dinge verlangen, niemand wird sich ihnen widersetzen. Sie können Leute schikanieren und coram publico wegen lässlicher Spielmängel vorführen ("Sie haben dieses Instrument aber studiert, oder?"), über sie wacht keine Kontrollbehörde, sie belangt kein Petitionsausschuss – wenn sie Mozart grauenhaft langsamer interpretieren, als es sinnvoll ist, zieht niemand sie zur Rechenschaft. Die Freiheit der Kunst ist eine Art Bunker, der sie vor fast allem schützt. Selbst wenn sich ein Dirigent verschlägt (das passiert übrigens häufig, ohne dass es jemand außerhalb des Orchesters merkt), ist das kein Grund für personelle Konsequenzen. Pultstars kündigt man nicht.

Dirigenten sind die letzten Diktatoren der Moderne. Jede Aufführung ist – allen Demutsbekundungen zum Trotz – ein Sieg über das Werk und über ein Orchester. Dieser Sieg ist zudem überaus heilsam erkauft, denn Dirigenten bewegen sich bei ihrer Arbeit, und zwar deutlich gesünder als jeder Orchestermusiker. Die Hormone der Macht und die Ertüchtigung des Leibes – so wird man alt am Pult.

Auch derzeit gibt es wieder eine ganze Tafelrunde von Pultstars, die der Legende vom greisen, kaum welkenden Maestro Nahrung geben. 80 Jahre alt oder älter sind: Claudio Abbado (Jahrgang 1933), Herbert Blomstedt (1927), Pierre Boulez (1925), Christoph von Dohnányi (1929), Wladimir Fedossejew (1932), Rafael Frühbeck de Burgos (1933), Michael Gielen (1927), Bernard Haitink (1929), Nikolaus Harnoncourt (1929), Lorin Maazel (1930), Neville Marriner (1924), Kurt Masur (1927), Georges Prêtre (1924), Michel Plasson (1933), Nello Santi (1931) und Stanislaw Skrowaczewski (1923). Mit mehr oder weniger großen Unterbrechungen, die das Alter ihnen abzwingt, sind sie ein Fall für die Gerontologie, Musterknaben der Altersforschung – und Vorzeige-Senioren für das gelebte Lustprinzip, dass Befehlen mehr Spaß macht als Gehorchen.

Darf man dieses edle Amt so direkt auf die tyrannische Komponente zurückführen, die ihm offen oder verdeckt zugrunde liegt? Ja, man muss es sogar, denn die Befehlsgewalt, die der Dirigent besitzt, ist kein Nachteil, keine psychologische Bürde für die Würde. Sie ist eine zwingende Voraussetzung, um das Amt ausüben zu können. Allein gegen alle – wer da oben, da vorn steht, nicht anders kann und davon das kritische Orchester und das erwartungsfrohe Publikum überzeugen soll, der muss von seiner eigenen Position und Auffassung überzeugt sein. Eitelkeit ist eine notwendige Bedingung, Besserwisserei zuweilen der Nebeneffekt. Eitel sind Dirigenten alle, zumal wenn sie alt werden – selbst die angeblichen Nüchternheitsfanatiker Boulez und Gielen sind Diven. Maazel macht sogar einen selbstironischen Kult daraus; keiner sieht beim Dirigieren so wunderbar gelangweilt und überlegen aus wie er. Unsere Veteranen haben gegenüber ihren jüngeren Kollegen aber einen gigantischen Vorteil: Man duldet gelegentliche Aussetzer und geht gnädig mit ihnen um – wie mit lieben Opis.

Dirigenten sind Überzeugungstäter, wobei im Alter die Gabelung droht: Der eine Weg führt zur Gelassenheit, der andere zum Zorn. Nachlässig wird keiner von ihnen, und wenn doch, dann ist das nicht zum Nachteil fürs Musikwerk: Ihr Gehirn hat Beethovens Siebte, Brahms' Zweite oder Mahlers Erste schon hunderte Male dirigiert, und in hohem Alter leitet sich manches Werk vermutlich wie von selbst. Jedenfalls ist der greise Maestro als solcher ein Museumsstück, das regelmäßig zum Leben erwacht. Er fordert Ehrfurcht. Er souffliert plutonische Kompetenz. Er birgt das ewige Wissen. Man bezeugt ihm Hochachtung. Seine Schallplatten aus jüngerer Zeit werden wie Testamente betrachtet.

