Berlin: Der bürgerliche Rapper: Prinz Pi führt die Charts an

Berlin : Der bürgerliche Rapper: Prinz Pi führt die Charts an

Das Album ist vor einer Woche erschienen, und schon jetzt steht es auf Platz eins der Charts. "Kompass ohne Norden" heißt die Platte des Berliner Rappers Prinz Pi, sie ist musikalisch ausgereift wie wenige HipHop-Produktionen aus Deutschland. Und die Texte unterscheiden sich wohltuend von der Ghettosprech- und Fäkalreim-Konkurrenz aus den Hochhäusern vor den Toren der Hauptstadt.

Prinz Pi ist 32 Jahre alt und heißt eigentlich Friedrich Kautz. Er trägt Hornbrille und Bootsschuhe. Das Beamtenkind verkörpert das Bürgertum innerhalb dieser Subkultur, er hat nichts Prolliges an sich. Ihn interessiert nicht Härte, sondern Schönheit. Kautz veröffentlicht seine Alben auf dem eigenen Label Keine Liebe Records, ein Drei-Mann-Unternehmen in einer Altbau-Wohnung. Er hat keine große Plattenfirma im Rücken, dennoch schaffte es schon das Vorgänger-Album "Rebell ohne Grund" in die Top 10.

Der Grund für den Erfolg könnte der Bezug zum Alltag seiner Hörer sein. "Kompass ohne Norden" ist aufgebaut wie eine Kurzgeschichtensammlung. Der Künstler hält Rückschau; in 13 Kapiteln erzählt er seine Jugend, sie fügen sich zu einem Coming-Of-Age-Roman aus der deutschen Wirklichkeit. Man begegnet einem Jungen, der aufbrechen will: "Mama, ich muss los, muss dabei sein". Man begleitet ihn zur Zeugnisvergabe und zum Abi-Ball: "Hat nie richtig angefangen, immer nur irgendwann / Nach dem Nächsten dann, wann fängt's mal richtig an?" Auch die Uni gibt keine Geborgenheit: "Bin nie angekommen, nur einmal angenommen."

Kautz bezeichnet sich als Moralist, er hat keine Furcht vor altklugen Aussagen, und genau genommen macht er doch eher Pop als Rap. Der Sound ist analog, altmodisch. Die Texte sind wehmütig, melancholisch. Es geht um verlorene Freundschaften und die Mittelbarkeit der Kommunikation. "Unsere smarten Handys machen aus Beziehungen Chats", singt Prinz Pi, und: "Im Apple Store, da zahlen wir Raten ab beim weißen Gott". Die Haltung des Erzählers in den Texten ist die des Staunenden. Prinz Pi beobachtet, er sieht Veränderungen, die er nicht aufhalten kann. Und er wundert sich, dass sich die Welt noch schneller drehen kann. Er hat keinen Plan zur Rettung der überforderten Zeitgenossen. Aber den Rat: "Sei ein Mensch und kein Hai, Mensch".

(RP/gre)