In diesen methusalemischen Sphären nennt man den Dirigenten über 80 auf jeden Fall: Grandseigneur, Doyen, Nestor, Lordsiegelbewahrer, Großmeister und was der Ehrentitel es sonst gibt. In jedem Fall sind sie alle irgendwo Ehrendirigent und tragen Ehrendoktortitel. Derlei Majestät schlägt sich aufs Honorar nieder. Als Maazel im vergangenen Jahr noch einmal für drei Jahre bei den Münchner Philharmonikern unterschrieb und so die Vakanz zwischen Christian Thielemann (ging 2012 nach Dresden) und Valery Gergiev (kommt 2015 aus London) überbrückte, wurde über das Gehalt wohlweislich geschwiegen. Es liegt in astronomischer Höhe.

Das Geld, das die reifen Maestri verdienen, versüßt die Beschwernis, dass ihr Dirigentenleben kein Zuckerschlecken ist, obwohl mancher von ihnen mit jedem Konzert wie in einen Jungbrunnen steigt. Die Geschichte der großen alten Dirigenten ist auch eine Geschichte ihrer Krankheiten. Wir erinnern uns ächzender greiser Maestri, die zum Pult geführt, wenn nicht getragen wurden. Herbert von Karajan und Sergiu Celibidache waren öffentlich Leidende; die Passion zählte zu ihrem Auftrag und zu ihrer Botschaft: Schaut her, wie ich mich für euch quäle, um der Musik ihr Geheimnis zu entringen! Man applaudierte ihnen nicht nur als Künstlern, sondern auch als Stoikern des Schmerzes.

Andererseits scheinen gerade Dirigenten von schweren Krankheiten erstaunlich zu genesen. Abbado, Roger Norrington (wird im März 80) und James Levine (70) überstanden schwere Krebserkrankungen, Masur hat seine Parkinson-Krankheit im Griff, Mariss Jansons (70) hat nach seinem Herzinfarkt mehrere Bypass-Operationen und Herzrhythmusstörungen überwunden. Wie Jungspunde sehen sie alle im Alltag natürlich nicht aus, doch sobald sie am Pult stehen und zu dirigieren beginnen, wirken sie wie das blühende Leben.

Meldungen über ihre zunehmende Gebrechlichkeit sind für unsere Senior-Dirigenten allerdings lästig wie Fliegen, sie sabotieren die physische Seite der Unsterblichkeit, auf die sie insgeheim hoffen. Unangenehm sind Erkrankungen für Dirigenten, wenn sie Konzerte absagen müssen. Dieser Tage musste sich Pierre Boulez beim Chicago Symphony Orchestra krankmelden, was ihn bitterlich umtrieb, denn diesen französischen Maestro, der aufs Stöckchen verzichtet, um die Luft mit Handkantenschlägen teilen zu können, plagt ein ebenfalls für Dirigenten typisches Leiden: der Kontrollzwang. Man sieht das, wenn Boulez dirigiert; es ist eher Bewachung als Gestaltung von Musik. Unter ihm klingt Musik unendlich akkurat, doch selten strömt sie. In Chicago musste es sein Einspringer jedenfalls ertragen, dass während des Konzerts Boulez' persönliche Gedanken zu den Werken und seiner Interpretation per Videoprojektion eingespielt wurden.

Ist Boulez ein Fall für den Trauerberater, der die Kunst des Loslassens lehrt? Gewiss möchte er aufs Treppchen der Alterspräsidenten, aber sogar auf Bronze muss er noch warten. Zwar wird Boulez im März 89 Jahre alt, aber Stanislaw Skrowaczewski, Neville Marriner und Georges Prêtre sind älter, und diese Kollegen denken nicht im Traum daran, das Stöckchen aus der Hand zu legen. Prêtre hat unlängst Wiener Pläne mit dem Ausdruck der Rüstigkeit bekräftigt; Marriner hat dieser Tage in Düsseldorf drei Konzerte dirigiert, und mit jedem Abend sah er frischer aus; und Skrowaczewski klapperte mit seinen 90 Jahren noch vor zwei Wochen ans Pult des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin und legte eine spektakuläre Interpretation von Bruckners Vierter hin. Skrowaczewski ist ein Beispiel, dass man die Weisheit des Alters sogar hören kann. Für Blomstedt gilt das auch. Andere werden verbohrter, andere entspannter.

Die greisen Maestri: Sie hören schlecht, sie sehen nicht mehr gut, ihr Gang ist zittrig, ihre Belastbarkeit begrenzt. Aber sobald sie die letzte Stufe zum Dirigentenpodium besteigen, durchfluten sie Endorphine, die sie für zwei Stunden Probe oder Aufführung aufrecht halten. Dieser Cocktail der Hormone ist mit unwiderstehlicher Mischung angerührt: der Faszination der Musik und der Faszination der Macht.

(RP)